Pickts enan eine …

Foto: Milena Krobath

Der Herausgeber der legendären Straßenzeitung UHUDLA, Max Wachter, stellt für Unsere Zeitung die Titelgeschichte der druckfrischen 101. Ausgabe zur Verfügung, ein Sprachkurs für Fortgeschrittene:

Der unvergessene Wiener Kabarettist „Quasi” Qualtinger im Original: „Was die Österreicher und Deutschen am meisten trennt, ist die Sprache”. S’is an der Zeit, dass der UHUDLA seinem Bildungsauftrag gerecht wird. Wir schalten um auf die Friedhofstribüne. Ein Wienerisch-Sprachkurs für Piefkes.

Also die Gschicht is a so. Es war das letzte Meisterschaftsspiel des Wiener Sportklub gegen die jungen Nachwüchsler der Wiener Austria. Für den Sportklub ging’s um den Klassenverbleib in der Reginalliga Ost. Das ist die 3. Liga in Ösiland. Für die Austria Amateure war’s wurscht, denn die dürfen eh nich aufsteigen. Halbzeitstand 0 : 3 für die Veilchen. Endstand 3 : 3 und die Schwarzweißen aus Heanois waren ihre Abstiegssorgen los.
Bevor wir auf die Friedhofstribüne wechseln, eine Einleitung. Es könnte der Eindruck entstehen, dass die BesucherInnen der Friedhofstribüne nur saufen. Da gibt’s aber sehr viele, nicht alle, die sich sozial und politisch engagieren. Dazu zählt der Ute Bock Cup, Good Ball und andere Initiativen. Genau das macht die Friedhofstribüne aus.

„Wir sind unabsteigbar” jubelten viele Fans während einer feuchtfröhlichen Tschecherei (ist Saufpartie) in der kruftigen Vereinskantine in den Katakomben der altehrwürdigen Friedhofstribüne. Auf die Frage, ob auch soviel getrunken würde, wenn’s Richtung Wiener Landesliga gegangen wär. „Trockener” Kommentar: „Da tada ma no mehr saufen, wöö Frust is schlimma wia Hamweh”.

Zurück auf die Friedhofstribüne. Eine Deutsche schüttelt den Kopf und sagt zu ihrer Freundin. „Im Wienreiseführer steht: Wer die Wiener Sprache verstehn will, sollte ein Fußballspiel besuchen. Dort lernt man und frau schnell die Feinheiten des Wiener Dialekts. Nun bin ich da und ich versteh gar nichts”. „Mir gehts genau so”, pflichtet ihr die Freundin aus Germanien bei.

„Pickts enan eine, pickts enan eine”, toben entfesselte Sportklubfans und scheppern mit ihren Schlüsselbünden. Es steht bereits 2 : 3 und es fehlt nur mehr a Türl zum Ausgleich. Nachdem der Freistoß des Sportklubs das Tor (auch Türl genannt) knapp verfehlte, fragte eine der deutschen Frauen:
„Was schreit ihr da eigentlich?” Ein grauhariger Althippie mit Schiebedachmatte und ausgeprägtem Ottakringer Muskel (Beschreibung eines älteren Mannes mit halbglatzigem Langhaar und Bierbauch) gibt Auskunft. Schaut’s Madln, das heißt einfach ausgedrückt: „Das Runde muß ins Eckige”. „Aha eure Spieler sollen den Ball mit der Picke ins Netz kicken. – eh klar”, freut sich die germanische Freundin.

A Eitrige mit Gschieß, dazua an Bugl und don no a 16er Blech

„Nix klar. Pickn hat mit der Picke nix zu tun und mit kicken auch nicht. Ins Deutsche übersetzt, heißt: „pickts enan eine – klebt der gegenerischen Mannschaft den Ball ins Tor”, liefert der beschriebene Sportklubfan die Übersetzung des Clubinternen „Schlachtgesangs” nach der Melodie des kubanischen Revoluzzer-Lyrics „Guantanamera”.
UHUDLA Hinweis: Auf You Tube ist der Revoklassiker Guantanamera von Jose Marti interpretiert von Pete Seeger unter: http://www.youtube.com/watch?v=X5JLCAIJLJ8&feature=kp zu finden. 1,2 Millionen Aufrufe. Ganz oben rechts die deutsche Übersetzung über „Wikipedia” des Gassenhauers aus Kuba.

Es gibt aber mehrere Intonisierungen von „Picks enan eine”. Wenn der „Pfostensteher” (frei nach Piefke: der Torwart) des gegenerischen Teams ein Ungustl is und die Friedhofstribünenfans provoziert, dann schreien die Sportklub-Fans „Pickts eam an eine”, oder „Pickts em ane”. Simpel einfach: „gebts ihm eine Watschn“ (deutsch: Ohrfeige, Maulschelle). Mann und Frau aus Deutschland dürfen dann den Schlussmann auch ungestraft „Vollpfostn” nennen. Das Wort sollte nicht verwendet werden, wenn ein Sportklub Spieler das Spielgerät an die Stangen des gegnerischen Gehäuses nagelt. Dann hätte das Wort „Vollpfostn” folgenschwere Folgen für die deutschösterreichische Freundschaft.

Für die erste Lektion ist der Wienerischkurs für Piefkes ganz schön hart. Deshalb noch ein Lichtblick für fortgeschrittene AllemannInnen, die in Wien leben. Eh schon wissen: Gfeiert und Gsoffn wird in Dornbach immer, egal ob Sieg oder Niederlage. Wenn Er oder Sie bei der Wurstbratstation hinter der Friedhofstribüne eine „Eitrige mit Gschiß und Bugl, dazu noch ein 16er Blech bestellen” und vom Grillteam net die Antwort kommt: „Olde (für Frauen) Olda (für Männer) wos host gsogt“ kommt, dann hast du die Matura, ah Abitur für Wienerisch so gut wie sicher.

Die Bestellung jetzt noch fürs Vokabelheft: Eine Eitrige = ist eine österreichische Bratwurstspezialtät mit Käsestücken. Wer zu gierig reinbeißt verbrennt sich die Goschn = Schnauze und versaut sich die Kluft = Kleidung. Gschieß ist eine österreichische Senfsorte mit kleinen Bröckerl = Stückchen, aber Gschiß selbst ist einfach zu übersetzen und heisst ganz richtig, draufgeschissen. 16er Blech = ein Dosenbier der Ottakringerbrauerei aus dem 16. Hieb = 16. Wiener Gemeindebezirk.

Als Hausübung wünscht sich der UHUDLA eine deutsch Übersetzung des Liedtextes „Liabschoft aus Heanois von seinen bundesrepublikanischen Leserinnen und Lesern.

Text: Martin Wachter
Foto: Milena Krobath

Ersten Kommentar schreiben

Antworten

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.


*


Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.