Wie der Tod von Karl Lagerfeld meine Umgebung in zwei Hälften spaltet

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Berühmtheiten helfen bei der Persönlichkeitsentwicklung, unabhängig in welchem Alter man sich befindet. Umso wichtiger ist es, zu erkennen, wer die Menschen wirklich sind, zu denen wir aufschauen.

Von Oliver Suchanek

Eine Woche ist es jetzt her als die Nachricht von Karl Lagerfelds Tod die Timeline meines Twitters in zwei Hälften riss. Karl Lagerfeld, ein deutscher Modeschöpfer und Kreativdirektor bei Chanel, ist am Dienstag, den 19. Februar, im Alter von 85 Jahren gestorben. Als eine mögliche Erklärung seines Todes wird unter anderem auch Bauchspeicheldrüsenkrebs genannt, welche noch nicht bestätigt wurde.

Keinem Modedesigner gelang es mit seinen Namen mit einem Label dauerhaft zu verknüpfen wie Karl Lagerfeld. Über lange Zeit prägte er die Geschichte und Entwicklung von Chanel. Es ist unbestreitbar, dass er in seiner Karriere viel geschaffen hat, vielmehr war er jedoch für seine kontroversen Sprüche, Provokationen und Einstellungen bekannt. Während die eine Hälfte von Twitter über seinen Tod trauert, seine Lebenswerke in den Himmel hebt und unzählige Fotos von seiner Kollektion postet, bringt es die andere Hälfte auf den Punkt: Tote Menschen verdienen nicht automatisch Respekt, nur weil sie tot sind.

“Tote Menschen verdienen nicht automatisch Respekt, nur weil sie tot sind.”

Unter seiner Aussage in einem Interview beim ZEITmagazin “Ich bin im Grunde harmlos. Ich sehe nur nicht so aus.”, stichelte er zum Vergnügen von vielen Kritiker*innen von Heidi Klum über ihre Persönlichkeit und wagte es sich auch noch so weit aus dem Fenster zu lehnen, als er behauptete, dass “dicke Frauen” nicht auf den Laufsteg gehören. Während des #MeToo-Movement echauffierte er sich: “Ich habe irgendwo gelesen, dass man jetzt ein Model fragen muss, ob es sich wohl fühlt beim Posieren. Es ist einfach zu viel. Von nun kann man als Designer nichts mehr machen!”. Auf die Beschuldigung, dass er einem Model ohne Vorwarnung die Unterwäsche heruntergezogen hätte, entgegnete er beim Interview entrüstet, man sollte kein Model werden, wenn man nicht will, dass an der Hose herumgezogen wird. Hinter diesem Hashtag steckt eine wichtige Bewegung: Sexuelle Gewalt und sexualisierter Machtmissbrauch, aber auch alltäglicher Sexismus, dem Frauen überall und immer wieder ausgesetzt sind, wird thematisiert und aufgeklärt. Drei Jahre zuvor, 2015, schickte er die Models in seiner Chanel-Show bei der Pariser Fashion Week mit Protestschildern und Megaphone über den Laufsteg um Feminismus zu unterstützen. Seine Mutter war eine Feministin und er mochte die Idee von unbeschwertem Feminismus. Gerade bei solchen Aussagen des Modedesigners ist es schwer zu sagen, ob er dies aus gewohnter Provokation von sich gibt, oder, ob er tatsächlich sexuelle Übergriffe verharmlost. Im Rampenlicht präsentierte er sich stets als eine polarisierende Persönlichkeit mit wenig Einblick in sein persönliches Ich.

 

Lagerfeld und seine Kontroversen

Zur Diskussion über bis auf die Knochen abgemagerte Models auf den Laufstegen vertrat Karl Lagerfeld die kontroverse Meinung, dass “runde Models” nicht auf den Laufsteg gehöre. Genauso verkündete er, dass die Sängerin Adele zwar eine “göttliche Stimme und ein schönes Gesicht hat”, aber seiner Meinung nach ein bisschen zu fett sei.

Bei einer dreißigminütigen Folge der nicht-fiktionalen Dokumentationsreihe “7 Days Out” begleitete Netflix den Designer sieben Tage vor einer großen Chanel-Fashionshow und ermöglichte einen Blick hinter den Kulissen und den, damit verbundenen, alltäglichen Druck. Durch die Interviews von den Modeschneider*innen, welche stets mit Karl Lagerfeld zusammenarbeiteten, erfährt man eine andere Seite von ihm: Leidenschaftlich für seine Ideen und Vorstellungen und lässt stets einen Einblick in seinen sarkastischen Humor. In der Folge wird seine Frühlingskollektion präsentiert und wie sehr diese Werke Femininität neu aufblüht und definiert.

Viele kennen ihn als den Designer, der keinen Hehl um seinen Hass gegen Jogginghosen machte. Wenige haben ihn als denjenigen in Erinnerungen, der seine Gedanken über die Flüchtlingspolitik und gegen Merkel laut äußerte: Nach der Zeit von Nazi-Deutschland und dem Tod von Millionen Juden könne die Bundesregierung heute nicht “Millionen der schlimmsten Feinde” der Juden ins Land holen. Mit dieser Aussage lässt sich nicht bestreiten, dass seine Meinung problematisch ist, und es ist durchaus nachvollziehbar, woher er den Gedanken her nimmt. Genauso wird mit dieser Aussage auf folgendes aufmerksam gemacht: Es gab und gibt heute noch viel westlichen Antisemitismus.

Es ist nicht meine Absicht, nur die – unentschuldbaren – Fehltritte von ihm aufzuzählen, genauso wenig bin ich gegen die naiven Worte der Trauer. Niemand muss einem Rassisten, Sexisten und Antisemiten nachtrauern. Privilegiert und wohlhabend in der Modewelt zu arbeiten und sich keine Gedanken um finanzielle Angelegenheiten machen zu müssen, ist kein Freifahrtschein dafür sich für zu einer schlechten, widersprüchlichen Persönlichkeit oder zum Maskottchen des Kapitalismus zu entwickeln. Er entschied sich bewusst dafür. Gleichfalls muss ihn jetzt niemand in seiner Grabrede verdammen. Wir haben alle Menschen im Rampenlicht, auf die wir blicken und unsere Inspiration, Motivation und Ziele von ihnen beeinflussen und holen. Erst recht möchte man nicht die reine, weiße Weste „in den Dreck“ reden, wenn sie dann einmal von uns gehen. Der Riss in meiner Twitter Timeline würde erst gar nicht entstehen, wenn wir mehr innehalten und reflektieren, als mit einem Tunnelblick, unterstützt von Scheuklappen der Naivität, die Finger wund zu tippen. Ich persönlich habe keinen Bezug zu ihm, bzw. wusste kaum etwas über ihn. Lediglich sein Name und sein Beruf befand sich in meinem Wissen und je mehr ich über ihn recherchierte, umso mehr wurde mir bewusst, wie gefährlich es sein kann, mit einem Halbwissen auf andere loszugehen.

1 Kommentar

  1. Ich habe den Artikel jetzt zwei mal gelesen und finde die Stelle nicht, wo du belegst, dass er Antisemit war – bitte noch nachliefern oder begründen.

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