Diskriminierung und Diskriminierungserfahrungen von Frauen in Österreich

Weniger Gehalt, schlechtere Noten in der Schule oder die falsche Behandlung beim Arzt – die Diskriminierung von Frauen zieht sich durch alle Lebensbereiche. Dementsprechend trifft man auf verschiedenste „Gender Gaps“, also Unterschiede zwischen Frauen und Männern, etwa am Arbeitsmarkt, bei der Bildung oder auch im Gesundheitswesen. Die Unterschiede sind fast immer zum Nachteil der Frauen, wie eine brandaktuelle Studie von SORA im Auftrag der Arbeiterkammer Wien zeigt.

Von Asiye Sel und Daniel Schönherr (A&W-Blog)

Die Benachteiligung von Frauen ist Fakt und zieht sich durch viele Bereiche des Lebens.

  • Schon in der Schule erhalten Mädchen z. B. in naturwissenschaftlichen Fächern trotz gleicher Leistung häufiger eine schlechtere Note als ihre männlichen Klassenkollegen.
  • Bewerbungen von jungen Frauen auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz werden von Personalverantwortlichen im Schnitt schlechter eingestuft, auch wenn sie die gleichen Voraussetzungen wie männliche Bewerber mitbringen.
  • Frauen erhalten nicht nur immer noch weniger Gehalt für die gleiche Arbeit, sondern müssen teilweise für dieselben Produkte und Dienstleistungen auch deutlich mehr bezahlen („Gender Pricing“).
  • Beim Arzt oder im Krankenhaus bekommen Frauen eine schlechtere Behandlung als Männer, erhalten z. B. seltener und später Schmerzmittel.
  • In der Pension leiden Frauen häufiger unter Altersarmut – die Armutsgefährdungsquote von Pensionistinnen liegt in Österreich fast doppelt so hoch wie unter Pensionisten.

Die „Gender Gaps“ zwischen Frauen und Männern zeigen sich also fast übers ganze Leben verteilt. Zusätzlich zu diesen strukturellen Formen von Diskriminierung sind Frauen in ihrem Alltag auch immer wieder sexistischen Übergriffen und Gewalt ausgesetzt. 7 Prozent aller Frauen in Österreich erlebten in den letzten drei Jahren eine sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, im Bildungsbereich waren es sogar 17 Prozent aller 14- bis 25-jährigen Frauen.

Diskriminierungserfahrungen von Frauen in Österreich

Diese Zahlen stammen aus einer von SORA im Auftrag der Arbeiterkammer Wien 2018 durchgeführten Studie zu Diskriminierungserfahrungen in Österreich. Eine aktuelle Sonderauswertung widmete sich im Detail den Diskriminierungserfahrungen von Frauen. 46 Prozent aller befragten Frauen fühlten sich in den letzten drei Jahren in mindestens einem Lebensbereich diskriminiert, davon rund ein Drittel explizit aufgrund ihres Geschlechts.

Grafik: A&W-Blog

Die von Frauen in der Umfrage geschilderten Diskriminierungen beginnen bereits in der Schule, z. B. in Form von unfairen Benotungen, Witzeleien, abschätzigem Verhalten bis hin zu körperlichen Übergriffen oder „Cyber-Bullying“. Die Schilderungen setzen sich ein paar Jahre später fort mit ungewöhnlichen Fragen in Vorstellungsgesprächen (etwa nach der Familienplanung), geringerem Gehalt als männliche Kollegen trotz gleicher Leistung bis hin zu Mobbing und körperlichen Übergriffen durch Arbeitskollegen.

Aber auch abseits des Bildungs- und Arbeitsbereichs zeigen sich Diskriminierungserfahrungen, etwa für alleinerziehende Mütter auf Wohnungssuche oder in Form von Belästigungen und Stalking von Frauen in der Nachbarschaft oder sexuellen Avancen beim Arztbesuch.

… aber ist Sexismus überhaupt noch ein Problem?

Angesichts dieser Ergebnisse ist es umso erstaunlicher, dass die deutliche Mehrheit der Menschen in Österreich (70 Prozent) glaubt, dass die Diskriminierung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts hierzulande wenig bis gar nicht verbreitet sei. Selbst Frauen glauben nur zu 38 Prozent, dass es einen breiten Sexismus in Österreich gebe, und das obwohl 46 Prozent aller Frauen in den letzten drei Jahren mindestens eine Diskriminierung erlebt haben.

Noch überraschender ist die Tatsache, dass zwei von drei Frauen ihre Diskriminierung nicht auf ihr Geschlecht, sondern auf andere Merkmale wie Herkunft, Alter etc. zurückführen. Ist die Diskriminierung von Frauen heutzutage also tatsächlich nur noch ein Randphänomen?

Reale Diskriminierung vs. Diskriminierungserfahrungen von Frauen

Die Diskrepanz zwischen realer Diskriminierung von Frauen auf der einen und der von Frauen selbst wahrgenommenen Diskriminierung auf der anderen Seite ist nicht neu. Vor allem jüngere Frauen begründen ihre Distanz zu feministischer Politik oft mit dem Satz: „Ich fühle mich ja nicht diskriminiert“, wie etwa Christine Thon in ihren Studien aufgezeigt hat. Dahinter steht ein gesellschaftlicher Wandel, der Dinge, wie z. B. Selbstverantwortung, Selbstbestimmtheit und individuelle Erfolge (und Misserfolge), wesentlich stärker betont als noch vor ein paar Jahrzehnten. Der Gedanke an strukturelle Schieflagen tritt demgegenüber in den Hintergrund.

