Sonntag ist Büchertag: Ohne jeden Zweifel

In “Erinnerungen aus dem Widerstand” erzählt Margarete Schütte-Lihotzky vom österreichischen Widerstand gegen die Nazis und ihrer Zeit als politische Gefangene. Wir mögen von ihr, die 2000 verstarb, lernen und uns mehr denn je für einen antifaschistischen und feministischen gesellschaftlichen Grundkonsens einsetzen. 

Von Emilie Könn

Buchcover
Margarete Schütte-Lihotzky – Erinnerungen aus dem Widerstand (Promedia Verlag)

Margarete Schütte-Lihotzky war die erste österreichische Architektin und maßgeblich am Wohnbau des Roten Wiens beteiligt. Sie arbeitete lange Zeit in der Sowjetunion, dann in Paris und schließlich in Istanbul, wo sie sich dem österreichischen Widerstand gegen die Nazis anschloss. 1941 fuhr sie in die „Ostmark“, um Informationen zu beschaffen und Erwin Puschmann, Leiter der dritten Widerstandsorganisation der KPÖ für ganz Österreich dazu zu bewegen, ins Ausland zu fliehen – er tat es nicht. Kurz vor ihrer geplanten Rückkehr nach Istanbul wurden sie, Puschmann und viele andere Widerstandskämpfer_innen in einer großen Massenverhaftung von der Gestapo gefasst. Später erfuhr sie, dass einer unter ihnen ein Spitzel der Nazis war.

Viereinhalb Jahre verbrachte Schütte-Lihotzky in Untersuchungshaft und im Zuchthaus. Am 9. Mai 1945 wurde sie aus Aichach befreit und verharrte noch einige Wochen dort und in München mit ihren Genoss_innen, ehe sie nach Österreich zurückkehren konnte. Das Buch „Die Erinnerungen aus dem Widerstand“ schrieb Schütte-Lihotzky für nachfolgende Generationen, die von der Niederschrift ihrer Erlebnisse lernen mögen. Es handelt sich dabei nicht bloß um eine Erzählung persönlicher Erfahrungen, sondern vielmehr um die Erinnerung an all die Genossinnen und Widerstandskämpferinnen, die heute bereits in Vergessenheit geraten sind. Frauen, die aus Arbeiter_innenfamilien stammten, oft bereits in jungen Jahren zu Kommunistinnen wurden und sich dem organisierten Widerstand anschlossen. Dieser wurde in Österreich fast ausschließlich von der KPÖ und Arbeiter_innen organisiert. Jahrelang riskierten sie Folter, Gewalt und Tod, um sich gegen ein menschenfeindliches Regime zur Wehr zu setzen. Viele von ihnen, die meisten, starben am Schafott oder im KZ. Andere, die Glück hatten, so wie Schütte-Lihotzky, warteten in Gefangenschaft auf die Befreiung, auf den Tag, an dem Hitler endlich den Krieg verlieren würde.

Für die Freiheit

Schütte-Lihotzky wurde oft gefragt, was sie dazu motivierte aus dem sicheren Ausland in das Österreich der frühen 1940er zu reisen. Stets sei sie empört darüber, dass „diese Frage überhaupt eine Frage ist“ (S. 29). Was könnte anderes ihr Motiv sein, als die unverrückbare Überzeugung von der Notwendigkeit des konsequenten Widerstands gegen das faschistische NS-Regime und den Kampf für ein neutrales und freies Österreich. „Von der Erkenntnis, dass man sich in so harten Zeiten nicht einem angenehmen, risikolosen Leben hingeben darf, sondern im Widerstand gegen die Nazis etwas zu leisten hat“ (S. 31).

Ihre Beschreibungen des Lebens im Gefängnis sind nicht beschönigend und alles andere als wehleidig. Als „Politische“ nimmt ihre politische Überzeugung eine Funktion ein, die sie all die Abwertung und Gewalt, die sie von den Wärterinnen und den Institutionen erlebt, mit Würde ertragen lässt.

„Ja, waren die Leute auf den Straßen denn wirklich so frei? dachte ich. Ich war ein Feind, mich hatten sie eingesperrt, da ich an der organisierten Arbeit gegen die Nazis aktiv teilgenommen hatte. Deshalb habe ich unter dem Freiheitsentzug nie wirklich gelitten. (…) Ich fühlte mich diesen Leuten menschlich überlegen, auch wenn ich hinter verschlossener Türe saß, und ich fühlte mich freier als manche der Menschen, die jetzt da vor mir auf der Straße gingen, während ich in einem Gefangenenwagen saß. Auf dieser Fahrt merkte ich, dass Eingesperrtsein nicht zwangsläufig zu Abgestumpftsein führen muss.“ (S. 86)

Was bedeutet Freiheit in einem totalitären Regime? Jedenfalls entwickelt sich auch dort ein gesellschaftliches Leben, „obwohl so viele Häftlinge den Tod vor Augen hatten, den eigenen oder den Tod jener, die sie am meisten liebten. Das Leben geht weiter, solange es vorhanden ist, weiter mit Liebe und Hass, mit Freuden und Leiden.“ (S. 81) Sie schreibt: „Nur im Gefängnis konnte in Österreich am Ersten Mai 1942 noch die Internationale gesungen werden.“ (S. 81)

Dem Tode zum Trotz

Täglich waren die politischen Gefangenen mit dem Tode konfrontiert. Verhandlungen fanden jeden Tag statt und mit der Todesstrafe war ständig zu rechnen. Die Nazis bestraften schon kleinere Vergehen mit dem Tod.

