Georg Danzer – Gelebte Utopie

Ein Text mit Lied. Anlässlich des 10. Todestages Danzers am 21. Juni

So geschah es eines Tages, dass die Menschen ihre Häuser
verließen und dass die Soldaten
sich weigerten zu schießen
Schiffe liefen fremde Häfen an
Flugzeuge landeten, wo sie konnten
und an allen Fronten kehrte Ruhe ein
(dies geschah zur gleichen Zeit in allen Ländern)

Georg Danzer – Eine Utopie

Georg Danzer sah hin, wo andere wegschauten.
Am 21. Juni vor zehn Jahren schied er dahin und hinterließ die Lücke, die er selber so oft versucht hat zu vermessen. Denn er machte sich auch viele Gedanken um seine Person und um seine eigene Rolle. Über seine Griechenlandreise als junger Mann notiert er später: „Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, völlig losgelöst von Wien und meiner Herkunft, meiner Vergangenheit und alledem, was mich bisher geprägt hatte, zu existieren. Ich war ich selbst, ganz für mich allein, ein menschliches Wesen auf diesem Planeten, eingegossen in die Natur, unbedeutend und doch ungeheuerlich wichtig. Mir schoss ein Gedanke durch den Kopf. Wenn ich plötzlich weg wäre, würde ein Vakuum entstehen, das die Welt zum Einstürzen brächte.“ Auch wenn er die Welt noch nicht zum Einsturz brachte, er fehlt. Aber er hinterließ ein nahezu unüberschaubares künstlerisches Werk. Natürlich die Musik und ungefähr 700 literarische Kunstwerke, bestehend aus poetisch bewegenden, tief menschlichen, sowie humorvollen Liedertexten.

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Darüber hinaus war er auch Lied- und Textlieferant für sämtliche österreichische Musiker. So etwa für Marianne Mendt oder Wolfgang Ambros. Bei näherem Hinsehen entpuppt er sich als die eigentliche Nummer eins des sogenannten „Austropop“ (eine Bezeichnung, die er eigentlich verabscheute). Doch wahrgenommen wurde er nie als solcher. Leider wird er all zu oft über einen Kamm geschoren mit dem schnöseligen und affektierten Auftreten eines Rainhard Fendrich. Doch Danzer, aus einer Meidlinger Arbeiterfamilie stammend, war ganz anders. Er sprach die Sprache der einfachen Menschen, bloß durch einen Filter gesungen, der seine Sprache in einmalige Poesie und Schönheit verwandelte. Seine Texte, oft schwerfällig und beklemmend, ein anderes mal heiter und angriffslustig, zeichnen ein Bild der österreichischen Gesellschaft, erzählen auch von ihren Rändern und Untiefen. Danzer markiert die Kluft, die durch die Gesellschaft geht, oft auch im Spiegel der eigenen Emotionen. Man fühlt sich hineinversetzt in ein Lied und möchte nicht nur mitsingen sondern aufschreien.

Und obwohl er Politiker von Grund auf hasste, oder gerade deshalb, sind seine Lieder oft auch sehr politisch. Politiker wie auch die Konzerneigner werden zur Zielscheibe einer bissigen und sarkastischen Kritik. Dies alles erzeugt eine Aufbruchstimmung, mit der er den „kleinen Mann“, den Arbeiter und die Arbeiterin, mitnehmen will. Gegen ihre eigene, wenn auch nicht vollends bewusste, Unterdrückung, sowie ihre soziale Bedeutungslosigkeit, die ihnen in der hierarchischen Gliederung des Kapitalismus zugedacht ist.

Früh schon zieht Danzer über die „bessere Gesellschaft“ her, der er einen Nackerten ins Café Hawelka schickte. Das Hawelka war früher sein Lieblingscafé. Die Zusammenkunft mit verschiedenen Künstlergestalten beeindruckte ihn erst. Schnell stellte sich jedoch heraus, dass die meisten eigentlich nicht viel zu sagen hatten. Eher handelte es sich bei ihnen um Möchtegern-Berühmtheiten und selbsternannte Intellektuelle, die aber aufgrund ihrer sozialen Stellung dennoch ihren Weg machten. Sein Lied „Jö schau“, das diese ganze bürgerliche Schickeria aufs Korn nahm, verfehlte seine Wirkung nicht. Seitan durfte Danzer das Lokal jedoch nicht mehr betreten, obgleich gerade sein Lied das Café wirklich berühmt und zu einer Attraktion, nicht nur für Wien-Touristen, machte.

