„Viele Rechte, keine Pflichten“ – Was will Konrad Paul Liessmann „uns“ mit dieser Glosse sagen?

„Was wir brauchen sind nicht mehr Rechte oder Pflichten, sondern Menschen, die klug und mutig genug sind, jene Rechte zu befolgen, sie auch zu verteidigen, die wir aufgrund der ,UN-Charta für Menschenrechte ohnedies schon haben”, schreibt Ilse Kleinschuster im Gastbeitrag.

Der Schriftsteller und Jurist Ferdinand von Schirach hat – unter dem Titel „Jeder Mensch“ – eine „Ergänzung“ zur Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte als Proklamation herausgebracht, er meint „Neue Zeiten erfordern neue, einklagbare Rechte“.

Daraufhin hat Konrad Paul Liessmann eine Glosse in der Wiener Zeitung veröffentlicht:

„Warum hat Schirach seine Idee zu einem zeitgemäßen Umgang des Menschen mit sich und der Natur nicht als Pflichtenkatalog formuliert? Jeder Mensch hat die Pflicht, durch sein Verhalten einen Beitrag zu einer intakten Umwelt zu leisten. Jeder Mensch hat die Pflicht, Amtsträgern gegenüber ehrlich zu sein, z.B. bei Einkommensteuererklärungen, um damit seinen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. Der Erfolg solch einer Verlautbarung moderner Menschenpflichten wäre sehr überschaubar gewesen. Wohlmeinend kann man dieser Proklamation Naivität aus Menschenfreundlichkeit unterstellen. Wer so unbekümmert mit Begriffen wie „Wahrheit“ umgeht, hat entweder darüber noch nie nachgedacht oder streut den Menschen bewusst Sand in die Augen. Schon Immanuel Kant hat lakonisch darauf aufmerksam gemacht, dass man von niemandem verlangen kann, die „Wahrheit“ zu sagen, da sich diese so leicht einfach nicht eruieren lässt. Bestenfalls kann man „Wahrhaftigkeit“ einfordern. Amtsträger müssten dann sagen, was sie für wahr halten. An dieser Stelle könnte man anmerken, dass wir das manchmal lieber gar nicht wissen wollen. Doch Einwände kümmern die eifrigen Verkünder wenig. Wie wäre es mit einem Recht, von solch unausgegorenen Entwürfen verschont zu bleiben?“

Der Kulturphilosoph Konrad Paul Liessmann hat mit seiner Glosse den Nagel (philosophisch-ethischer Fragen) auf den Kopf getroffen. Diese passen meiner Meinung nach nicht mehr in ein post-kapitalistisches Denken, in dem Fragen zum großen Ganzen auf der Ebene von Systemrelevanz verhandelt werden müssen und Fragen zu Dimensionen des Menschseins an ihre Grenzen stoßen.

Schon vor 20 Jahren, als Hans Küng das „Weltethos“ als seine Vision eines moralischen Wertekatalogs proklamiert hat (im Handbuch Weltethos gut nachzulesen), meinte er, eine friedliche Welt brauche gemeinsame Spielregeln. Diese können nicht eine einzelne Weltanschauung vorgeben, vielmehr müssen sie sich aus den Quellen aller Weltreligionen und humanistischer Traditionen speisen. Die Vision „Weltethos“ wurde von Kofi Anan (ehem. UNO-Vorsitzender) als mögliche Ergänzung zur UN-Erklärung der Menschenrechte freundlich aufgenommen – eine gute Idee?

Ja, wenn „wir“ eine friedliche Welt wollen, dann ist es doch klar, dass Politik Werte braucht, dass Politik ohne klare Wertorientierung sich in Pragmatismus und hektischer Tagesaktivität erschöpft, oder? Andererseits aber, brauchen Werte nicht auch Politik? Wo blieben all unsere Visionen ohne die entschlossene Kraft politischen Handelns und wertorientierter Gestaltung? 

„Ohne Respekt für die menschliche Vielfalt ist die Globalisierung zum Scheitern verurteilt. Kein Überleben des Globus ohne globale Ethik!“ So der Tenor im Projekt der Ökosozialen Marktwirtschaft für einen Global Marshall Plan in den 90er Jahren. Was ist daraus geworden?

