Die LeistungsträgerInnen des Alltagslebens aufwerten

COVID-19 hat die Grenzen marktradikalen und austeritätsfixierten Denkens vorgeführt, in kurzer Zeit mit tief verankerten neoliberalen Dogmen aufgeräumt und ein Möglichkeitsfenster geöffnet, um Wirtschaft umfassender zu denken.

Von Astrid Krisch und Andreas Novy (A&W-Blog)

In diesem Zusammenhang bietet der grundversorgungsorientierte Ansatz der Alltagsökonomie einen radikal anderen Blick auf Wirtschaft, der auf die grundlegenden und binnenwirtschaftlichen Aktivitäten der Daseinsvorsorge, Nahversorgung und Sorgearbeit fokussiert. Ins Zentrum rücken bei dieser Betrachtung die häufig unsichtbaren Stützen der Gesellschaft (von den Kanalarbeitern über die Pflege- und Reinigungskräfte bis zur unbezahlten Kinderbetreuerin), die unser Alltagsleben zu allen Zeiten aufrechterhalten.

Der essenzielle Beitrag der LeistungsträgerInnen des Alltagslebens wurde im Frühjahr zu Beginn der Pandemie zu Recht beklatscht. Für eine krisensichere Post-Corona-Welt braucht es aber wesentlich mehr als ideelle Anerkennung und Applaus. Insbesondere ist eine Korrektur des Missverhältnisses von erbrachter Leistung für und materieller Anerkennung durch die Gesellschaft notwendig.

Was ist Wert und wie hoch ist ein gerechtes Einkommen?

Dabei müssen wir die tief im Alltagsverstand eingeschriebene Vorstellung, dass jeder das (am Markt) bekommt, was er verdient, kritisch hinterfragen. Diese speist sich aus der in der Ökonomik dominanten neoklassischen Werttheorie. Demnach ist der Wert der Arbeit (Lohn und Gehalt) das Ergebnis von Angebot und Nachfrage: Leistungsgerechtigkeit ist gleich Marktgerechtigkeit. Hedgefondsmanager und Pflegekräfte bekommen, was sie verdienen. Eine Bewertung über die Nützlichkeit oder Schädlichkeit eines Berufs oder einer Tätigkeit jenseits von Einzelentscheidungen der Haushalte ist in dieser Logik unangebracht, gar verpönt.

Demgegenüber unterscheidet die bekannte Ökonomin Mariana Mazzucato MacherInnen (value makers), die Wert schaffen, und NehmerInnen (value takers), die sich produzierten Reichtum aneignen – dazu zählen Menschen, die Einkommen ohne adäquate Gegenleistung aus der Rentenökonomie beziehen. Ihre Unterscheidung gründet auf einer langen Debatte zum Wert-Begriff, der im Kern ökonomischer Theorien von Quesnay über Smith bis Marx und Keynes stand. Sie drehte sich insbesondere um die Frage, wer bzw. welche Tätigkeiten in einer Gesellschaft Werte schaffen und wie die beteiligten Akteure (z. B. ArbeiterInnen, Unternehmer, Bauern, Rentiers, der Staat) im Prozess dieser Wertschöpfung teilhaben und dafür gerecht entlohnt werden.

Wie die COVID-19-Pandemie offengelegt hat, werden die Leistungen der MacherInnen in den grundlegenden Bereichen der Alltagsökonomie nicht ausreichend anerkannt – und entlohnt. Daher müssen wir verstärkt Debatten darüber führen, wie wir als Gesellschaft adäquat wertschätzen, „worauf es wirklich ankommt“, und was das für die Wirtschaftspolitik in einem demokratischen Gemeinwesen bedeutet.

Unterschiedliche Wirtschaftsbereiche folgen eigenen Prinzipien und Bewertungen

Ausgangspunkt für diese Debatten und die notwendige Neubewertung von systemrelevanten, in der Alltagsökonomie erbrachten Tätigkeiten ist die Unterscheidung zwischen verschiedenen Wirtschaftsbereichen im Sinne einer gemischtwirtschaftlichen Ordnung. Es ist illusionär und schädlich, alle Wirtschaftsbereiche nach einer Logik – der subjektiven Werttheorie der Neoklassik – zu bewerten. Es gibt unterschiedliche Wirtschaftsbereiche mit eigenen Prinzipien und Regeln, die in komplexen Beziehungen zueinander stehen. So wie die unbezahlte Hauswirtschaft (z. B. Kochen, Putzen, Sorgen) verschieden vom lokalen Handwerk ist, so ist auch die kollektive Bereitstellung von essenziellen Alltagsgütern im Rahmen der Daseinsvorsorge anders zu organisieren und zu bewerten als etwa die exportorientierte Marktökonomie.

Daher unterscheidet der grundversorgungsorientierte Ansatz der Alltagsökonomie (Foundational Economy) in Anlehnung an Fernand Braudel verschiedene Wirtschaftsbereiche. In dem wesentlich von Frauen getragenen unbezahlten Sektor werden etwa gleich viele Arbeitsstunden erbracht wie im monetär bewerteten Sektor. Nur Letzterer wird in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR) erfasst, weshalb viele Bereiche und Leistungen der Alltagsökonomie unsichtbar bleiben. Die monetär bewerteten Kernbereiche der Alltagsökonomie umfassen die Daseinsvorsorge und die grundlegende Nahversorgung (z. B. Lebensmittelhandel, Drogerien), die die Grundversorgung sicherstellen – daher auch Grundversorgungsökonomie.