Georg Danzer (Quelle: georgdanzer.at)

Danzers Lieder richten sich darüber hinaus vor allem auch gegen Rassismus und Faschismus. Von einem individuellen Standpunkt aus, der zum Eingreifen provoziert, brandmarkt er die bedrohlichen Restbestände der Naziideologie in einem Wirtshaus, die er in der Gestalt des alten Wessely weiterwirken sah. Er will einem wie ihm „in d’Goschn haun“. Und wenn es auch nicht hilft, schaden kann es erst recht nicht.

In seinen politischen Aussagen blieb Danzer aber meist utopisch. Er träumt von einer besseren Welt und findet sie nicht im hier und jetzt, lässt den Übergang zu ihr nicht greifbar erscheinen, aber pflanzt sie als fixe Vorstellung in die Köpfe und Herzen der Menschen. So heißt es in „Eine Utopie“: „Alle Macht den Träumern/und ihrer Phantasie/wir sind die Hoffnung, wir sind die Tat/staatenlose im Menschenstaat“. Auch das ist bezeichnend für den Zustand der österreichischen Seele. Der kleine Mann, er schläft. Wann wird er erwachen?

Ist die Liebe nicht auch eine Utopie? Vor allem angesichts der zunehmenden Verrohung der Gesellschaft und der voranschreitenden Marktförmigkeit von Beziehungen, in denen die Kosten-Nutzen-Abwägung mehr und mehr Einzug hält. Blieb Danzer die große Liebe ein unerreichtes Fernziel, das abgetrennt wurde von dem, was zu erreichen war und unmittelbar erreicht werden wollte? So genau kann man das ja nicht wissen. Und woher genau weiß man eigentlich, ob eine Liebe groß oder doch eher nicht so groß ist? Kann man das an der Dauer einer Beziehung messen? Liebe ist unendlich und wenn sie nicht unendlich ist, dann hört sie eben auf. Die schönsten seiner Liebeslieder widmete er jedenfalls seiner ersten Frau Dagmara, die er 1975 geheiratet hat. Für sie schrieb er etwa das Lied „In deine Oam“ oder „Ane so wia di“. 1985 ließen sich die beiden jedoch scheiden und für Danzer folgte eine Zeit der Einsamkeit und der lang anhaltenden Krise. Grund für das Scheitern der Beziehung könnten die vielen Konzerttourneen Danzers gewesen sein, aber so genau weiß man das eben auch wieder nicht. 1992 heiratete er Bettina, mit der er bis zu seinem Lebensende zusammen blieb.

Das liebste Lied Danzers aus seinem Repertoire ist übrigens „Nur a klana Bua im Winter“. Er schrieb es inspiriert durch ein Foto, das ihn als Kind zeigt. Er erinnerte sich einfach immer gerne an seine Kindheit. Irgendwie, glaube ich, wollte er nie so recht erwachsen werden.

Schwarze Pferde im Galopp – Ein Lied

Anbei veröffentlichen wir den Song „Black Horses“.
Ich habe ihn für meine Liebste, Claudia, dem größten Danzer-Fan auf diesem Planeten, geschrieben, die mich selbst erst auf Danzer gebracht hat. Sie hat mir erlaubt, das Lied – noch einmal überarbeitet -, der Öffentlichkeit darzubieten. Der Track hat keinen Text. Er ist eine stumme Würdigung von Danzers Werk, das mich zu diesem Song inspiriert hat. Übereinstimmungen mit einem existierenden Lied von Danzer reichen nicht hin, sich auf dieses zu beziehen.

Hier der Song, der auch als gratis Download bereitsteht:

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Dieses Lied, auf welches wir uns nicht beziehen, handelt vor allem vom Glauben und von Träumen. Etwas, das man sich nicht abgewöhnen sollte, selbst wenn man nicht alles glauben darf.

Text: Gerfried Tschinkel unter Mitwirkung von Claudia Kiesel, die eigentlich die Hauptarbeit gemacht hat, da sie die wesentlichen Informationen lieferte.
Musik: Gerfried Tschinkel aka The Party Never Started
Titelbild: Georg Danzer während eines Auftritts in Angern am 1. September 2006 (public domain)

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Veranstaltungstipp:
Samstag, 24. Juni: Tanz mit Danzer und Andrea – 
Ein Fest zum 10. Todestag von Georg Danzer – und zum 29. Geburtstag von der Andrea (ab 18 Uhr, Nâzım Hikmet Kultur Café, Schottenfeldgasse 95, 1070 Wien)

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