Sonntag ist Büchertag: Die vielen Stimmen des Krieges

Kein Pageturner, aber ganz sicher lesenswert. Arno Geiger schildert in seinem Roman „Unter der Drachenwand“ auf eine ganz berührende Weise den Alltag in Österreich während der letzten Kriegsjahre. Das geht einem ans Herz und an die Nieren und lässt sicher niemanden teilnahmslos zurück. Eine Empfehlung für alle, die eine Reise in die Vergangenheit wagen und sich mit realen Schicksalen beschäftigen wollen.

Von Eva Unterrainer

Unter der Drachenwand - Buchcover
Arno Geier – Unter der Drachenwand (Carl Hanser Verlag)

Für jemanden, der sich sonst am liebsten auf Psychothriller stürzt, war dieser Roman eindeutig eine anspruchsvolle Lektüre. „Unter der Drachenwand“ will nicht primär unterhalten. Vielmehr ist es eine detaillierte Zeichnung faszinierender Einzelschicksale während der letzten Jahre des Zweiten Weltkriegs. 

Stichwort Schicksale: Arno Geiger bietet mit „Unter der Drachenwand“ vielen realen Persönlichkeiten eine Bühne. Und „real“ bedeutet in diesem Fall wirklich real: Der Autor konstruiert die Handlung nämlich anhand echter Personen und deren Tagebüchern, Notizen und Briefen. Haupterzähler ist der 24-jährige Wiener Wehrmachtssoldat Veit Kolbe, der an der Ostfront durch einen Granatsplitter verletzt wurde. Anstatt daheim bei seinen Eltern in der Possingergasse auf seine erneute Einberufung zu warten, verbringt Veit seinen Genesungsurlaub in Mondsee am Mondsee in Salzburg (Diese Ortsbeschreibung muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen!).

Dort wird der Soldat in einem sehr bescheidenen Quartier, anfangs ohne Ofen und gescheite Matratze, bei einer äußerst unfreundlichen Quartiersfrau untergebracht. Seine körperlichen Wunden beginnen bald zu heilen. Mit den seelischen Verletzungen (u.a. nervöse Anfälle und Depressionen, um nur zwei Beispiele zu nennen) gestaltet sich das schwieriger. 

Schon bald tritt die „Reichsdeutsche“ Margot, die mit ihrem Säugling aus Darmstadt nach Mondsee gekommen ist und in Veits Nebenzimmer wohnt, in Erscheinung. Auch der Bruder der Quartiersfrau, welcher gegenüber des Hauses eine Gärtnerei betreibt und von allen nur „der Brasilianer“ genannt wird, vertraut sich Veit an. Weiters sind noch Veits Onkel, der örtliche Polizeikommandant, sowie die verschickte Mädchen-Schulklasse (insbesondere ein aufgewecktes Mädchen namens Nanni), die unten am See lagert, von Bedeutung.

In „Unter der Drachenwand“ bekommen fast alle Charaktere eine eigene Stimme. Man liest die Tagebucheinträge von Veit, den Briefverkehr von Margot und ihrer Mutter, die im völlig zerbombten Darmstadt zurückgeblieben ist, und die kindlichen Liebesbriefe von Nanni an ihren Cousin Kurt in Wien. Für jeden Charakter bedeutet der mittlerweile jahrelange Krieg etwas anderes und seine Dauer und sein Ausgang sind für alle Beteiligten noch ungewiss. So beschäftigen sich die Personen damit, mit ihren eigenen Problemen zu kämpfen: Seien es nun Veits Angstzustände, Margots Mutters Alltag im zerstörten Darmstadt oder Nannis erste Liebesprobleme. 

In einen spannenden Kontext gerückt wird das Ganze, als plötzlich auch der jüdische Zahntechniker Oskar Meyer zu Wort kommt. Ihm gelingt zusammen mit Frau und Kind zwar die Flucht aus Wien, jedoch wird seine Familie in Ungarn deportiert und so meldet er sich gegen Ende des Kriegs schließlich freiwillig zur Zwangsarbeit. Im Vergleich zum zeitgleichen Alltag von Oskar, wirkt das Leben in Mondsee plötzlich wie die heile Welt. Eins haben alle Charaktere dennoch gemeinsam: Ihre Seele ist vom Krieg unheilbar verwundet.

Eine Besonderheit des Buchs: Obwohl der Zweite Weltkrieg allgegenwärtig ist, bleiben Kriegsgeschehen, Soldaten und auch die Fädenzieher des Kriegs sehr im Hintergrund. Einzig vom „H.“ oder „F.“ wird manchmal gesprochen und natürlich trifft Veit bei seinen zahlreichen Behördengängen auch auf Mitglieder der NSDAP. Ansonsten steht aber eindeutig das Leben der Zivilbevölkerung während der letzten Kriegsjahre im Fokus. 

 „Unter der Drachenwand“ ist kein Pageturner, aber das sollte man sich beim Kauf eines solchen Romans auch nicht erwarten. Fakt ist: Der Anti-Kriegsroman lässt einen betroffen zurück. Das Gute: Arno Geiger verrät auf den letzten Seiten des Buchs auch noch, wie die Leben der echten Personen hinter seinen Protagonisten nach dem Ende der Geschichte noch weiter verlaufen sind. Das bringt nicht nur Klarheit, sondern irgendwie auch einen kleinen Hauch von Frieden. 


Arno Geiger – Unter der Drachenwand
Carl Hanser Verlag – 2018, 480 Seiten
ISBN: 978-3-446-25812-9

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Titelbild: Eva Unterrainer

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