Gletscher-Verlust rascher, welt­wei­tes Eis­volu­men geringer als angenommen

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Mithilfe von Satellitenmessungen der Eisdicke wurde das Gletscher-Gesamtvolumen der Erde von österreichischen und Schweizer Forschern neu berechnet. Das Ergebnis: Es ist rund 18 Prozent weniger Eismasse vorhanden, als früherer Annahmen nahelegten. Vor allem die Eisvorräte der Hochgebirge Asiens wurden bislang überschätzt.
 
Von Robert Manoutschehri

Weltweit gibt es über 215.000 Gletscher (ohne Grönland und die Antarktis mit einzurechnen) – deren Gesamtvolumen beträgt demnach nur rund 158.000 Kubikkilometer. Die größten Gletscher-Eismassen liegen in der kanadischen und russischen Arktis (rund 75.000 km3 und etwa die Hälfte des gesamten globalen Gletschervolumens), sowie an den Rändern Grönlands und Spitzbergens.
 
Neben Alaska weisen die Gebirge Hochasiens, darunter der Himalaja, und dem Tibetischen Plateau auch die Gebirge Zentralasiens mit 7000 km3 die größten Eisvorräte außerhalb der Arktis auf. Hier wurde das Eisvolumen sogar um 27 Prozent überschätzt, wie das Team um Fabien Maussion, Universität Innsbruck, und Daniel Farinotti , ETH Zürich, nun in „Nature Geoscience“ publizierten.
 
Keine gute Nachricht, denn der Klimawandel lässt die Gletscher weltweit schrumpfen. Und nicht nur in den Trockengebieten der Anden oder Zentralasiens sind Gletscher-gespeiste Flüsse die Grundlage für Landwirtschaft und Süßwasserreserven von hunderten Millionen Menschen. Die Forscher rechnen damit, dass die gletscherbedingten Abflussmengen in den Sommermonaten gegen Ende des Jahrhunderts um bis zu 24 Prozent geringer ausfallen werden als heute.
 
Um einschätzen zu können, wie sich Gletscher und die damit verbundenen Süßwasserreserven künftig entwickeln, aber auch, wie sich der Meeresspiegel verändern wird, sind solche Kenntnisse über das weltweit vorhandene Eisvolumen natürlich von besonderer Bedeutung. Aus ihren Berechnungen leiteten die Autoren zudem ab, dass die Gletscher respektive ihr Schmelzwasser den weltweiten Meeresspiegel bis zu 30 Zentimeter ansteigen lassen könnten, wenn sie vollständig abschmelzen würden.
 
Schon jetzt tragen die alpinen Gletscher sehr viel zum Anstieg bei, weil sie viel schneller auf den Klimawandel reagieren als die großen Eisschilde. Zwischen 1990 und 2010 stieg der Meeresspiegel aufgrund des Gletscher-Schmelzwassers um rund 1,5 Zentimeter.
 

Das „ewige Eis“ schwindet überall rascher als vermutet

Eine unter Beteiligung des deutschen Alfred Wegener Instituts im Fachmagazin Nature Communicatons publizierte globale Vergleichsstudie des internationalen Permafrost Netzwerkes GTN-P enthüllte jüngst, dass zwischen 2007 und 2016 die Temperaturen in allen Gebieten mit Dauerfrostboden bis in über 10 Metern Tiefe um durchschnittlich 0,3 Grad Celsius gestiegen sind. Dies betrifft die Arktis ebenso wie die Antarktis und die Hochgebirge Europas und Zentralasiens. Besonders hoch fiel die Erwärmung mit knapp 1 Grad Celsius allerdings in Sibirien aus, wo sich der auftauende Untergrund mancherorts bereits so absenkt, dass Einsturzgefahr für Gebäude und Straßen besteht.
 
Die Temperatur der dauerhaft gefrorenen Böden in den Alpen, im Himalaya sowie in den Gebirgen der nordischen Länder stieg im Mittel um 0,19 Grad Celsius. All diese Permafrostböden enthalten außerdem

Tauende Permafrostgebiete © Alfred-Wegener-Institut

jede Menge konservierter Pflanzen- und Tierreste, die beim Auftauen von Mikroorganismen zersetzt werden. Ein Prozess, bei dem so viel Kohlendioxid und Methan emittiert werden könnte, dass die globale Temperatur bis zum Jahr 2100 um weitere 0,13 bis 0,27 Grad Celsius ansteigen würde.

 
Ebenfalls anhand von neuen Satellitenmessungen zeigte sich, dass sich die Eisschmelze in Grönland angesichts wärmerer Luft- und Wassertemperaturen viel rascher vollzieht, als gedacht. Zwischen 2002 und 2016 verlor Grönland demnach jährlich rund 280 Milliarden Tonnen Eis, was einem Anstieg des Meeresspiegels von 0,76 Millimetern pro Jahr entspricht, wie ein Forscherteam um Michael Bevis von der Ohio State University im Fachmagazin PNAS berichtet. Es gehe jetzt nicht mehr nur um Gletscherabbrüche, sondern dass auch immer mehr Festlandeis als Schmelzwassereintrag im Meer lande. Der IPCC schätzt, dass ein komplettes Abschmelzen des grönlandischen Eisschildes zu einem weiteren Anstieg des Meeresspiegels von rund 7 Meter beitragen würde.
 
Auch die Antarktis verliert einer weiteren in PNAS veröffentlichten Studie zufolge deutlich mehr Eis als bisher bekannt. Ein internationales Forscherteam um Eric Rignot von der University of California in Irvine berichtet, dass sich der jährliche Eisverlust seit den 1980er Jahren etwa versechsfacht hat. Die Antarktis verliert rund 250 Milliarden Tonnen Eis pro Jahr und ließ den Meeresspiegel von 1979 bis 2017 um etwa 14 Millimeter ansteigen. Ursache sind vor allem wärmere und salzreichere Meeresströmungen, welche die tief ins Wasser reichenden Gletscherzungen von unten anschmelzen würden – und zwar nicht nur in der Westantarktis, wo bereits die größten je beobachteten Gletscherabbrüche stattfanden, sondern jetzt auch im Osten des Kontinents. Ein Abschmelzen der gesamten antarktischen Eismasse würde den Meeresspiegel laut IPCC um rund 60 Meter heben.
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