Wenn der Küchenlichtschalter in Irland ist

Ich hab mir jetzt auch so ein Amazon Echo Ding bestellt. Ausgepackt, die kurze Bedienungsanleitung angesehen, Amazon Alexa App aufs Handy geladen und in Betrieb genommen. Keine fünf Minuten später ist das Gerät betriebsbereit. Wirklich einfach. Warum ich es dennoch wieder zurückschicke, lest ihr ganz unten im Fazit.

Amazon Echo vs. Dot – and who the fuck is Alexa?

Die Hardware heißt “Amazon Echo” und ist ein ca. 25cm hoher Zylinder mit eingebauten Lautsprecher. Die kleine Schwester heißt “Amazon Dot”, hat keine Boxen und ist dafür gedacht an eine Musikanlage angeschlossen zu werden.

Der digitale Assistent dahinter – manchmal auch künstliche Intelligenz bezeichnet – heißt Amazon Alexa. Aktiviert wird Alexa mit einem Aktivierungswort das standarmäßig Alexa ist.

Künstliche Intelligenz

Von einer künstlichen Intelligenz ist Alexa allerdings noch weit entfernt. Es ist nichts anderes als eine sprachgesteuerte Menüführung durch ein Softwareprodukt. Dass Alexa von einer echten KI weit entfernt ist, sieht man zb. daran, dass man die Befehle sehr genau sprechen muss. Ein “Spiele Zähneputzlied” wird nicht erkannt. Ein “Spiele Zahnputzlied” findet hingegen das “Zahnputzlied” von “Junge Dichter und Denker”. KI? Bei weitem nicht.

Eine künstliche Intelligenz wäre wohl in der Lage einen Konnex zwischen „Zähneputzlied“ und „Zahnputzlied“ herzustellen.

Computer!

Um ein Star Trek Feeling zu bekommen, ändere ich das Aktivierungswort “Alexa” auf “Computer”. Sag ich jetzt “Computer!” – so schimmert der Ring oben am Gerät bläulich und man erkennt, dass man jetzt einen Befehl sagen oder eine Frage stellen kann. Zb: “Wie wird das Wetter morgen?”. Die Antwort kommt prompt: “Morgen ist es in Wien regnerisch mit einer voraussichtlichen Höchsttemperatur von 6° und einer Tiefsttemperatur von 2°”

Eine Übersicht über Fragen die man Alexa stellen kann, gibt es zb. hier.

Ein Kilo Brot oder ein Kilo Gold? Ach, was macht das schon …. 

Um von Alexa verstanden zu werden, sollte man schon klar und deutlich sprechen. Sind zuviele Hintergrundgeräusche vorhanden (schreiendes Kind, Küchengeräte, …) ist es aber schon vorbei mit der Spracherkennung. Manches Mal muss man die Frage oder den Befehl ein zweites Mal formulieren … oder resignieren.

Ein Kilo Brot oder ein Kilo Gold? Ach, was macht das schon …. 

Radiostreaming

“Computer! Spiele Radio Ö1” funktioniert recht gut. Ö1, Radio Klassik Stephansdom, Radio Fritz Berlin oder österreichische Düdeldummsender findet Alexa auf Anhieb. Alle Radiosender werden über die Plattform tunein.com gestreamt. Was es auf tunein.com gibt, kann gestreamt werden – alles andere kennt Alexa nicht. Wer also Radio Maria streamen will – Pech gehabt.

Musikstreaming

Möchte man Musik abspielen, wird im Hintergrund der Amazon Prime Musik-Dienst verwendet. Die Gratisvariante hat eine sehr eingeschränkte Auswahl an Musik. Für €3,99 im Monat kann man die kleinste Mitgliedschaft erwerben und es stehen einem ca. 40 Mio Songs zur Verfügung. Man kann aber auch seinen Spotify-Account oder andere Streamingdienste als Quelle hinterlegen.

Die Auswahl der Musik funktioniert über Interpret oder Songnamen. Zb: “Spiele Falco” – ruft eine zufällige Wiedergabe von Falco Songs auf. “Spiele den Song Dancing Queen von Abba” funktioniert auch zuverlässig. Bei Titeln in Deutsch oder Englisch funktioniert das ganz gut. Die Titelauswahl von Dialektstücken oder französischen Titeln ist ein Ding der Unmöglichkeit. Sigi Marons “Ballade von ana hoarten Wochn” auszuwählen geht gar nicht. An Edith Piaf Songs scheitert man ebenso. Auf “Spiele Song non je ne regrette rien” antwortet mir Alexa: “Was soll ich deiner Liste hinzufügen?”. “Spiele Edith Piaf” funktioniert aber. Es schaltet eine Zufallswiedergabe von Edith Piaf Liedern ein.

Ein gezieltes Suchen über die Spracheingabe ist kaum möglich. Aber man kann sich in der Prime Musik Weboberfläche oder in der App persönliche Playlists anlegen und dann mit der Sprachsteuerung aktivieren.

Nachrichten

Mit dem Befehl “Was sind meine Nachrichten?” kann man sich Nachrichten vorlesen lassen. Die Quellen dafür kann man in der Alexa App konfigurieren. Es gibt zb. Ö3, Bildzeitung, diverse deutsche öffentlich rechtliche Programme, Heise usw.

Diese sprechen entweder die Nachrichten selbst wie zb. Ö3 oder lassen den eigenen Content wie zb. Heise von der Alexa Stimme vorlesen.

Es gibt auch spezielle Sportnachrichten für seinen Lieblingsklub – ich hab mich beim Ausprobieren auf Fußball beschränkt. Allerdings ist die Auswahl für österreichische Vereine im Moment noch gar nicht vorhanden, für Deutschland gerade mal die erste Bundesliga. Rot-Weiß Oberhausen kennt Alexa nicht.

