ORF-Bewerbungen: Klischees und Blindtexte

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 79]

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Wahlkämpfe sind oft von Versprechungen geprägt, die hinterher kaum halten. Denken wir an Guantanamo Bay (Obama), blühende Landschaften (Kohl), die Bildungsreform (so ziemlich jeder Kanzlerkandidat der Zweiten Republik).

Beim Chefsessel im ORF ist das ähnlich. Da schreibt man vertrauliche Konzepte, die keiner außerhalb des Stiftungsrats lesen soll, dennoch bekannt werden. Öffentlich patzen sich dann die Hauptwerber gegenseitig an. Beide gehören zum Establishment, spielen sich aber zu Reformern, Revoluzzern auf gegen das, was sie selbst seit Jahren mitverantworten. Jetzt kann man trefflich über Parteieneinfluss schimpfen, über Außenzwänge, über das Mediensystem im Allgemeinen. Dafür eignet sich ein Magazin nach dem Vorbild von ZAPP, wie es ExpertInnen seit jeher fordern, aber nur auf stiefmütterlichen Sendeplätzen für digitale Medien gibt. ÖVP– wie NEOS-Sympathisant Grasl, seit 2009 Schatzmeister des ORF, verspricht in seiner Bewerbung ein volles Medienmagazin.

Während Grasl mit seiner Berufsbiografie einsteigt, ein persönlich gefärbtes Motivationsschreiben in schwarz-blau auf weiß mit informativen Grafiken und gut ausgewählten Schriftarten vorlegt, wirkt die Bewerbung vom rosaroten Wrabetz wie die hingerotzte Rohfassung eines Public Value-Berichts. Das Ich, ein Fixpunkt jeder Bewerbung, kommt darin einzig auf Seite 67 vor.

Ein Afrika-Büro, welches Wrabetz ankündigt, wird nicht ausgeführt, im Gegensatz zum „Social Media-Haus“, das er unermüdlich propagiert. Deshalb trägt schon der Titel den Hashtag „#ORF2021“.

Das heißt nicht, dass Grasls Entwurf frei von Klischees und Blindtexten wäre. Managersprech („Asset“, „Governance“, „Great Place to Work“) und Binsenweisheiten zur Digitalisierung wie zum Programmauftrag („die Unverwechselbarkeit des ORF … hervorzustreichen“) prägen auch diesen Schrieb. Als zentrale Leistung jedes Lokalstudios sieht Wrabetz die Landesfürsten-Frühstücksschiene Guten Morgen Österreich. Grasl will den zugehörigen Trailer einmotten, nachdem er ihn als Kaufmännischer Direktor abnickte.

Zu den größten ORF-Erfolgen in der Amtsperiode der beiden zählen die heute-Schiene (leben, konkret, österreich u.a.), Formate wie IM ZENTRUM, der ESC 2015, preisgekrönte Serien (Braunschlag, Vorstadtweiber), der Sieg in der Causa Facebook und der Kultursender ORF III. Ausgerechnet der steht auch für einen medienökonomischen Zankapfel, die Werbung in öffentlich-rechtlichen Sendern. Braucht niemand, wenn der Gesetzgeber endlich die Landesabgabe streicht.

Am Dienstag kürt der Stiftungsrat vermutlich jenen Bewerber zum nächsten ORF-General, dessen Drohung, mit dem Proporz zu brechen, vorerst weniger glaubhaft ist. Jedenfalls fiel Wrabetz hier schon 2011 negativ auf, als er aus gut 3000 BewerberInnen Niko Pelinka (damals SPÖ-Freundeskreis) zum Bürochef machen wollte. Redaktionsproteste verhinderten dies.

PS: Ehe ich es wieder vergesse, vielen Dank an Kollegin Jaqueline von Radio Orange für den Filzmaier-Witz in Folge 76.

Grafik: pkwahme – Lorem Ipsum (Lizenz: CC BY 2.0)

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