Grünes Reisen – Alternativen zum Fliegen

„Grünes Reisen“ (Foto: pxhere.com; CC0 Öffentliche Domäne)

Ob und wie gereist wird, ist eine soziale Frage, hat aber gravierende ökologische Folgen. Speziell die Wachstumsbranche Fliegen schafft Probleme für den Klimaschutz. Bewegungen wie „Stay Grounded“ wollen dieses Wachstum brechen. Denn es gibt eine saubere Alternative: die Bahn!

Von Heinz Högelsberger, Abteilung Umwelt und Verkehr der AK Wien („Wirtschaft & Umwelt“)

Sommerzeit ist Reisezeit, doch laut Statistik machen gerade einmal 60 Prozent von uns einen Urlaub mit mindestens vier Nächtigungen. Urlaub ist schließlich primär eine Frage des Geldes. Das zeigen Daten der Statistik Austria zu den Äquivalenzausgaben der unterschiedlich reichen Haushalte. In der folgenden Abbildung wurden die Ausgaben auf jene des ärmsten Fünftels (1. Quintil) normiert.

 

 

Auffallend ist, dass sich speziell das fünfte Quintil seine Reisen richtig viel kosten lässt. So liegen die Äquivalenzausgaben des reichsten Fünftels der Haushalte in Österreich generell viermal so hoch wie jene des ärmsten Quintils. Bezüglich der Urlaubskosten vergrößert sich diese Schere auf den Faktor 13! Im Laufe der Jahre wurden die einzelnen Urlaube zwar kürzer, dafür scheint das abgewandelte olympische Prinzip „Öfter, weiter, schneller“ angewandt zu werden. Dies erklärt dann auch, wieso die 5,7 Millionen reisenden Menschen in Summe beinahe 20 Millionen Urlaube unternehmen, wobei sich Inlands- und Auslandsaufenthalte die Waage halten. Billigstangebote verlocken zu Reisen, die man unter anderen Umständen gar nicht unternehmen würde. Den Preis dafür zahlen die Verkehrsbeschäftigten mittels Sozialdumping – sowie die Umwelt.

Problemfall Fliegen

Bei rund 30 Prozent aller Auslandsurlaube wird das Flugzeug verwendet. Das bedeutet, dass gut drei Viertel der Bevölkerung Österreichs heuer in keinem Flugzeug sitzen werden. Das ist die gute Nachricht, denn das Flugzeug ist das mit Abstand energieintensivste und klimaschädlichste Verkehrsmittel. Klimafreundliches Fliegen im großen Stil bleibt in den nächsten Jahrzehnten wohl eine Illusion. Einer kleinen Schicht von Vielfliegern steht die große Mehrheit an Nicht- bzw. Wenigfliegern gegenüber. Diese Elite profitiert von einer Reihe von Privilegien, die der Flugverkehr genießt: Steuerfreiheit bei Kerosin und internationalen Flugtickets, Ausnahmen bei den Klimaschutzabkommen usw. Der Trend zu Billigfliegern heizt nicht nur die Nachfrage an, sondern übt auch enormen sozialen und wirtschaftlichen Druck auf die 30.000 Beschäftigten der Branche aus. Der Tourismusexperte Christian Baumgartner hat ein simples Rezept für das ganze Flug-Dilemma: Halb so oft fliegen und dafür doppelt so lange auf Urlaub bleiben!

Autokauf aufgrund des „GAUs“

Die Menschen lassen sich beim Kauf eines Autos vom Größten Anzunehmenden Urlaub (= GAU) leiten. Denn zwei Drittel aller Reisen werden mit dem Pkw unternommen; bei Inlandsurlauben steigt der Anteil sogar auf 80 Prozent. Den Rest des Jahres kutschiert man dann meist allein in der geräumigen Familienlimousine herum. Mit wachsenden Familienbudgets steigen auch die Ausgaben für das Autofahren an. Ob alternative Antriebe die Umwelt-Performance des Autos verbessern können, hat sich Michael Pillei von der BOKU Wien angesehen.

Saubere Bahn

Aufgrund des hohen Anteils an Wasserkraftstrom sind die Züge der ÖBB unschlagbar klimafreundlich. Noch Ende der 1960er-Jahre wurde bei einem Viertel der Urlaubsreisen die Bahn genutzt, jetzt stagniert der Anteil bei sieben Prozent. Speziell die Idee der Nachtzüge ist bestechend: Man steigt am Abend in den Zug ein, fährt schlafend Richtung Urlaubsdestination und kommt am nächsten Morgen am Ziel an. Jahrzehntelang war ganz Europa mit einem dichten Netz von Nachtzugangeboten verbunden. Selbst der „Eiserne Vorhang“ war dabei kein ernsthaftes Hindernis. Doch dann kam das Konzept von mehreren Seiten unter Druck: Einerseits machten Hochgeschwindigkeitsstrecken manche Nachtzugrelationen obsolet. Auf der anderen Seite drängten Billigflieger auf den Markt. Immer mehr Nachtzüge wurden eingestellt. Vor zwei Jahren zog sich auch die Deutsche Bahn wegen angeblich hoher Defizite aus dem Segment zurück. Die ÖBB, die stets am Nachtzuggeschäft festgehalten hatten, übernahmen rund 40 Prozent der DB-Verbindungen und schreiben damit schwarze Zahlen. Inzwischen wurden auch neue Waggons bestellt. Sobald diese ausgeliefert werden, soll das Netz weiter ausgebaut werden. Denn Lücken gibt es genug! Die ÖBB-Nightjets sind gut ausgelastet, immer mehr Menschen schätzen diese Kultur des Reisens. Statt entwürdigenden Sicherheits-Checks, fehlendem Service und engen Sitzreihen erfährt man die zurückgelegten Entfernungen im wahrsten Sinn des Wortes. In Schweden, wo das Wort „Flygskam“ (Flugscham) kreiert wurde, hat die Regierung angekündigt, neue Nachtzugverbindungen Richtung Mitteleuropa zu bestellen. Dann wird nicht nur Greta Thunberg mit dem Zug unterwegs sein!

Die Langfassung dieses Beitrags wurde in der Zeitschrift Wirtschaft und Umwelt 2/2019 im Rahmen des Schwerpunktes „Grünes Reisen“ veröffentlicht.

Dieser Beitrag wurde am 12.07.2019 auf dem Blog Arbeit & Wirtschaft unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den NutzerInnen eine freie Bearbeitung, Weiterverwendung, Vervielfältigung und Verbreitung der textlichen Inhalte unter Namensnennung der Urheberin/des Urhebers sowie unter gleichen Bedingungen.

Titelbild: pxhere.com, CC0 Öffentliche Domäne

 

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