Eine weite Definition der Alltagsökonomie schließt auch die erweiterte Nahversorgung mit ein, die diejenigen Güter und Dienstleistungen bereitstellt, die im Alltagsleben als gesellschaftlich unverzichtbar gelten, aber generell nicht der Infrastrukturlogik der Grundversorgungsökonomie folgen (z. B. Gastronomie, Frisiersalon). Dieser erweiterte Bereich der Alltagsökonomie sichert zwar nicht das tägliche Überleben, gehört aber zu einem guten Leben. Von diesen primär binnenwirtschaftlich ausgerichteten Wirtschaftsbereichen der Alltagsökonomie ist der Sektor international handelbarer Güter und Dienstleistungen sowie die klassische Rentenökonomie zu unterscheiden.

Grafik: A&W-Blog

Was genau unter Grundversorgungs- bzw. Alltagsökonomie fällt, ist einem historischen Wandel unterworfen und wird in unterschiedlichen Regionen unterschiedlich gewichtet: Erst im Roten Wien wurde beispielsweise Wohnen Teil der Daseinsvorsorge, und erst im nationalen Wohlfahrtsstaat nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die soziale Daseinsvorsorge zur staatlichen Kernaufgabe.

Angesichts der großen gesellschaftlichen Herausforderungen braucht es auch heute wieder eine gesellschaftliche Debatte und politische Entscheidungen darüber, was für ein gelungenes Leben notwendig ist und wodurch es behindert wird. Damit einher geht die Erkenntnis, dass ein gutes Leben für alle nicht über ein Mehr an individuellem Konsum zu haben ist. Während im Bereich der gebrauchswertorientierten Grundversorgungsökonomie relevante Wachstumspotenziale liegen, müssen ressourcenintensive Teile der exportorientierten Marktwirtschaft sowie die Rentenökonomie schrumpfen.

Alltagsökonomie als Wirtschafts- und Beschäftigungsmotor

Die LeistungsträgerInnen des Alltagslebens sind nicht nur elementar, damit wir ein sicheres, gesundes und zivilisiertes Leben führen können. Sie sind auch gemäß der konventionellen Messzahlen der VGR bedeutend. In Österreich ist die Grundversorgungsökonomie für rund 43 Prozent der Wertschöpfung verantwortlich. Im Vergleich zu den anderen monetär erfassten Wirtschaftsbereichen weist dieser grundlegende Teil der Wirtschaft einen höheren Beschäftigungsanteil bei gleichzeitig geringeren Netto-Betriebsüberschüssen auf. Gemessen an den Brutto-Anlageinvestitionen, nimmt die Grundversorgungsökonomie mit rund 31 Prozent der gesamten Investitionen ebenfalls eine bedeutende Rolle ein.

Blickt man auf die rund 4,3 Mio. unselbstständig und selbstständig Erwerbstätigen in Österreich, dann zeigt sich, dass knapp 1,9 Mio. Personen (44 Prozent) in der Grundversorgungsökonomie tätig sind. Hervorzuheben ist dabei auch, dass der Bereich der sozialen Daseinsvorsorge (u. a. Pflege, Gesundheit, Bildung) im Vergleich zu den übrigen Wirtschaftsbereichen mit 63 Prozent einen überdurchschnittlich hohen Anteil an erwerbstätigen Frauen aufweist (Gesamtwirtschaft: 47 Prozent). Addiert man auch die binnenwirtschaftlich ausgerichtete erweiterte Nahversorgung, so sind mit 65 Prozent fast zwei Drittel aller Erwerbstätigen in der Alltagsökonomie tätig.

Grafik: A&W-Blog

Hebel zur Aufwertung der LeistungsträgerInnen des Alltagslebens

Die Grundversorgungsökonomie und ihre Beschäftigten müssen als MacherInnen (value makers) anerkannt werden. Die „HeldInnen“ des Alltagslebens erbringen zu normalen Zeiten und in der Krise essenzielle gesellschaftliche Leistungen und sind deshalb „mehr wert“ – sie schaffen einen gesellschaftlichen Mehrwert. Für ihre Entlohnung braucht es gesellschaftlich festgelegte Kriterien von Leistungsgerechtigkeit.

Ansatzpunkte ihrer Aufwertung sind verbesserte Arbeitsbedingungen, kürzere Arbeitszeiten, bessere Bezahlung und mehr Beschäftigte, allen voran in den zumeist weiblich dominierten Bereichen der sozialen Daseinsvorsorge. Dies erfolgt vorrangig über Kollektivvertrags- und Gehaltsverhandlungen, die aber zu wesentlichen Teilen mit öffentlichen Arbeitgebern stattfinden. Verfügen diese nicht über vermehrte Mittel zur Finanzierung kommunaler und regionaler Grundversorgung, sind den Möglichkeiten zur Aufwertung dieser Berufsgruppen Grenzen gesetzt.

Darüber hinaus gibt es weitere wirtschaftspolitische Hebel, die den Umbau der krisenanfälligen „Vor-Corona-Ökonomie“ im Sinne einer bedürfnis- und leistungsgerechten Lastenverteilung vorantreiben. Diese reichen von einem substanziellen Beitrag der NehmerInnen bis zur Stärkung der goldenen Investitionsregel. Damit kann auch die überfällige Aufwertung der Leistungsträgerinnen des Alltagslebens als ein zentraler Baustein eines „gerechten Übergangs“ gelingen.


Titelbild: Erik Scheel from Pexels

 
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