Hinzu kommt, dass strukturelle Formen der Diskriminierung insgesamt schwerer zu erkennen sind für Betroffene als direkte zwischenmenschliche Vorfälle – wobei auch diese mittlerweile subtiler geworden sind und nicht immer klar als Diskriminierung erkenn- und benennbar. Die Folgen von Diskriminierung sind aber sehr ähnlich: Viele Frauen fühlen sich angesichts ihrer Erlebnisse hilflos, ziehen sich zurück oder sie versuchen sie zu ignorieren. „Es würde nichts ändern“, lautet eine der häufigsten Antworten auf die Frage, warum sie nichts gegen ihre Diskriminierung unternehmen.

Bild: A&W-Blog

Erhöhtes Diskriminierungsrisiko für Frauen, aber nicht für alle Gruppen gleich

Nicht alle Frauen erleben gleich häufig Diskriminierungen, und nicht alle Frauen führen die Diskriminierungen auf das Geschlecht zurück. Vor allem die Kombination unterschiedlicher Persönlichkeitsmerkmale lässt die Gefahr steigen, Diskriminierungserfahrungen entlang dieser „Achsen der Ungleichheit“ (intersections) zu machen.

Für eine Frau mit ausländischer Staatsbürgerschaft liegt das Risiko z. B. bei 51 Prozent, für eine lesbische/bisexuelle Frau bei 57 Prozent, für eine Frau mit einer Behinderung bei 62 Prozent und für eine junge Muslima sogar bei 83 Prozent. Die meisten dieser Gruppen aber haben nicht das Gefühl, dass sie aufgrund ihres Geschlechts diskriminiert werden, sondern z. B. aufgrund ihres Migrationshintergrunds, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer Behinderung oder anderer Merkmale.

Gleichstellungspolitik neu gedacht

Angesichts dieser Ergebnisse sollte sich eine moderne Gleichstellungspolitik auch stärker anderen Formen der Diskriminierung widmen und den Blick auf die Verschränkungen zwischen Sexismus und Rassismus, Altersdiskriminierung, Homophobie, Disablismus (d. i. die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen) und Klassismus erweitern. Aus den Ergebnissen lässt sich aber auch die Notwendigkeit einer stärkeren Thematisierung von strukturellen Benachteiligungen von Frauen ablesen.

Dies mag angesichts der #MeToo-Bewegung anachronistisch klingen, jedoch stehen gerade jene Formen der Diskriminierung im Zentrum von #MeToo, die für die meisten Frauen ohnehin „leichter“ als Diskriminierung erkennbar sind. Strukturelle Hintergründe blieben dabei aber zumeist unterbeleuchtet, individuelle Perspektiven und Handlungs(un-)möglichkeiten wurden hingegen überbetont. Dies wiegt umso schwerer, als wir aktuell eine deutliche Zunahme der Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen beobachten können, die sich in den absehbaren Verteilungskämpfen nach der Corona-Krise weiter verschärfen könnten.

Frauen als Verliererinnen der Corona-Krise

Zwei Drittel aller systemrelevant Beschäftigten in Österreich sind Frauen, in manchen Berufen, wie z. B. in der Pflege, Kinderbetreuung oder im Einzelhandel, liegt der Frauenanteil sogar über 80 Prozent. Frauen sind dem Virus damit in ihrem Beruf stärker ausgesetzt und tragen auch ein höheres Infektionsrisiko. Gleichzeitig leisten Frauen noch immer den Großteil der unbezahlten Care-Arbeit, kümmern sich also vor und nach ihrem Job auch um den Haushalt, die Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen.

In Zeiten der Schulschließungen waren es vor allem die Mütter, die den Heimunterricht ihrer Kinder organisierten – auch hier hat die Corona-Krise bestehende Ungleichheiten weiter verstärkt. Hinzu kommt, dass Frauen letztes Jahr häufiger ihren Job verloren haben und den Wiedereinstieg in einen neuen Job schwerer schaffen als Männer. Die aktuelle Corona-Krise hat also bestehende Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen nicht nur sichtbar gemacht, sondern auch verstärkt.

… gegen Diskriminierung und Intoleranz!

Gleichberechtigte Teilhabe und Antidiskriminierung sind die Grundlagen für ein gutes Leben und eine gute Arbeitswelt. Die Realität zeigt, dass Diskriminierung und die verschiedenen Formen von Sexismus, Rassismen usw. sich fest im gesellschaftlichen Leben verankert haben. Strukturelle und individuelle Diskriminierung, verbunden mit Intoleranz, ist gerade für Frauen ein Dauerbegleiter geworden. Benachteiligungen von Frauen und häufig auch sexuelle Belästigung dürfen kein Kavaliersdelikt sein.

Statt die anhaltende Benachteiligung von Frauen zu leugnen, braucht es eine klare Haltung gegen jegliche Diskriminierung. Diskriminierung führt zu einer unsolidarischen Gesellschaft mit Spaltung, Ausgrenzung, Verrohung und Durchsetzung der Stärkeren, sie schließt aus und macht krank. Die Ergebnisse der Studie zeigen eindeutigen Handlungsbedarf. Es ist Aufgabe von Politik, Medien, Interessenvertretungen und der Gesellschaft als Ganzer, dieser Spaltung vehement entgegenzutreten.


Titelbild: Sofia Alejandra von Pexels

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