„Von 25 Angeklagten, 16 Männern und 9 Frauen, alles österreichische Kommunisten, wurde in einer einzigen Woche 19 zum Tode verurteilt. Alle diese Urteile wurden im Januar 1943 im Wiener Landesgericht vollstreckt. Mitten in unserer Stadt rollten unter dem Fallbeil die Köpfe. Und das ging jahrelang so. Todesurteile über Todesurteile. Bis heute weiß der größte Teil der Bevölkerung so gut wie nichts davon, glaubt es nicht oder will es nicht glauben. Manche meinen, nur Männer wurden justifiziert. Im Wiener Landesgericht gab es manchmal bis zu 70 Hinrichtungen an einem Tag.“ (S. 107)

Vor diesem Hintergrund macht Schütte-Lihotzy „die Deutschen“ nicht allein für die Grausamkeiten des Nationalsozialismus schuldig. Denn: „Diese Leute im Wiener Landesgericht waren durchweg Österreicher. Bei den österreichischen Nazis herrschte ebensoviel Rohheit und Gemeinheit wie bei den Deutschen.“ (S. 125) Nach der Befreiung trifft sie auf Menschen, die direkt aus dem KZ kommen und kann ihre Wut und Abscheu verstehen. Trotzdem verwehrt sie sich selbst diesen Gefühlen. Kurz nach dem Krieg waren sich die „Politischen“ aller Lager einig, dass es für den Wiederaufbau einer freien Gesellschaft Zusammenarbeit braucht. Diese Einigkeit verlor sich rasch.

„Wir sprachen lange über die Zukunft und den Wiederaufbau unseres Landes. Obwohl verschiedene Parteien angehörend, stellten wir uns vor, dass wir gemeinsam ans Werk gehen würden. Was uns damals selbstverständlich schien, diese Einheit, jene Pakte, die in den Konzentrationslagern und Zuchthäusern zwischen Kommunisten, Sozialisten und Katholiken geschlossen worden waren, dauerten kaum fünf Jahre, und bei manchen war der Antikommunismus bald größer als die Gegnerschaft gegen die Nazis. Wieso konnte uns der kalte Krieg so bald wieder trennen?“ (S. 171)

Nur eine unwahrscheinliche Aneinanderreihung von Ereignissen rettete Schütte-Lihotzy das Leben und sie bekam „nur 15 Jahre Zuchthaus!“ (S. 119). Ihre Memoiren enden nachdenklich: „Angesichts des Neonazismus und der Kriegsgefahr erweist sich die Zersplitterung als ein Unglück, das noch schwere Folgen haben kann. Es ist nur zu hoffen, dass die Jungen, die dem Nationalsozialismus Nachgeborenen, vorausschauender handeln und so rasch wie möglich wieder eine Einheit gegen Neonazismus, Rassismus, Chauvinismus und Kriegsideologie herstellen.“ (S. 171f) Leider hat sich diese Hoffnung nicht erfüllt. Mehr denn je brauchen wir heute einen antifaschistischen und feministischen gesellschaftlichen Grundkonsens.


Den Vielen: Apollonia Binder, Hermine Dirmhirn, Steffi Engler, Maria Fischer, Friedl Hartmann, Gretl Jost, Poldi Kovarik, Micki Maus, Antonia Mück, Käthe Otwody, Anny Pecenik, Poldi Sicka, Antonie Stockinger, Hedy Urach, Edith Gadawitz, Hilde Griller, Therese Konopitzky, Wilma Tessarek, Susi Allacher, Aschenbrenner, Gustl Baily, Maria Bernlochner, Wilma Bier, Anna Binder, Trude Brachtl, Mitzi Buresch, Josi Butz, Hile Delle-Karth, Lisa Diasek, Steffi Dufek, Erna Eberl, Hansi Ebensteiner, Helli Endlicher, Franziska Fibi, Mimi Freiberger, Johanna Fuchs, Franzi Haas, Anni Haider, Beatrix Halama, Trude Hausner, Erna Hedrich, Gertrude Heinzl, Justine Jug, Regina Kästenbauer, Stefanie Kadlec, Wilhelmine Kiesel, Resi Kimlicek, Marie Klement, Marie Krassnig, Hilde Kuhn, Katja Kuba, Antonie Lauterbach, Amalie Lavric, Leopoldine Leeb, Daisy Leitner, Paula Leopold, Martha Mach, Anni Mayer, Lina Meierhofer, Mia Meyer, Viktoria Mayer, Poldi Morawitz (Mutter und Tochter), Hilde Petrak, Maria Plackholm, Else Prussenowsky, Hella Puschmann, Hermine Reiter, Ribal (Mutter und Tochter), Rockenbauer, Mimi Römer, Leopoldine Schober, Rosl Schüller, Margarete Schütte, Anni Sennhofer, Rosa Simperl, Rise Srch, Hilda Stampfl, Stanek, Poldi Starek, Sziba, Anna Tastl, Marie Tomaschek, Margarete Tremmel, Antonie Urban, Anny Vermaen, Hannerl Vogl, Betty Wenz, Poldi Zicka, Susi, Cilli, Mitzi, Lothar Dirmhirn, Herbert Eichholzer, Willy Frank, H. Köhler, Anton Konopitzky, Julius Kornweitz, Franz Öhler, Erwin Puschmann, Franz Sebek und allen anderen, die ihr Leben im Widerstand riskiert haben.


Margarete Schütte-Lihotzky – Erinnerungen aus dem Widerstand
Promedia Verlag – 2014
208 Seiten – ISBN: 978-3-85371-372-3

Titelbild: Emilie Könn

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