Leidende „Superkrüppel“

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 85]

7962831180_f9f7f83f38_zDie XV. Paralympischen Spiele von Rio de Janeiro sind am Sonntag zu Ende gegangen. Dort beschloss die 63jährige (!) deutsche Diskus-Veteranin Marianne Buggenhagen mit Silber ihre Profikarriere nach 27 Lenzen. Der persische Radfahrer Bahman Golbarnezhad starb nach einem Sturz während eines Straßenrennens. Ein britisches Duo besiegte beim Rollstuhltennis-Rekordmatch von gut viereinhalb Stunden die israelischen Kontrahenten. China führt mit Abstand den Medaillenspiegel an.

Haben Sie alles nicht richtig mitbekommen? Grämen Sie sich nicht, dem Mainstream sind diese Wettkämpfe ja kaum was wert. Gerade, wenn Österreich nur neun (einmal Gold, je viermal Silber und Bronze) Edelmetalle abstaubte. Das öffentliche Desinteresse schlug sich im Fernsehprogramm nieder. Zwischen Dienstag und Samstag etwa übertrugen alle ORF-TV-Sender zusammen 530 Minuten der Paralympics – und zwar ausschließlich als Zusammenfassungen. Lediglich 106 Minuten bei 96 Stunden Programm täglich ergab das im Schnitt. ORF2 und III führten nie explizite Rio-Formate. ORF eins sendete lieber Fußball und Formel 1, die Deutschen nachts ausführlich.

 

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Klischees

Sendeminuten allein sagen wenig über die Berichterstattung aus, deuten aber an, wie es um das Ansehen des Behindertensports steht. Ihm wird weniger Aufmerksamkeit geschenkt, da er als schlechter und zweitrangig gilt.

Denn als Norm konstruieren gerade Bildmedien allzu oft muskulöse, weiße (Usain Bolt bestätigt die Regel) Hetero-Topathleten ohne Behinderung, die Übermenschen (Bruce ’14). Diese problematische Marke wird auch für beeinträchtigte SportlerInnen genutzt. Anstatt sie (und andere behinderte Personen) als Menschen anzuerkennen, werden paralympische StarterInnen im besten Fall als superhumans, als super-crips, Superkrüppel porträtiert. Dabei gilt die Mehrheitsnorm als zu erstrebendes Ziel, die sportliche Überwindung der körperlichen Beeinträchtigung sowieso.

Ferner werden SportlerInnen der eigenen Nation eher über ihre Erfolge, AusländerInnen über ihr vermeintliches und echtes Leid definiert (Bruce ’14, Thompson ’13). Nehmen wir den STANDARD vom 15.: Auf Seite 27 dominierte ein Beitrag über die Muskelkrankheit der belgischen Rennfahrerin Vervoort und ihren Wunsch nach Sterbehilfe. Ihre sportliche Leistung (Silber, 400m) war Randthema. Dahingegen kam die Lähmung von Dressurreiter Pepo Puch (Gold) darunter als eine Info von vielen daher. Das ist nicht nur eine Ösi-Unart, sondern in Japan, der New York Times und Neuseeland ebenso üblich, um drei zu nennen.

An diesem Umstand trägt das IOC eine Mitschuld. Schließlich finden die Paralympischen Spiele eben nicht parallel zu den Olympischen statt, sondern nach einer bewussten wochenlangen Medien-Quarantäne. Inklusion ist das nicht.

Foto: Paul MillerParalympic Marathon 2012 (Lizenz: CC BY 2.0)

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