Nachhaltiges Wirtschaften ist heute Utopie. In den besorgten Kreisen der Wissenschaft, der Wirtschaft, aber auch der Zivilgesellschaft fragen sich immer mehr Menschen:

Wie können wir Barrieren überwinden und zukunftsfähig handeln?

Was jetzt doch immer lauter auf den verschiedensten gesellschaftspolitischen Gestaltungsebenen gefordert wird, sind utopische Visionäre. Politische Verantwortungsträger, die sich ihrer Pflichten wirklich bewusst sind, haben es aber diesbezüglich schwer – meiner Meinung nach primär aufgrund des Verlusts an ethischer Orientierung. Mahatma Gandhi hat das in seinen „Sieben Todsünden der heutigen Welt“ treffend formuliert: Reichtum ohne Arbeit, Genuss ohne Gewissen, Wissen ohne Charakter, Geschäft ohne Moral, Wissenschaft ohne Menschlichkeit, Religion ohne Opfer und Politik ohne Prinzipien.

Ich bewege mich seit meiner Pensionierung auf der Ebene von NGOs (angefangen bei der Initiative Weltethos bis zur Initiative Zivilgesellschaft) und ich weiß um die oft frustrierende Arbeit all dieser „Freiwilligen“, die sich oft um der guten Sache willen um ihre Existenzsicherung bringen. Was wirklich schwer ist, ist eine halbwegs in sich schlüssige ordnungspolitische Vorstellung, wie zukunftsfähige Spielregeln für eine global vernetzte Wirtschafts- und Finanzwelt aussehen sollen und wie man diese auch durchsetzen kann. 

Tja, ein Pflichtenkatalog, das sagt sich so leicht! Schöpfungsverantwortung und Soziale Solidarität auch auf globaler Ebene ist die große Herausforderung im 21.Jht., für die Überwindung des zum Teil himmelschreienden Unrechts gegenüber der Umwelt und gegenüber Milliarden von Menschen, die unter unwürdigsten Bedingungen vegetieren müssen.

Ja, der UNO sei Dank, wir haben zwar jetzt die UN-Ziele für Nachhaltige Entwicklung (die SDGs) als moralische Richtschnur und die AGENDA 2030 als Navigator für Gemeinden. Und ja, es werden jetzt immer mehr Maßnahmen zur Symptombekämpfung vonseiten der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik erarbeitet und manchmal auch ergriffen, um die sozialökologische Krise einzudämmen. Aber was es vielleicht dazu mehr braucht, das sind konkrete Prinzipien nachhaltigen Handelns. Vielleicht unsere letzte Chance, durch persönlichen Einsatz und eine neu gestaltete Lebenspraxis dem Klimawandel mit seinen Folgen (auf dem Hintergrund der Menschenrechte) Einhalt zu gebieten.

Was wir brauchen sind nicht mehr Rechte oder Pflichten, sondern Menschen, die klug und mutig genug sind, jene Rechte zu befolgen, sie auch zu verteidigen, die wir aufgrund der UN-Charta für Menschenrechte ohnedies schon haben. Was dabei hilfreich wäre, ist mehr Durchsetzungskraft gegen die Macht des Geldes, um wieder den Wert der Natur und des Menschen als Teil von ihr höher schätzen zu können. Aber dazu bräuchte es zunächst einmal ein wacheres Bewusstsein dafür, dass wir ein solidarisch-motiviertes, bedingungsloses und universelles Grundeinkommen haben könnten, wenn wir dafür kämpfen.

Durch die Corona-Krise ist ja ins Zentrum gerückt, was diverse relevante Kampagnen und Manifeste schon lange aufzeigen: Das Grundeinkommen ist nicht nur ein wichtiger Beitrag zur Bekämpfung von Armut, Unfreiheit und Ungerechtigkeit, sondern es ist auch ein Instrument, um den Menschen freier und fortschrittsfähiger zu machen.

Dies aufzuzeigen ist in Österreich jetzt auch das Forum-Seitenstetten angetreten – siehe meinen Bericht dazu in der cooppa.at.


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Titelbild: Javier Allegue Barros auf Unsplash

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