In der Fremde

Erinnerungsbilder von Peter Janßen

Im Sommer neunzehnhundertachtundsechzig besuchte ich nach fast dreiundzwanzig Jahren wieder den Wallfahrtsort Maria-Schmolln bei Braunau in Österreich. Hier hatte ich einen Teil meiner Kindheit verlebt, die Jahre zwischen sechs und acht.

Langsam ging ich durch den Ort, blieb vor einem Gasthaus stehen und sah zu dem Fenster hoch, hinter dem ich damals mit meiner Familie gewohnt hatte. Die Schule fand ich unverändert: ein kleines, weißgetünchtes Haus. Gegenüber die Kirche mit dem spitzen, roten Turm. Ich ging hinein. Drinnen roch es nach Weihrauch. Am Schriftenstand blätterte ich in einer Broschüre über die Geschichte des Ortes und las an einer Stelle: „Unruhig verliefen die Jahre des Krieges für den Wallfahrtsort. Viele Fremde kamen in dieser Zeit nach Maria Schmolln, die wenigsten waren Wallfahrer frommen Sinnes, sondern gehetzte Flüchtlinge, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hatte.“

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Gehetzte Flüchtlinge – ja, das waren wir wirklich, damals, im Sommer neunzehnhundertdreiundvierzig, als wir aus dem vom Luftkrieg heimgesuchten deutschen Rheinland nach Maria-Schmolln kamen. Wir wurden in einem Gasthof untergebracht. Das kleine, düstere Zimmer, das wir bewohnten. Abends wurde es von einer blakenden Petroleumlampe notdürftig erhellt. Wir lebten alle in dem einen Raum: meine Großmutter, meine Mutter, meine jüngere Schwester und ich. Wenn mein Vater Fronturlaub bekam, waren wir fünf.

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Bald nach unserer Ankunft in Maria-Schmolln wurde ich in die erste Klasse der Volksschule aufgenommen. Die alte Lehrerin, Frau A.: gebückt, grauhaarig, streng – und böse, wenn sie an den Haaren zog und „Preußenschädel“ zischte. Auf meinem ersten Zeugnis, das ich im Februar neunzehnhundertvierundvierzig erhielt, stand: „Haltung: gut – Leistung: befriedigend – Bemerkungen: Muss sehr fleißig lesen!“ Darunter schwungvolle Unterschriften und der protzige Stempel mit dem Hakenkreuzadler.

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Im Sommer gingen wir in die Wälder und sammelten Blaubeeren, ganze Eimer voll. Meine Furcht vor den Wespennestern, auf die wir beim Sammeln manchmal stießen. Die Beeren schickten wir an die Angehörigen im Rheinland.

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Die Doktorspiele mit den Gleichaltrigen. Hinter Büschen verborgen, ließen die Jungen die Hosen fallen, guckten den Mädchen unter die Röcke, und einmal sah ich einer Spielgefährtin zu, als sie sich hinhockte und ihr Wasser ließ. (Noch Jahre später mein schlechtes Gewissen. Im Kommunionunterricht lernte ich: „Du sollst nicht Unkeuschheit treiben!“ Mit zehn, bei meinem ersten Sündenbekenntnis, wurde ich diese Last im Beichtstuhl los.)

