Home-Office in Zeiten von Corona – Chancen und Risiken

Für viele ArbeitnehmerInnen ist seit Corona Home-Office Realität. Da bis vor wenigen Wochen diese Arbeitsform in Österreich eine eher untergeordnete Rolle gespielt hat, wurde ein Großteil ins kalte Wasser gestoßen. Die Vor- und Nachteile, wie selbstbestimmteres Arbeiten, Entfall von Pendelzeiten, aber auch fehlende soziale Kontakte zu ArbeitskollegInnen, Entgrenzungsphänomene, liegen klar auf der Hand.

Von Eva Mandl und Reinhard Haider (Abteilung Arbeitsbedingungen der AK Oberösterreich)

Home-Office von null auf hundert

Technologische Entwicklungen in der Informations- und Kommunikationstechnologie, letztlich vieles, was unter den Schlagworten Digitalisierung und digitaler Wandel subsumiert wird, tragen zum Verschwimmen von vormals klaren Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit bei. ArbeitspsychologInnen und SoziologInnen bezeichnen dieses Verhalten als Entgrenzung. In Zeiten von Corona hat sich die Welt in den letzten zwei, drei Wochen derart stark verändert, dass die disruptive (zerstörerische) Wirkung der Digitalisierung, zumindest in Teilbereichen, wie in Zeitlupe erscheint. Eine global nicht nur ökonomische, sondern vor allem gesundheitspolitische Herausforderung trägt dazu bei, dass viele ArbeitnehmerInnen von heute auf morgen – vielfach ohne Home-Office-Vorerfahrungen zu haben – ihre Arbeit jetzt von zu Hause aus verrichten müssen und können. Bis vor wenigen Wochen hat nur ein kleiner Prozentsatz der Unternehmen seinen Beschäftigten diese Gestaltungsspielräume tatsächlich angeboten. So waren es in Österreich laut Eurofound drei Prozent aller ArbeitnehmerInnen, die diese Möglichkeit bisher nutzen konnten. Der digitale Wandel trägt dazu bei, dass viele ArbeitnehmerInnen sinnvollerweise in diesen Tagen, Wochen – wer weiß, vielleicht sogar Monaten – von dieser Möglichkeit Gebrauch machen können. Vorteile: der Entfall von Fahrzeiten zum Arbeitsplatz, möglicherweise ein konzentrierteres Arbeiten, stärkere wahrgenommene Autonomie und die Möglichkeit, den Tag-Nacht-Rhythmus seiner/ihrer eigenen inneren Uhr anzupassen – Aspekte, die sich positiv auf die Jobzufriedenheit und Leistung auswirken und einen negativen Einfluss auf Kündigungsabsichten haben. Allerdings sind auch Nachteile zu erwarten, wie: verlängerte Arbeitszeiten (Überstundenthematik), Arbeitsverdichtung, Verschlechterung der Beziehungen zwischen KollegInnen und fehlende Strukturen. Besonders herausfordernd ist unter den aktuellen Umständen die Vereinbarung von Erwerbs- und Familienarbeit, da die Aufgaben von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen nun auch ins Private verschoben wurden. Ergebnisse einer Metaanalyse zeigten zwar, dass zeitliche und örtliche Flexibilität bei der Arbeit zu einer Senkung von Vereinbarungsproblematiken führen, aber es ist anzunehmen, dass sich diese Ergebnisse in Zeiten von „Home Schooling“ nicht bestätigen lassen, da die Anforderungen an die Eltern dadurch deutlich gestiegen sind.

Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen

Die durch neue Arbeitsmittel gewonnenen Autonomiegewinne gehen häufig auf Kosten der Freizeit (Work-Family Conflict), wenn ArbeitnehmerInnen im Konflikt zwischen dem Wunsch nach mehr Handlungsspielräumen und der Gefahr von Selbstausbeutung aufgerieben werden. „Erledige deine Arbeit – egal, wann und wie“, scheint die Logik zu sein. Etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten in Österreich arbeitet auch in der Freizeit für ihr Unternehmen weiter. 38 Prozent nutzen ihr Smartphone, Computer oder Laptop, um auch außerhalb ihrer Normalarbeitszeit zu arbeiten. Dabei fällt es schwerer, nach der Arbeit abzuschalten. Laut Arbeitsklima-Index (2018) fällt es 44 Prozent der Beschäftigten, die auch nach Dienstschluss arbeiten, schwerer von ihrer Arbeit abzuschalten – mentales Loslösen (Psychological Detachment) gelingt schwerer. Bei jenen, die nicht in der Freizeit arbeiten, sind es 21 Prozent, denen es schwerfällt, nach der Arbeit zur Ruhe zu finden. Im Durchschnitt aller ArbeitnehmerInnen kann etwa ein Viertel nach der Arbeit nicht mental abschalten.

Vertrauen ist Basis – Kontrolle ist unangebracht

Gerade jetzt, wo laut Schätzungen etwa ein Drittel aller österreichischen ArbeitnehmerInnen von zu Hause aus arbeitet – in den meisten Fällen, ohne jemals zuvor im Home-Office gearbeitet zu haben – ist eine funktionierende Vertrauensbasis zwischen Führungskräften und Beschäftigten essenziell. Kontrollversuche – wie MitarbeiterInnen ständig erreichen zu wollen oder umgekehrt als MitarbeiterIn alle zwei Minuten das Smartphone zu checken, sekündlich die E-Mails zu aktualisieren und den Firmenchat permanent zu verfolgen (das war schon vorher im Büro nicht sinnvoll) – sind nicht nur kontraproduktiv, sondern lenken auch von den eigentlichen Arbeitspaketen ab und stören den Konzentrationsgrad erheblich. Eurofound belegt, dass Beschäftigte im Home-Office zu längeren Arbeitszeiten tendieren als ihre KollegInnen vor Ort in den Büros. Als Hauptmotiv für dieses Verhalten wird ein höherer Rechtfertigungsgrund angegeben.

