Warum die Frauen-Fußball-WM so politisch war

Ein Kommentar von Hanno Wisiak

Rekorde purzelten: Der 13:0-Sieg der USA über Thailand war der höchste ever in einer WM. Insgesamt sind 146 Tore gefallen. Erstmals in der Geschichte des Fußballs gab es ein Endspiel, in der die amtierenden Weltmeisterinnen gegen die amtierenden Europameisterinnen antraten.

Und noch nie wurden so viele Minuten pro Partie nachgespielt. Es musste ja die Zeit gut gemacht werden, die die Schiedsrichterinnen vorm TV-Gerät verbrachten. Am Einsatz des Video Assistant Referee (VAR) scheiden sich die Geister: für die einen ist er ein voller Erfolg, für die anderen ein voller Schas – und für die Engländerinnen war er beides: Gegen Kamerun Segen, gegen die USA Fluch.
Wohltuend war wieder die fehlende Theatralik nach Fouls. »Stellen Sie sich Sergio Ramos vor! Der würd um Mitternacht noch liegen«, stellte ORF-Kommentator Erwin Hujecek ebenso treffend wie gewohnt lakonisch fest.

Es war tatsächlich »the best World Cup of all time«, wie England-Trainer Phil Neville vorhersagte. Und doch stand das Politische oft im Mittelpunkt.

Das Sportliche ist politisch

Auf den Sportseiten der Zeitungen waren Einkommensungleichheit und Diskriminierungen plötzlich Thema – während die Politberichterstattung es als frauenpolitischen Fortschritt abfeierte, dass die Eliten Ursula von der Leyen an die Spitze der EU hieven wollen, die »erfolglose deutsche Ministerin«, die, wie Martin Sonneborn festhielt, »lediglich durch einen irren Hang zu überteuerten externen Beratern, Missmanagement und Euphemismen (›Trendwende Finanzen‹ für die größte deutsche Aufrüstungsanstrengung seit Kriegende) aufgefallen ist, und die von den illiberalen Visegrád-Staaten gestützt wird, die zuvor den konservativen Sozialdemokraten Timmermans als linksradikal abgelehnt haben«.
Aber das ist eine andere Geschichte.

Der WM und dem politischen Aufbegehren hinter ihr, gab Megan Rapinoe ein Gesicht. Die Kapitänin des US-Teams scheißt sich nix. Sie war die erste Weiße und die erste Frau, die sich dem Protest des American-Football-Quarterback Colin Kaepernick gegen Rassismus und Polizeigewalt anschloss. Er kniete nieder, statt beim Absingen der US-Hymne vor Spielen mit der rechten Hand am Herzen stramm zu stehen. Rapinoe wurde die gleiche Geste vom US-Verband bald untersagt. Darum verschränkt die Hände hinter dem Rücken und singt halt nicht mit.
Rapinoe klagte zusammen mit vier weiteren Spielerinnen den US-Verband wegen seiner Ungleichbehandlung bei der Bezahlung sowie den Reise- und Trainingsbedingungen. Das gesamte US-Team schloss sich der Klage an. Das Verfahren läuft. Erfolge waren in dieser Hinsicht bislang nur den norwegischen und australischen Spielerinnen beschieden.

Das Private ist immer noch politisch

Wie Sportler und Sportlerinnen leben und lieben, könnte – und sollte – uns eigentlich wurscht sein, wäre Homophobie nicht ein dermaßen verbreitetes Phänomen. Megan Rapinoe outete sich 2012. Als erstes homosexuelles Paar standen ihre Partnerin, die Basketballerin Sue Bird, und sie nackt Modell für die Body Issue des ESPN-Magazins.
Das alles hat ihr den Zorn und einige rüpelhafte Tweets von Donald Trump eingebracht. Das wiederum ist ihr wurscht. Ihr »I’m not going to the fucking White House«, hat das Zeug zum Zitat des Jahres. Sie denke nicht daran, einer für siegreiche US-Teams üblichen Einladung des Präsidenten Folge zu leisten. Angenommen jedoch hat sie Einladung der Kongress-Abgeordneten Alexandria Ocasio-Cortez, die in den USA als linksaußen gilt.

Rapinoe inspiriert. Es hat viel mit ihr zu tun, betont ihre Team-Kollegin Alex Morgan, dass auch sie selbst ihre Bekanntheit für Anliegen nutzt, die »bigger than soccer« sind.

Per Elfmeter schoss Rapinoe beim 2:0-Finalsieg der US-Amerikanerinnen über die Niederlande das sechste Tor in dieser WM. Zusammen mit Alex Morgan teilt sie sich den Titel Torschützenkönigin. Auch zur besten Spielerin der Turniers wurde sie gewählt. Und das verdammt verdient.

Warum die WM so politisch war? – Weil es nötig ist.
Ich freu mich aber drauf, wenn Frauen-Weltmeisterschaften dereinst vorwiegend sportlich diskutiert werden (können). Auch von mir.

P.S.: Bei der Berichterstattung in den österreichischen Printmedien ist zwar weiterhin viel Luft nach oben, aber es geht was weiter. Anerkennend hervorzuheben ist dabei die Kleine Zeitung, zumindest ab der Finalphase.

Der Beitrag erschien zuerst auf wisiak.wordpress.com

Titelbild: Der Endrunde in Frankreich und dem politischen Aufbegehren des Frauenfußballs hat sie ein Gesicht gegeben: Megan Rapinoe vom Seattle Reign FC; rechts im Bild ohne Hand am Herz. (Foto: Wisiak)

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