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Im Winter, nach starken Schneefällen, beobachtete ich vom Fenster aus, wie unten auf der Straße ein mächtiger, v-förmiger Holzpflug, der von Pferden gezogen wurde, den Schnee wegschob und wie zu beiden Seiten der glattgeräumten Bahn weiße Wälle hochwuchsen. Eines Tages kamen Hitlerjungen aus Köln nach Maria-Schmolln, um ein paar Wochen in einem Ferienlager zu verbringen. Ich bewunderte ihre Uniformen und die Dolchmesser, die sie seitlich an den schwarzglänzenden Koppeln trugen. Stolz war ich, als mich die Jungen zum Bremser für ihre Schlittenfahrten erkoren, zumal ich ja viel jünger war als sie. Auf dem riesigen Bob hatten etwa fünf Jungen Platz. Ich saß hinten, als vorletzter, und hatte bei den rasanten Abfahrten durch den tief verschneiten Wald auf Kommando die Bremsen zu ziehen. Die Griffe mit den Bremshebeln waren rechts und links des Bobs an den Kufen angebracht. Ich erinnere mich an die Schrecksekunden, als wir einmal aus einer Kurve geschleudert wurden und der Schlitten in den Graben stürzte, aber auch an meine Erleichterung über den glimpflichen Ausgang des Sturzes. Oft war ich dabei, wenn die Jungen zusammensaßen und ihre Geschichten erzählten. Mit großer Hingabe sangen sie dann jedesmal ein Kölner Heimatlied, dessen Refrain mich ein wenig wehmütig stimmte: „Wenn ich su an ming Heimat denke un sin d’r Dom su vör mer ston, mööch ich direk op Heim an schwenke, ich mööch zo Foß noh Kölle jon …“.

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Eine Zeitlang hatten wir nicht ausreichend zu essen. Irgendwann in jenen Tagen hielt ein Lastauto hinter der Kirche. Oben auf dem Wagen stand ein Mann, der kastenförmiges Brot an die drängelnden Menschen verteilte. Damals hörte ich zum erstenmal das Wort „Kommissbrot“.

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© Innviertel Tourismus/Mühlleitner

Wenn mein Vater Fronturlaub hatte, nahm er mich mit auf Hamstertour. Wir gingen über Land, klopften bei den Bauern an und bettelten um Eier, Brot, Speck und anderes Essbares. Oft besuchte ich allein die Höfe, während mein Vater irgendwo auf einem Feldweg oder am Waldrand wartete. Einen kleinen Jungen, so dachten wir, würden die Bauern sicher nicht abweisen.

In den Stuben der Bauern sah ich mich neugierig um. Die Fliegenfänger, die von den niedrigen Decken herabhingen: spiralige, mit Leim bestrichene Papierbänder, schwarz von toten und sterbenden Fliegen. Der Stallgeruch überall. Das würzige Brot, der Räucherspeck und die frische Milch. Wir wurden meistens reich beschenkt und kehrten mit prall gefüllten Rucksäcken heim.

Auf einer dieser Hamstertouren bekamen wir einen alten Küchenherd geschenkt. Unter großen Mühen transportierten wir das schwere Ding kilometerweit auf einem geliehenen Handkarren nach Maria-Schmolln. Auf dem letzten Stück im Ort, bergauf zum Gasthof, half uns ein Bauer, der bereitwillig sein Pferd vor den Handkarren spannte.

Mein Vater richtete den Herd wieder her. Er kleidete ihn mit feuerfestem Ton aus, reparierte die Ofentür, polierte die Herdringe blank und besorgte ein Ofenrohr. Bisher hatten wir unser Essen immer aus der Gastwirtschaft bekommen. Nun besaßen wir einen eigenen Herd und konnten endlich selber kochen.

Das Brennholz holten wir aus den umliegenden Wäldern. Das geschah einige Male unter abenteuerlichen Umständen – wenn mein Vater und meine Großmutter im Wald kleine Bäume fällten, während ich Schmiere stand und aufpasste, dass der Förster uns nicht überraschte. Wir wurden nie erwischt.

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An manchen Tagen kurvten Kradfahrer mit Seitenwagen vor der Kirche herum. Die Männer trugen braune Uniformen und schwarzweißrote Hakenkreuzbinden.

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Zwanzigster Juli neunzehnhundertvierundvierzig – Attentat auf Adolf Hitler. Die Erleichterung der Frauen vor dem Volksempfänger in der Gaststube: „Gott sei Dank, der Führer lebt!“

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Die Bombennächte in der Heimat, die Strapazen der Evakuierung, und das Leben in der Fremde – das alles war zuviel für meine Mutter. Sie erkrankte und wurde in die Salzburger Nervenklinik eingewiesen.

