Wo Dorfdeppen rappen. Der alltägliche Facebook Facepalm.

Kains Facepalm
Kain-Statue von Henri Vidal im Pariser Jardin des Tuileries. Foto: Alex E. Proimos / Wikipedia cc-by-2.0
Immer wieder erstaunt es mich aufs Neue, wieviele Menschen sich freiwillig auf den (heute digitalen) Dorfplatz stellen und aus Leibeskräften in die Menge brüllen: „Ich bin der Dorfdepp, könnt ihr es eh alle hören?! Iiiich bin es!“ Und sich dabei sogar noch bestärkt fühlen, weil sie von anderen Dorfdeppen auch noch Likes dafür bekommen. Sogar Historiker sehen die Notwendigkeit eines Bildungsauftrages.
 
Ein Kommentar von Robert Manoutschehri

Auf Social Media, der Stammkneipe des 21. Jahrhunderts, lässt sich kaum mehr ein Thema ohne wüste Verschwörungstheorien und z.T. schier unglaublich bildungsferne Querschüsse und Desinformation behandeln. Und dabei gibt es nichts, was es nicht gibt. Die „Artenvielfalt“ auf Gottes weiter Spielwiese offenbart sich nicht mehr in der Natur (dort rotten wir sie gerade aus), sondern auf Facebook … (Facepalm-Emoji einsetzen).
 

Systembedingte Bildungslücke

Aber eigentlich darf es nicht wundern, dass immer mehr Menschen quasi verblödet und verblendet werden statt informiert und gebildet. Aus einem stressigen Schulalltag, der wenig im Leben brauchbares zu bringen scheint, steigen viele so bald wie möglich aus. Nachfolgende Weiterbildung erfolgt zumeist nur fachspezifisch aus beruflichen Gründen. Und aus den täglichen Nachrichten wird man – wortwörtlich – auch nicht schlau.
 
Social Media als Spielwiese des postfaktischen Zeitalters ist bei der Weiterbildung auch nicht hilfreich, aber auch Mainstream und selbst frühere Qualitätsmedien schüren lieber Vorurteile und/oder bedienen die Interessen ihrer Financiers, als einem Bildungsauftrag zu folgen. Zu dieser systembedingten Bildungslücke kommt dann aber auch noch die gezielte Desinformation bishin zu Fake News hinzu, die man zu Zeiten realer Dorfplatztreffen noch schlicht Propaganda nannte.
 

Der Verdummungsauftrag: Mission accomplished

In wessen Plan auch immer es stand, Europa zu destabilisieren – er ist gelungen. Und zwar nicht etwa durch Wirtschaftskriege oder Flüchtlingsströme, sondern auf viel subtilerem Niveau: Solange und so massiv Desinformationen und Zweifel an Bewährtem streuen, bis kaum mehr jemand wirklich weiß, was richtig oder falsch ist, was manipulierte Propaganda oder was reale Ereignisse sind. Lügen brauche man nur oft genug wiederholen, dann würden sie schon zur gefühlten Wahrheit, so das Rezept vieler auch nicht gerade heller Demagogen.
 
Dieser massenmediale Angriff auf Intelligenz und Bildung bishin zum empirischen Wissen der Wissenschaften gehört zu den größten Bedrohungen unserer Zivilisation. Denn wer nicht mehr „durchblickt“, verliert das Interesse an Mitsprache und Mitgestaltung der (Um-)Welt, versinkt letztlich in politischer Apathie.
 
Warum sich den Kopf zermartern über Dinge, die man nicht durchblickt und selbst eh kaum beeinflussen kann, denken sich jetzt wieder viele – und steigen zunehmend aus der Nachrichten-Überflutung aus, die uns Dank Internet und Social Media heute noch mehr „over newsed but under informed“ hinterlässt, als im letzten Jahrtausend, wo dieser Begriff entstand.
 
Dies führt zu immer größerer Abstumpfung gegenüber Politik und Weltgeschehen. Zu Menschen, denen es zunehmend egal ist, ob anderswo jemand hungert oder stirbt. Und sogar zu Mehrheiten, die sich wieder einen „starken Mann“ an der Spitze wünschen, der all die schwierigen Probleme für sie lösen wird.
 
Und dann schlägt sie, die Stunde der Rechtspopulisten, Raubtierkapitalisten und Antichristen – und sie drängen an die Macht, um wieder finsterstes Mittelalter über alle wissenschaftlichen, künstlerischen und sozialen Werte und Errungenschaften von Generation zu breiten. Um wie Sektenführer wieder die einzige „Wahrheit“ und Lebensart zu verkünden – und um ungestört die Menschheit und ihre natürlichen Ressourcen auszurauben.
 
Solange bis es kracht. Weil es krachen muss. Bis wieder Tod und Zerstörung wüten, Zivilisation, Natur und Biodiversität unrettbar verloren sind und sich die dominante Spezies dieses Planeten in Kriegen extrem dezimiert oder gar auslöscht. „Wenn du denkst, Bildung ist teuer, dann warte mal ab, wie viel Ignoranz erst kosten wird“, stellte schon Barack Obama treffend fest.
 

Bildung – und dazu gehört auch Geschichtswissen – ist das beste Gegenmittel wieder rechts-autoritäre Entwicklungen in Staat und Gesellschaft.

Dies meint auch Zeithistoriker Oliver Rathkolb, der angesichts zunehmendem Einflusses von Rechtspopulisten das Heraufdämmern eines neuen autoritären Jahrhunderts in Europa befürchtet und deshalb im Rahmen des Gedenk- und Erinnerungsjahres 2018 mit der Uni Wien und der Bonner Zentrale für politische Bildung (BpB) zu einer Fachkonferenz vom 5. bis 7. September in Schloss Eckartsau, NÖ, einlädt, welcher die demokratische Entwicklung im 20. Jahrhundert mit den geschichtlich großen Diktaturen und Totalitarismen vergleicht.
 
„Die Grundkenntnis zentraler demokratiehistorischer Entwicklungen in der Vergangenheit nimmt massiv ab“, so Rathkolb über Studien aus mehreren Ländern inklusive Österreich, die der Durchschnitts-Bevölkerung mangelndes Geschichtswissen attestieren. Nichtwissen sei jedoch genauso gefährlich wie eine unkritische historische Betrachtung und schlussendlich eine Form politischer Apathie. Diese führe dazu, dass Gesellschaften viel leichter in Richtung autoritärer Botschaften mobilisiert werden können.
 
„Mit dem Wissen um die europäische Zwischenkriegszeit und der damaligen Verächtlichmachung der parlamentarischen Demokratie wollen wir mit dieser Tagung den Blick für derartige Entwicklungen schärfen“, die sich heute, jetzt und hier zu wiederholen scheinen, so BpB-Präsident Thomas Krüger in einer Aussendung der Uni Wien.
 
Wo uns diese Entwicklung wirklich hinführen wird, welche mit dem „Verdummungsauftrag“ begann und mit ungebremstem „Wirtschaftsfaschismus“ immer näher an den Abgrund unser Zivilisation führt, ob wir sie einfach in aller Fauldummheit geschehen lassen oder ob wir das „Heft“ wieder in die eigene Hand nehmen – wir, die verbliebenen intelligenten und beherzten Menschen, die sich nicht dem „letzten Tanz auf dem Vulkan“ hingeben wollen – das werden die kommenden ein bis maximal zwei Jahrzehnte entscheiden. Und ob wir dieser Abwärtsspirale mit forcierter Bildung, Information und Aufklärung begegnen – von der ersten Schulstufe bis ins hohe Alter. Möge die Übung gelingen.
 
 

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