Sonntag ist Büchertag: Literarischer Selbsthass von Sophie Passmann

Kolumnistin und – ja mit 242.000 Followern auf Instagram und 168.100 auf Twitter kann man sie schon so bezeichnen – Influencerin Sophie Passmann hat wieder ein Buch geschrieben. Auf „Alte weiße Männer“ folgt „Komplett Gänsehaut“. Darin beobachtet die Autorin sich selbst, ihr Umfeld und ihre eigenen Privilegien ganz genau – mit viel Ironie und einer gehörigen Portion Biss. Vorneweg: Das muss man mögen.

Von Eva Unterrainer

Buchcover von "Komplett Gänsehaut"
Sophie Passmann – Komplett Gänsehaut (Kiepenheuer&Witsch)

In „Alte weiße Männer“ unterhält sich Sophie Passmann, selbst in ihren Zwanzigern, mit genau dem Typ Mensch, den der Titel beschreibt: älteren, (deutschen), weißen Männern. Über Sexismus, Rassismus, die Frauenquote und andere Themen, die durchaus die ein oder andere Meinungsverschiedenheit aufwerfen können. Das ist zwar unterhaltsam, Lösungen und Antworten auf die wirklich wichtigen Fragen liefert es aber nicht. 

Bei ihrem neuen Roman „Komplett Gänsehaut“ verhält es sich ähnlich. Das ist aber nicht unbedingt schlecht, schließlich handelt es sich dabei nicht mehr um ein Sachbuch sondern eher um eine Selbststudie. Nicht zwingend von Passmann selbst – obwohl das durchaus der Fall sein könnte – sondern jedenfalls von einer jungen Frau, die sich selbst und ihre eigene Existenz ganz genau unter die Lupe nimmt und auf keinen Fall so werden möchte wie die anderen, sich aber auf dem besten Weg dorthin befindet.

„Komplett Gänsehaut“ ist 192 Seiten kurz. Das passt aber auch so. Zunächst schreitet die Erzählerin im übertragenen Sinne Zimmer für Zimmer durch ihre Altbauwohnung und mistet aus. Was braucht man zum „erwachsen sein“, was nicht? Dabei spricht sie nicht nur für sich selbst, sondern fast für eine ganze deutsche (und sicher auch österreichische) Generation, die Schwierigkeiten dabei hat, sich in der Welt der Erwachsenen und des echten Lebens zurecht zu finden. Der Ton ist in erster Linie zynisch, nachdenklich und auch ein wenig zweifelnd, dabei aber immer punktgenau und unterhaltsam.

Man fühlt sich von Sophie Passmann verstanden und kann in „Komplett Gänsehaut“ – ganz drastisch ausgedrückt – sicher ein wenig Trost finden. Vor allem „in Zeiten von Corona“ nie eine schlechte Idee. Lichtblicke und positive Vibes liefert das Buch aber nicht. Dafür ist die allzeitpräsente Ironie zu bissig. Das Ganze wirkt ziemlich abgeklärt und allwissend, was in Hinblick auf den Umfang des Buchs jedoch gut funktioniert. Trotzdem muss man es mögen. 

Richtig Spaß macht „Komplett Gänsehaut“, wenn auf einmal neben der Erzählerin weitere Charaktere ins Spiel kommen. Zum Beispiel ein zwölfjähriges Mädchen, mit dem sich Sophie Passmann (oder die Protagonistin) angefreundet hat und das sie regelmäßig besucht oder auch einige Freund*innen, mit denen sie Risotto und Vino-Abende in ihrer Wohnung verbringt und über Popkultur und Literatur philosophiert.

Deshalb und aufgrund vieler witzig-bissigen Bemerkungen und Beobachtungen kann man „Komplett Gänsehaut“ auf jeden Fall lesen. Zudem weiß Sophie Passmann einfach, was sie da macht und beherrscht ihr Werkzeug der Sprache zu gut, um sich diese kurzweiligen 192 Seiten entgehen zu lassen. Spaß macht es allemal.


Sophie Passmann – Komplett Gänsehaut
Kiepenheuer&Witsch-Verlag – 2021, 192 Seiten
ISBN: 978-3-462-05361-6

Heißhunger auf Bücher? Auf ihrer Website www.book-cravings.com findet ihr noch mehr lesenswerte Rezensionen von Eva.

Titelbild: Eva Unterrainer

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