Eines Abends im Winter, es lag hoher Schnee, machten meine Großmutter und ich uns auf den Weg, um meine Mutter in Salzburg zu besuchen. Wir fuhren, zusammen mit anderen Leuten aus Maria-Schmolln, auf einem großen Pferdeschlitten durch die Dunkelheit. In Mattighofen ging es aus irgendeinem Grund nicht weiter. Mit nassen Füßen irrten wir durch die Straßen und suchten frierend eine Unterkunft. Spät in der Nacht kamen wir bei einem Lehrer unter. Als ich am Morgen erwachte, sah ich meine und meiner Großmutter Schuhe, ausgestopft mit Zeitungspapier, auf dem Boden stehen.

Wie wir später nach Salzburg gekommen sind, weiß ich nicht mehr. Ich erinnere mich auch nur verschwommen an den Besuch bei meiner Mutter, an ihr blasses Gesicht und ihren abwesenden Blick. Um sie von ihren Depressionen zu befreien, hatte man meine Mutter in der Klinik mit Elektroschocks behandelt. Das erfuhr ich aber erst später, als wir wieder in Maria-Schmolln waren. Natürlich verstand ich damals nicht, was das bedeutete und welche Tortur die durch diese Schocks ausgelösten Krampfanfälle für meine Mutter gewesen sein müssen.

Nach diesem traurigen Besuch wurden wir, als wir uns in der Salzburger Innenstadt aufhielten, plötzlich von Sirenengeheul überrascht. Es kündigte einen Bombenangriff amerikanischer Flugzeuge an. Den durchdringenden auf- und abschwellenden Heulton der Alarmsirenen kannte ich von den Bombennächten im Rheinland. Meine Großmutter zog mich hinter sich her, und wir suchten, mit vielen anderen Menschen, Schutz in einem großen Felsenstollen. (Viele Jahre später las ich mit Betroffenheit in Thomas Bernhards Erinnerungsbuch „Die Ursache“, welche schlimmen Szenen sich damals in den Luftschutzstollen abgespielt haben – eben zu der Zeit, als ich mit meiner Großmutter in Salzburg war. Ich selber aber kann mich an Einzelheiten nicht erinnern.)

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© Innviertel Tourismus/Moser

Ab Herbst neunzehnhundertvierundvierzig musste die Bevölkerung von Maria-Schmolln zum Schutz vor Fliegerangriffen bei Einbruch der Nacht die Fenster verdunkeln. (Der Wallfahrtsort blieb allerdings während des ganzen Krieges von Bomben verschont.)

In dieser Zeit der Verdunkelungen geschah es einige Male, dass ich nachts plötzlich aufwachte und schreiend im Bett hochfuhr. Einmal, als die Eltern und die Großmutter nicht da waren, riss ich bei einem solchen Angstanfall das Verdunkelungsrouleau, das aus einer schwarzen Papierbahn bestand, vom Fenster herunter. Krachend fiel es zu Boden. Ich tobte in meinem Bett. Als die Eltern schließlich kamen, empfing ich sie mit Geschrei und wirren Rufen. Sie versuchten, mich zu beruhigen und mich davor zu bewahren, dass ich aus dem Bett fiel; sie hielten mich fest, streichelten mich und riefen meinen Namen. Leute aus dem Gasthof kamen hinzu, drängten ins Zimmer und gaben ihre Ratschläge. Ich entsinne mich noch dunkel der vielen Gestalten, die sich vor meinem Bett bewegten und mir zuredeten. Es dauerte lange, bis der Anfall mich so sehr ermüdete, dass ich allmählich verstummte, mich wieder hinlegte und erschöpft einschlief.

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Unvergesslich bleibt mir eine Begegnung auf dem Platz vor dem Gasthof. Dort stand eines Tages ein Lastwagen, der von vielen Menschen umringt wurde. Auf der offenen Ladefläche des Wagens hockte ein Mann mit langen Haaren und zerzaustem Bart, Hände und Füße in Ketten. Die Menge gaffte.

Der Mann war ein Deserteur, wie man sich zuraunte. Eine Bäuerin hatte ihn auf ihrem Hof versteckt gehalten. Dort war er aufgespürt worden. Mit einer Mischung aus Grauen und Mitleid betrachtete ich diese düstere Rübezahl-Gestalt.

