Die Solidaritätsprämie als verpasste Chance?

Die COVID-19-Pandemie konfrontiert den österreichischen Arbeitsmarkt mit zahlreichen Herausforderungen. Die Solidaritätsprämie stellt eine Maßnahme dar, diesen zu begegnen. Das Modell dient dazu, arbeitslose Menschen in Beschäftigung zu bringen und Arbeitszeit zu verkürzen. Dadurch wird Arbeit auf mehr Köpfe verteilt. Doch wieso wird die Solidaritätsprämie trotz der zahlreichen Vorteile so selten genutzt?

Von Astrid Hohner, Raphael Kaufmann, Sidonie Ulreich und Tabea Wich (A&W-Blog)

Arbeitszeitverkürzung als wirtschaftspolitische Lösungsstrategie

Durch die COVID-19-Krise und den daraus resultierenden Einbruch der Wirtschaft ist Arbeitslosigkeit wieder ins Zentrum wirtschaftspolitischer Debatten gerückt. Arbeitszeitverkürzung stellt hierbei eine Lösungsstrategie dar, um Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken: Durch die Reduktion von Arbeitszeit kann die vorhandene Erwerbsarbeit auf mehr Personen verteilt werden. Arbeitszeitreduzierende Maßnahmen haben außerdem das Potenzial, das individuelle Wohlbefinden durch ein Mehr an Freizeit zu steigern. Auch aus ökologischer Perspektive scheint eine Reduktion der Arbeitszeit sinnvoll. In diesem Sinne kann Arbeitszeitverkürzung zu einer nachhaltigeren und sozialeren Wirtschaft beitragen. Nicht zuletzt scheint diese politische Forderung auch in der österreichischen Gesellschaft auf beträchtlichen Zuspruch zu stoßen. Laut einer Umfrage aus dem Sommer 2020 befürworten mehr als 50 Prozent der Befragten in Österreich eine Reduktion ihrer Arbeitszeit.

Solidaritätsprämie: Verteilung von Arbeit auf mehr Köpfe

Hinter der Bezeichnung „Solidaritätsprämie“ steckt eine innovative Kombination aus Arbeitszeitverkürzung und aktiver Arbeitsmarktpolitik. Sie wurde im Jahre 2000 eingeführt und impliziert die Reduktion der Normalarbeitszeit bestimmter Mitarbeitender (die sogenannten Solidaritätsarbeitskräfte). Für die frei gewordene Arbeitszeit wird eine vormals arbeitslose Person oder ein überbetrieblicher Lehrling (die sogenannte Ersatzarbeitskraft) eingestellt. Der Arbeitnehmer bzw. die Arbeitnehmerin erhält 50 Prozent der Einkommenseinbuße für bis zu zwei Jahre vom AMS ersetzt (drei Jahre, wenn die Ersatzarbeitskraft eine Behinderung hat, älter als 45 Jahre oder langzeitarbeitslos ist). Darüber hinaus werden alle zusätzlichen Sozialversicherungskosten vom AMS gedeckt, sodass den Unternehmen durch die Teilnahme keinerlei finanzielle Nachteile entstehen. Wie in der Grafik  dargestellt, reduzieren beispielsweise vier Mitarbeitende ihre Arbeitszeit von 40 auf 32 Stunden und erhalten hierfür den Lohn für 36 Stunden. Zusätzlich wird eine neue Stelle von 32 Stunden für eine Ersatzarbeitskraft geschaffen.

Grafik: A&W-Blog

Wenig Inanspruchnahme trotz zahlreicher Vorteile

Trotz zahlreicher Vorteile wurde die Solidaritätsprämie bisher nur von einer relativ kleinen Anzahl von Unternehmen in Anspruch genommen. Wie die Grafik unten zeigt, wurde die Solidaritätsprämie selten genutzt, mit insgesamt 3.442 Teilnehmenden im Zeitraum von 2008 bis 2019. Wird hier eine Chance zur Bewältigung aktueller gesellschaftlicher Herausforderungen verpasst?

Grafik: A&W-Blog

Ursachen für niedrige Teilnahmezahlen & mögliche Lösungsansätze

Die niedrige Inanspruchnahme der Solidaritätsprämie haben wir zum Ausgangspunkt für fünf Interviews genommen. In diesen haben wir mit Expert*innen der Arbeiterkammer, der Wirtschaftskammer, des Österreichischen Instituts für Berufsbildungsforschung, des Arbeitsmarkservices und der Gewerkschaft GPA über Ursachen und mögliche Lösungsansätze gesprochen.

Demnach lässt sich die geringe Teilnahme an der Solidaritätsprämie auf ein mangelndes Informationsangebot und fehlende Bewerbung zurückführen. Arbeitgeber, Arbeitnehmer*innen und Betriebsräte wissen oft nicht von der Existenz bzw. den Möglichkeiten, die Solidaritätsprämie im eigenen Unternehmen umzusetzen. Daher schlagen wir eine gezielte Informations- und Bewerbungskampagne vor, die sich an alle relevanten Akteur*innen richtet.

Darüber hinaus erschweren unternehmensspezifische Charakteristika die Teilnahme kleiner Unternehmen. Unternehmen mit einer geringeren Zahl an Mitarbeiter*innen sind unter den Teilnehmern der Solidaritätsprämie selten vertreten, da der administrative Mehraufwand relativ höher ist als in großen Unternehmen mit einer eigenen Personalabteilung. Darüber hinaus ist eine Umsetzung schwieriger realisierbar, wenn einzelne Mitarbeitende spezialisierten Tätigkeiten nachgehen. Da 81 Prozent der österreichischen Unternehmen weniger als zehn Mitarbeiter*innen beschäftigen, ist für einen Großteil der Betriebe die Solidaritätsprämie nur schwer umzusetzen.

Viele Arbeitnehmer*innen können oder wollen Lohneinbußen nicht hinnehmen. Finanzielle Abhängigkeit, aber auch gesellschaftliche Normen spielen eine wesentliche Rolle darin, dass Maßnahmen zur Reduktion von Arbeitszeit gar nicht erst in Erwägung gezogen werden. Es gilt daher zu verstehen, warum Arbeitsverkürzung generell – sowie die Solidaritätsprämie im Speziellen – als potenzielle Lösungsstrategie für gesellschaftspolitische Herausforderungen nicht genutzt wird. Dies nehmen wir zum Anlass, die Potenziale sowie Hindernisse von Arbeitszeitverkürzung weiter zu erforschen.

Fazit: eine zweite Chance für die Solidaritätsprämie

Die Solidaritätsprämie kombiniert Arbeitszeitverkürzung und aktive Arbeitsmarktpolitik mit dem Ziel, Erwerbsarbeit auf mehr Köpfe zu verteilen. Die COVID-19-Krise und die steigende Arbeitslosigkeit zeigen mehr denn je das Potenzial der Solidaritätsprämie. Das Modell trägt zur Umverteilung von Erwerbsarbeit von überarbeiteten zu arbeitslosen Personen bei. Trotz der vielfältigen Vorteile wird die Solidaritätsprämie sehr wenig genutzt; deshalb schlagen wir Informations- und Bewerbungskampagnen vor. Um den Herausforderungen am Arbeitsmarkt zu begegnen, müssen keine neuen Strategien erfunden werden, es ist möglich, bereits vorhandene Maßnahmen wie die Solidaritätsprämie zu nutzen und weiter zu verbessern.


Titelbild: Niek Verlaan auf Pixabay 

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