Fotos, Fußballfieber und andere rhetorische Krankheiten

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 72]

1872_engl_v_scotland-2Klara* und Markus haben Freitagabend ein unscharfes Selfie von sich auf Facebook hochgeladen. Es zeigt das Paar mit müdem, aber zufriedenem Blick beim Public Viewing, das die Strandbar Hermann „#amarschderweltinwien“ zur EURO veranstaltet. Hinter ihnen sind eine mobile Leinwand, eine vorübergehende Bar und Festzeltgarnituren zu sehen. Das Wetter hält, wenngleich die TV-Vorhersagen der vergangenen Tage das Armageddon heraufbeschworen. Das Bild ist aufgrund der Natur der abgebildeten Bauten unbedenklich.

Hätten sich die zwei hingegen vor dem Rathaus oder im Alten AKH abgelichtet, sehe die Sache anders aus: Diese Gebäude sind langfristig angelegt. Deren Urheber (sprich die Architekten) beziehungsweise die RechteinhaberInnen könnten bei einer Vervielfältigung (Upload, Share) eines solchen Selfies Klara und Markus zur Kasse bitten. So steht es zumindest im § 54 (1), 4 und 5 Urheberrechtsgesetz. Diese Vorschriften stecken die Panoramafreiheit ab: Dabei geht es um das Recht, frei zugängliche öffentliche Bauwerke ablichten und entsprechende Stand- wie Bewegtbilder öffentlich zeigen, ja verbreiten zu dürfen. Brüssel könnte es demnächst wieder beschränken, was Medien erhebliche Probleme bei der Berichterstattung einbrächte, so bei Aufmärschen.

So könnte man auch Facebook zur Kasse bitten, denn der Social-Media-Riese nimmt sich in Ziffer 2.1 seiner Nutzungsbedingungen das Recht heraus, jeglichen User-generated content (alle Fotos, Memes, Profilvideos, Statusmeldungen, Nachrichten, Kommentare, Shares und Likes von Klara und Markus) gratis zu verwerten. So werden die zwei und andere Fußballfans in den kommenden Wochen sehr viel Werbung von Sportbekleidungsfirmen, Sodaherstellern, Sammelalben und ähnlichem im Web 2.0 sehen.

Auch in klassischen Medien ist die EM-Endrunde allgegenwärtig. Am Mittwoch strahlte das Weltjournal eine lieblose Dokumentation von Eva Twaroch aus, in der sie vor allem PariserInnen interviewte, die sie schon drei Jahre zuvor porträtiert hatte. Anscheinend beabsichtigte sie scharf kontrastierende Reaktionen aufgrund der Anschläge des Vorjahres. Doch Panik blieb aus. Die Korrespondentin moderierte ihre Sendung auf einer Pressetribüne über der Fanmeile vor dem Eiffelturm an und ab. Was witzig erscheint, da sie am Donnerstag in der ZiB2 genau an derselben Stelle stand, diesmal nur links vom Monument. Twaroch und ReporterInnen anderer Kanäle bemerkten ehrfürchtig die absurd strengen Sicherheitsvorkehrungen rund um französische Stadien. An den geplanten Inneneinsätzen der heimischen Militärpolizei stößt sich unterdessen niemand.

Die SportkommentatorInnen üben derweil fleißig mit abgegriffenen Metaphern. In den Redaktionen gehen das Fußballfieber und andere rhetorische Krankheiten um, wie die 50 Jahre Schmerz Englands. Die Eröffnungspartie an sich war größtenteils fad. Eine Kollegin fasste sie treffend zusammen: „Meine Güte, Thomas König. Bitte halte die Klappe. Bitte!“

*Namen vom Autor geändert.

Bild: William Ralston – Illustration des ersten dokumentierten Fußballländerspiels 1872 (Schottland-England). Quelle: wikipedia (Lizenz: gemeinfrei).

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Ein Gedanke zu „Fotos, Fußballfieber und andere rhetorische Krankheiten

  • 16. Juni 2016 um 11:34
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    Der Inneneinsatz unserer Militärpolizei (MP) ist auch vollkommen abgekupfert von den USA. Allerdings wird Er dort nicht aus Sparsamkeitsgründen wie bei Uns gemacht, sonder weil die USA eine Union aus weitgehend sebständigen STAATEN ist und die Armee eine der wenigen von Washington, D.C. aus zentral gesteuerten Objekte ist. Nur so kann die zentrale Regierung in Washington, D.C. Macht ausüben.

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