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In diesen Kriegstagen trafen in Maria-Schmolln immer häufiger Nachrichten vom Tod an der Front gefallener Männer ein, die aus dem Wallfahrtsort stammten.

Bei den Totenehrungen am Kriegerdenkmal hinter der Kirche stand ich meistens am Fenster und sah von ferne zu. Die Blaskapelle spielte immer dieselbe traurige Melodie eines Soldatenliedes: „Ich hatt einen Kameraden, einen bessern findst du nit …“. Wenn die Böller krachten, wandte ich mich ab, die Finger in den Ohren, und schloss ganz fest die Augen.

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Ein Nachmittag im Mai neunzehnhundertfünfunfvierzig. Das dumpfe, sich steigernde Geräusch von Motoren, vibrierende Fensterscheiben. Wir starrten nach draußen, erwartungsvoll, aufgeregt. Da tauchten plötzlich unten auf der Straße große, olivfarbene Militärwagen auf. Die Planen waren mit Strichmännchen bepinselt. Wagen um Wagen rollte in den Ort. Die Amerikaner besetzten Maria-Schmolln. Der Krieg war zu Ende. Die Bevölkerung hatte von den amerikanischen Soldaten nichts zu befürchten. Allerdings war es ratsam, Hitlerbilder, Naziembleme und Naziliteratur zu beseitigen und Schmuck und Uhren vor den Amerikanern zu verstecken.

Wir Kinder bekamen schnell Kontakt zu den Soldaten. Neugierig umringten wir die großen Militärwagen und bestaunten die Waffen und Geräte der Amerikaner. Die stets Chewinggum kauenden Soldaten waren freundlich, lachten viel und nahmen die Kleinsten auch mal auf den Schoß. Großzügig verteilten sie Weißbrot, Kekse und Schokolade an uns, und ich erinnere mich daran, dass ich und meine kleine Schwester, die von den Soldaten immer besonders reich beschenkt wurde, diese Kostbarkeiten stolz nach Hause trugen.

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Im Herbst neunzehnhundertfünfundvierzig verließ ich mit meiner Familie den Wallfahrtsort. Wir ahnten nicht, was uns bevorstand.

Zusammengepfercht mit anderen Heimkehrern, fuhren wir von Mattighofen aus in einem Eisenbahnwaggon nach Norden. Es wurde eine Schreckensfahrt. Verpflegung und hygienische Verhältnisse waren miserabel. Eine Frau hatte tagelang Durchfall. Alle litten unter dem Gestank. Mein Vater stand an der Schiebetür des Waggons und beförderte von Zeit zu Zeit die Exkremente nach draußen. Die Enge in dem überfüllten Waggon, das Kindergeschrei und die Verzweiflungsausbrüche einzelner Erwachsener – das alles zerrte an unseren Nerven. Niemand konnte unter diesen Umständen ungestört schlafen. Meine Schwester und ich hatten in diesem Chaos wenigstens einen ordentlichen Schlafplatz, oben in der Ecke des Waggons, auf Gepäckstücken.

Als der Eisenbahnwaggon unterwegs einmal abgehängt wurde und längere Zeit stehenblieb, kamen uns Zweifel, ob wir jemals unser Ziel erreichen würden. Dass es dann doch weiterging, war meinem Vater zu verdanken, der sich von Anfang an um die Organisation dieser Heimfahrt gekümmert und sich unermüdlich für die Reisenden eingesetzt hatte.

Über eine Woche lang waren wir in dem Eisenbahnwaggon unterwegs, bis wir endlich, nach mehr als zweijähriger Abwesenheit, ins Rheinland zurückkehrten. Wir kamen in ein Trümmerland.

Peter Janßen, geboren 1937 in Krefeld, Sonderschullehrer a. D.; zahlreiche Veröffentlichungen von Lyrik und Kurzprosa in Zeitungen, Zeitschriften, Anthologien und im Rundfunk; mehrere Einzeltitel

Titelbild: © Innviertel Tourismus/Finstermann

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