„Wir können doch nicht alle nehmen!“

Asylkalender_Tag12Richtig, allerdings sind wir davon Lichtjahre entfernt. „Alle“ wären nämlich 59,5 Millionen In Worten: neunundfünfzig Millionen und fünfhunderttausend Menschen, die laut UNHCR im Moment auf der Flucht sind. Davon besteht der überwiegende Teil aus sogenannten Binnenvertriebenen, die auf ihrer Flucht nicht über die Staatsgrenze hinauskommen.

Asylkalender, 12. Dezember 2015.

Des Weiteren nahm die Türkei bereits 1,59 Mio, Pakistan 1,51 Mio, der Libanon 1,15 Mio und der Iran 982.000 Schutzsuchende auf. Bezeichnenderweise befindet sich unter den „Top 10“ kein einziges europäisches Land.

Sieht man sich den „pro-Kopf“-Vergleich an wird noch drastischer klar, dass die Panikmache hierzulande vollkommen unangebracht ist. Libanon führt die Statistik an mit 232 Flüchtlingen pro 1000 Einwohner. Die Österreichische Zahl wäre 2 (zwei), die deutsche 1,5 (pro 1000 Einwohner).

2014 wurden fast 14 Millionen Menschen aus ihrer Heimat vertrieben, davon kamen etwa 714.000 nach Europa – also 5%. Fünf Prozent. Für GANZ Europa.  Jeder und Jede kann sich ausmalen wo die restlichen 95% landen.

„Das Boot ist voll“ – ach ja? Diese zynische, grausige Behauptung die man Menschen entgegnet, die in tatsächlich übervollen Booten eine lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer antreten entbehrt jeder Wahrheit, da sie keinem Vergleich standhält.

Trotzdem spielen Medien mit Assoziationen die uns Angst machen sollen. Wörter wie „Welle“, „Flut“ – „Invasion“, „Lawine“ oder „Ansturm“ werden als Beschreibung von Menschen, die Hilfe brauchen,  zum völlig normalen Sprachgebrauch.

Das „Boot Österreich“ jedoch ging weder unter als 180.000 UngarInnen 1956/57, noch als 1968 aus der Tschechoslowakei 162.000 kamen. Wir haben 1991/1992 während der Balkan-Kriege  110.000 Menschen aus Kroatien und  Bosnien-Herzegowina aufgenommen. Österreich war und ist Zufluchtsland für KurdInnen, TschetschenInnen, SerbInnen, AfghanInnen und Syrer/innen. Die Meisten der 2 Mio seit 1945 Aufgenommenen konnten wieder zurück in ihre Heimat bzw. haben sich in anderen Ländern niedergelassen, viele blieben. (etwa 700.000, wobei in dieser Zahl die hunderttausenden Gastarbeiter aus Jugoslawien und der Türkei miteingerechnet sind die wir in den 1960er und -70er Jahren angeworben haben)

Die aktuelle Zahl der Asylsuchenden beträgt für Österreich etwa 56.000 für das Jahr 2015. Das ist viel im Vergleich zu den Vorjahren, ja, aber sag das doch mal jemandem aus Jordanien (82 pro 1000 Einwohner – dort brennen meines Wissens nach allerdings keine Flüchtlingsunterkünfte).

Wir werden also nicht überrannt und das hochgelobte Abendland ist nicht in Gefahr. Warum unsere PolitikerInnen trotzdem scheinbar völlig überfordert sind und warum viele „InländerInnen“ selbst Existenzängste haben müssen und dann mitunter keinerlei Empathie für AsylwerberInnen aufbringen können, die Beantwortung dieser Fragen steht auf einem anderen Blatt Papier.

Wir haben Hilfe zu leisten mit allem, was in unserer Macht steht und das ist – meine ich – sehr viel. Dazu verpflichtet unser Mensch-Sein.

Text: Eva Aigner
Grafik: Michael Wögerer (Quelle: unhcr.at)

Asylkalender:

  1. Dezember: „Asyl-Fakten interessieren doch Rechte gar nicht.“
  2. Dezember: „Asylwerber bekommen Geld für’s Nichtstun“
  3. Dezember: Lugar: Syrer sollen „dort für ihr Land kämpfen“
  4. Dezember: „70 Prozent sind in Wahrheit Wirtschaftsflüchtlinge“
  5. Dezember: „Besonders in den vergangenen Jahren ist Kriminalität systematisch importiert worden.“
  6. Dezember: Österreich ohne Zuwanderung: Ärmer, älter und ziemlich fad
  7. Dezember: Das Märchen vom Sozialtourismus
  8. Dezember: Die irrationale Angst, die „Minderheit im eigenen Land“ zu sein
  9. Dezember: „Dutzende IS-Terroristen im Flüchtlingsstrom“
  10. Dezember: „Warum kommen nur junge Männer nach Österreich?!“
  11. Dezember: Alles Fachkräfte oder Lumpenproletariat? Wurst.
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