Als mein Handy klingelte und die „Identitäre Bewegung“ dran war

„Schreib so etwas nicht noch einmal!“, drohte mir die „identitäre Dame“, nachdem ich ihre „Bewegung“ als das bezeichnet hatte, was sie sind: Neonazis! Heute kandidiert sie für den RFS bei den ÖH Wahlen an der Universität Wien.

Von Stefan Kastél

Ich kann mich noch gut an jenen bitterkalten und verschneiten Februar 2013 erinnern, als die so genannten „Identitären“ zum ersten Mal die mediale Bühne betraten. Zu dieser Zeit wurde die Votivkirche von einigen Flüchtlingen „besetzt“, wie viele Tageszeitungen es damals formulierten, um Schutz vor der Kälte zu finden und um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Eines Sonntagnachmittags drangen einige „Identitäre“ in die Votivkirche ein um, wie sie es bezeichneten, „die Kirche so lange zu besetzen, bis die Flüchtlinge ihrerseits die Besetzung aufgeben.“ Dieser politische Grund-Duktus, hat sich bis heute nicht geändert. „Wir“ gegen „die“.

„Aufmarsch“ der Identitären in Wien (Ataraxis1492; Lizenz: CC BY-SA 3.0)

Zu dieser Zeit war ich selbst noch Student, politisch aktiv und schrieb meinen ersten Artikel über die „Identitäre Bewegung“, welcher zum Einen das zynische Vorgehen dieser Bewegung zum Thema hatte und zweitens die Grundstruktur dieser Organisation darstellen sollte.

Ich bezeichnete sie damals und bezeichne sie noch heute, als das was sie sind. Neonazis. Ich rede nicht von Rechtsextremen, Rechtsradikalen, Rechtspopulisten oder Patrioten. Ich schließe mich mit dieser Haltung lediglich der Meinung des Verfassungsschutzes an, welcher die Struktur der „Identitären“ schon im Jahr 2014 wie folgt beschrieben hat:

Die Distanzierung vom Neonazismus in öffentlichen Statements ist als taktisches Manöver zu werten, da sich in den Reihen der Bewegungseliten amtsbekannte Neonazis befinden und Kontakte in andere rechtsextremistische Szenebereiche bestehen. Die Bewegung vertritt ein rassistisch/nationalistisch geprägtes Weltbild, das pseudo-intellektuellen Mitteln verschleiert werden soll.

Ein paar Tage nach der Veröffentlichung dieses kurzen Artikels, klingelte am Abend mein Handy. Die Nummer war unterdrückt. Normalerweise, damals wie heute, hebe ich bei unterdrückten Nummer nicht ab. Aus unerfindlichen Gründen hatte ich jedoch ein Gefühl, dass dieser Anruf wichtig sein könnte. Ich hob ab und am andere Ende der Leitung war ein weibliches Mitglied der IB zu hören.

Es folgte ein ungefähr drei Minuten langes Gespräch, welches seitens der „identitären Dame“ mit einer Drohung endete. Mir war natürlich klar, was dieser Anruf zu bedeuten hatte. Was nach diesem kurzen Gespräch hängengeblieben war, war die Botschaft: „Schreib so etwas nicht noch einmal!“.

Was passiert sonst? Das hätte ich damals prophetisch fragen sollen. Stürmt ihr Theateraufführungen? Schüchtert ihr weiter Flüchtlinge ein? Attackiert ihr Demonstranten mit Schlagstöcken oder Ledergürteln? Stört ihr politische Veranstaltungen mit Sturmmasken über den Köpfen?
Denn genau das ist seit jenem Abend passiert. Verteilt über die letzten vier Jahre.

Jene Person, die mich telefonisch kontaktierte, kandidiert heute übrigens bei der ÖH Wahl. Wenig verwunderlich, dass sie dies unter der Flagge des RFS tut.

Auf Nachfrage würde man natürlich abstreiten mich jemals kontaktiert zu haben. Das könnte nämlich den adretten Außenauftritt zerstören, um den man bei den „Identitären“ und RFS permanent bemüht ist. Was uns zu einer der wichtigsten Säulen dieser Bewegung führt. Die Begegnung auf Augenhöhe.

Es ist ein Thema, das uns noch länger beschäftigen wird. Die IB strebt unermüdlich die Akzeptanz in der politischen Landschaft und Gesellschaft an. Dabei spielen etablierte Medien übrigens eine tragende Rolle. Neben zahlreichen Fernsehauftritten, der Besteigung von Denkmälern und anderen Gebäuden, gehört eben auch eine ÖH-Wahl dazu.

Dabei bleibt es aber nicht. Politik bedeutet für die IB eben nicht nur das Etablieren ihrer Ideologie in unterschiedlichen Institutionen, sondern auch die massive Drohung und Einschüchterung von Kritikern. Dieses Vorgehen wird allerdings so gut es geht verwischt und verleugnet. Was die zahlreichen Video-Blogs des Identitären-Chefs Martin Sellner belegen.

Es darf nicht passieren, dass Neonazis zur Normalität in unserer Gesellschaft werden!

Titelbild: Proteste gegen „identitäres“ Vernetzungstreffen in Wien (Alexander Roll/Unsere Zeitung)

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1 Kommentar

  1. Vielen Dank für diesen Artikel! Die Einschätzung des Verfassungsschutzes kannte ich nicht, auch deshalb vielen Dank für diesen Artikel!

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