Tipps für gelingendes Home-Office

  • Strukturieren Sie Ihren Arbeitstag im Home-Office so gut es geht und lassen Sie sich nicht allzu sehr ablenken (befindet sich Ihr Home-Office beispielsweise mangels Alternativen im Wohnzimmer, dann versuchen Sie, sich nicht von TV oder anderen Erledigungen im Haushalt ablenken zu lassen – tun Sie so, als wären Sie im Büro, dabei hilft es auch, wenn Sie sich entsprechend kleiden, auch wenn die Pyjamahose am bequemsten ist).
  • Nehmen Sie sich konkrete Arbeitspakete vor: Wie Sie das anlegen, müssen Sie für sich selbst entscheiden. Hilfreich könnte es sein, schon am Vortag oder in der Vorwoche eine To-do-Liste anzufertigen. Nehmen Sie sich nicht zu viel vor, rechnen Sie auch damit, dass im Home-Office – gerade aufgrund der Kurzfristigkeit, in der es in vielen Unternehmen eingerichtet wurde – technische Probleme auftreten können oder Ihre Internetverbindung nicht so schnell und stabil ist, wie Sie es gewohnt sind.
  • Arbeitszeiten definieren: Versuchen Sie für sich selbst konkret ihre Arbeitszeiten festzulegen. Sollten diese von Ihren Normalarbeitszeiten abweichen, dann machen Sie das Ihren KollegInnen transparent. Kommunizieren Sie so viel wie notwendig: Wenn Sie einen Spaziergang unter Einhaltung der erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen unternehmen und Sie gemeinsam mit Ihrer Arbeitskollegin bzw. Ihrem Arbeitskollegen an einem Dokument arbeiten, geben Sie Bescheid.
  • Vereinbarungen mit der Familie: Falls Sie vermutlich nicht allein im Haus, in Ihrer Wohnung sind, mehrere Personen im Home-Office arbeiten und Sie womöglich auch Kinder zu betreuen bzw. zu unterrichten haben, dann versuchen Sie für die gesamte Familie ein Reglement zu vereinbaren, damit für einige Stunden möglichst ohne Unterbrechungen gearbeitet werden kann.
  • Halten Sie Kontakt zur Führungskraft und Ihren KollegInnen: Versuchen Sie mit Ihren KollegInnen und Ihrer Führungskraft in Kontakt zu bleiben – es ist wahrscheinlich ohnehin erforderlich, Abstimmungen digital oder telefonisch vorzunehmen – wichtig ist es, wenn man allein ist, zumindest soziale Kontakte via neue Technologien zu pflegen – Ihre KollegInnen freuen sich bestimmt, wenn Sie von Ihnen hören.
  • Klare Kommunikation: Kommunizieren Sie vor allem Ihrer Führungskraft gegenüber, wie die Kommunikation im Home-Office gestaltet werden soll und welches Maß an Informationen Sie sich wünschen. Bedenken Sie, auch für Ihre Führungskraft ist die Situation neu – je offener Sie Ihre Bedürfnisse formulieren, desto besser kann Ihre Führungskraft auf Sie eingehen.
  • Vergessen Sie nicht auf Pausen: Ohne die übliche Mittagspause oder den täglichen Gang zur Kaffeemaschine kann es eher passieren, dass man dazu neigt durchzuarbeiten. Behalten Sie also auch Ihre Pausen bei. Gemeinsame Pausen mit KollegInnen sind auch mittels Telefon und anderen Technologien möglich (siehe vorigen Tipp).
  • Bildschirmpausen: Lange Arbeitsblöcke beeinträchtigen die Arbeitsqualität und Produktivität. Nach 50 Minuten Bildschirmarbeit sollten Sie zehn Minuten Pause bzw. einen Tätigkeitswechsel machen.
  • Vorsicht vor (Arbeits-)Unfällen: In relativ kurzer Zeit musste Ihre Wohnung oder Ihr Haus Home-Office-fit gemacht werden. Beseitigen Sie Gefahrenquellen, wie z. B. lose Kabel.

Fazit

Home-Office ist eine geeignete Arbeitsform und für viele eine Selbstverständlichkeit, um in Nuancen Normalität aufrechtzuerhalten. In vielen Unternehmen und Organisationen arbeiten mehr als die Hälfte der Beschäftigten von zu Hause aus. Bedenken, die es bei Home-Office immer wieder gab, lösen sich vielfach auf – auch weil es die Situation erfordert. Inhaltlich und technisch funktioniert es viel besser als manche jemals für möglich gehalten hätten. Jetzt gilt es, für die Zukunft zu lernen, um nach dieser Phase ideal diese Mitnahmeeffekte, wie digitale Meetings, Führung über Distanz etc., nutzen zu können. Home-Office von null auf hundert, um dann wie bei einer Achterbahn von hundert auf null runterzufahren, darf es nicht geben. In den Niederlanden ist diese Arbeitsform schon seit 2015 gesetzlich verankert.

Home-Office erfordert derzeit auch viel Improvisation. Es gilt jetzt, das Beste aus der derzeitigen Situation für sich selbst, die KollegInnen, die Führungskraft und das Unternehmen oder die Institution zu machen. Diese Arbeitsform kann auch nach der Krise, zumindest in balancierter Art und Weise, ein geeignetes Mittel sein, um einen wertvollen Beitrag zum Klimaschutz beizutragen, denn die Vorteile des Home-Office sind evident – Zeit- und Kostenersparnisse, weniger Staus, mehr Perspektiven für die ländliche Bevölkerung … Wichtig ist es in weiterer Folge, die Home-Office-Möglichkeiten genau zu definieren, möglichst gemeinsam mit der Belegschaftsvertretung die Leitlinien zu definieren, um damit die Vor- und Nachteile für die Beschäftigten genau im Blick zu haben.

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