Kalendersteuerung

Meinen Kalender verwalte ich mit Google-Calendar. Der ist mit ein paar Klicks in der Alexa Onlineoberfläche eingebunden. Ich kann mir jetzt meine kommenden Termine vorlesen lassen “Computer! Was sind meine nächsten Termine” oder kann neue Termine mit Spracherkennung eintragen.

Wecker

Man kann Alexa auch als Wecker verwenden. “Computer! Stelle Wecker auf 07.00” funktioniert zuverlässig. Warum man aber nicht gleich einen Radiosender oder Musik als Weckfunktion einstellen kann verstehe ich nicht ganz. Ein “Computer! Wecke mich um 07.00 mit Rage against the machine” wäre doch vermutlich nicht soooo schwer zu implementieren.

Haussteuerung

Wofür Amazon Echo gerne verwendet wird ist in der Smart Home Welt. So gibt es Glühbirnen, Heizungssteuerungen, Jalousien usw. die man darüber steuern kann. Allerdings nenne ich so etwas nicht mein eigen. Es muss so ca. 1990 gewesen sein, als ich in meinem Kinderzimmer einen “Klatschschalter” selber gebaut habe. Mit einem Klatschen konnte ich das Licht ein bzw. ausschalten. Jetzt, als Bewohner einer 100m² Wohnung sehe ich keine Notwendigkeit meine Lampen mit WLAN auszustatten. Mit 3 Schritten bin ich sowieso bei jedem Schalter. Und vor dem Schlafengehen auch noch rumbrüllen zu müssen: “Computer! Schalte Licht aus!” ist vielleicht auch nicht sehr sinnvoll, wenn Frau und Kind schon schlafen.

Eigene Skills programmieren

Man kann Alexa selber erweitern mit sogenannten Skills. Dafür bietet Amazon ein eigenes Software Entwicklerkit an. Man ist allerdings daran gebunden die Amazon Cloud Services zu benutzen. Ein Amazon Skill Programm interagiert mit einem Amazon Lambda Service. Vom Lambda Service aus kann man dann beliebigen Code ausführen und Drittservices wie externe Webservices ansprechen.

Über Irland das Licht im Wohnzimmer einschalten

Hier kommen wir auch schon zu einem Grundproblem, dass man nicht aus den Augen verlieren sollte:

Wie kommt der Befehl “Schalte Licht ab” zu meiner Glühbirne?

Als erstes spricht man das Aktivierungswort. Also zb. “Alexa” oder wie in meinem Fall “Computer”. Dieses Wort erkennt Alexa lokal – dafür ist noch kein Internet notwendig. Doch der Befehl der anschließend gesprochen wird, wird an das Amazon Rechenzentrum gesendet. Dort wird die Spracherkennung vorgenommen und bei positiver Erkennung ein entsprechendes Programm in der Amazon-Cloud in Irland aufgerufen. Dieses Programm kontaktiert dann wiederum meine Glühbirne im Wohnzimmer und sagt ihr: ab/anschalten. Absurd, oder?

Das heißt jeder Request geht ins Internet. Fällt das Internet mal aus (Hallooo UPC!) kann man also nicht mal mehr das Licht abschalten.

Oder wer will nicht sein Garagentor übers Internet steuern? Was kann da schon passieren?

Andere Smart-Home-Lösungen kommen ohne Internet aus und funktionieren über ein rein lokales Netzwerk sind aber meist in der Konfiguration nicht so komfortabel und einfach wie diese Amazon-Lösung und haben keine Spracherkennung. Wie teuer man sich diesen Komfort auf Kosten von Sicherheit und potentieller Privatsphäreneinschränkung erkauft muss jeder selbst entscheiden.

Mein Fazit

Ich hab mich jetzt eine Woche mit dem Gerät gespielt und meine erste eigene App (Skill) programmiert. Es ist ein nettes Gadget mit dem man Kinder und technisch unbedarfte Personen beeindrucken kann. Im täglichen Leben ist es irgendwann nervig “Computer! Spiele Radio Ö1” oder “Computer! Lauter” zu sagen. Die Radio und Musiksteuerung ist einfach und zuverlässig. Nett. Mehr aber auch nicht. Für gezieltes Suchen und Einstellen von Musikstücken oder Alben muss man erst recht wieder zum Smartphone oder PC greifen.
Wobei der Lautsprecher eine wirklich gute Soundqualität liefert.

Die Eastereggs sind nett und für die ersten 5 Minuten lustig. Wer auch jeden Tag Scherzumfragen auf Düdeldummsendern lustig findet, findet diese Eastereggs vielleicht auch längere Zeit lustig.

Computer! Selbstzerstörung einleiten!

Kein Killer Skill

Einen wirkliche Killer Skill habe ich auch nicht gefunden den ich unbedingt benötigen würde. So oft komme ich nicht, in die Verlegenheit, dass ich während ich in der Küche Teig knete schnell einen Termin im Kalender eintragen oder ein Kilo Gold auf die Einkaufsliste setzen muss. So wirklich zuverlässig funktioniert die Spracherkennung auch nicht. “Computer! Füge ein Kilo Brot zur Shoppingliste hinzu” – “Alles klar, ich habe Gold zu deiner Shoppingliste hinzugefügt”. Irgendwann ist es einem dann halt doch zu blöd und man greift zu Zettel und Bleistift.

Sollte ich mich irgendwann doch dazu entschließen meine Wohnung in ein Smart Home zu verwandeln, würde ich allerdings nicht zu Amazon greifen. Die Idee jeden noch so kleinen Befehl wie Licht an/aus über das Internet zu schicken kommt mir absurd vor.

Autor: Franz Fuchsbauer
Bilder und Videos: Franz Fuchsbauer

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