5 Dinge, die in der Lehrausbildung verbessert werden könnten

Immer wieder hört man den Ruf nach mehr Fachkräften. Ebenso, dass das Image der Lehre verbessert gehört. Doch Rufe allein reichen dafür nicht aus – es müssen schon konkrete Maßnahmen gesetzt werden, will man die potenziellen Fachkräfte von morgen für die Lehre begeistern.

Von Thomas Moldaschl (A&W-Blog)

Am besten hört man dafür auf die Stimmen der Lehrlinge selbst. Über 6.000 von ihnen wurden im Rahmen des 4. Lehrlingsmonitors vom Österreichischen Institut für Berufsbildungsforschung (ÖIBF) im Auftrag von AK und ÖGB befragt. Die Ergebnisse der Gesamtstudie können hier nachgelesen werden. Sie ist die größte österreichweite Befragung von Lehrlingen überhaupt. Der Lehrlingsmonitor liefert somit einen wichtigen Einblick in die Realität der Lehrlingsausbildung aus Sicht der Lehrlinge und zeigt auf, was in ihren Augen verbessert werden müsste. Im Folgenden wird auf fünf ausgewählte Themenbereiche eingegangen, die sowohl auf gesamtpolitischer Ebene, aber auch in einzelnen Betrieben zu einer erfolgreicheren Lehrausbildung beitragen können.

1. Eine breitere Berufsorientierung, die insbesondere Eltern miteinbezieht

Vor einem guten Start in die Lehrausbildung steht die richtige Berufswahl. Bei den relevantesten Informationsquellen für die Berufsorientierung rangieren Eltern und Familie ganz oben, gefolgt von Freund:innen und Bekannten. Ebenfalls besonders wichtig für die Berufsorientierung sind Praktika bzw. das Schnuppern in Betrieben, was am dritthäufigsten genannt wird. In erster Linie prägt also das persönliche Umfeld, welche Lehrberufe Jugendliche in Betracht ziehen. Die Berufsorientierung in der Schule, Berufsinformationsseiten im Internet und Berufsmessen rangieren erst hinter diesen drei Hauptgründen.

Berufsorientierung von Lehrlingen - wo hast du dich informiert?
Grafik: A&W-Blog

Angesichts der starken Bedeutung des persönlichen Umfelds der Jugendlichen sowie der Möglichkeit, vorher Tätigkeiten ausprobieren zu können, muss an diesen Stellen angesetzt werden, will man die in der Berufswahl oft noch starken Geschlechterstereotypen aufbrechen. Obwohl nur 19 Prozent der Lehrlinge der Aussage voll zustimmen, dass sie sich für einen Beruf entschieden haben, der typisch für ihr Geschlecht ist, herrscht bei den meisten Lehrberufen immer noch ein starkes Ungleichgewicht vor. Der bei Frauen am häufigsten gewählte Lehrberuf war 2021 der Lehrberuf Einzelhandel. Von insgesamt 12.312 Lehrlingen im Einzelhandel waren 62 Prozent weiblich. Bei den Männern war der häufigsten Lehrberuf 2021 die Metalltechnik. Hier waren von 10.300 Lehrlingen sogar 90 Prozent (!) männlich. Bei den Klassikern der geschlechterstereotypen Auswahl Friseur:in (2.800 Lehrlinge, davon 84 Prozent weiblich) bzw. Kfz-Techniker:in (7.499 Lehrlinge, davon 95 Prozent männlich) war die Konzentration nach Geschlecht ähnlich hoch.

Will man diese Stereotypen aufbrechen, reicht es nicht, sich nur an die Jugendlichen selbst zu wenden. In der Berufsorientierung müssen auch die Eltern mitangesprochen werden. Außerdem braucht es mehr Möglichkeiten, Tätigkeiten in „ungewöhnlicheren“ Lehrberufen auszuprobieren. Gerade Letzteres hat aber in der Corona-Krise gelitten. Viele Betriebe hatten nicht die Möglichkeit, Jugendlichen ihre Tätigkeiten praxisnah vorzustellen. Dieses Defizit in der Berufsorientierung wieder aufzuholen wird nur möglich sein, wenn man sich moderner Technologien bedient, wie beispielsweise interaktiver 3D-Videos, die es bei der L14 – der Bildungs- und Berufsorientierungsmesse der AK Wien gegeben hat.

2. Eine moderne Ausbildung in den Vordergrund stellen

Immer noch müssen Lehrlinge oft Tätigkeiten verrichten, die nichts mit ihrer eigentlichen Ausbildung zu tun haben und auch sonst keinen Mehrwert für ihre Ausbildung bieten. 19 Prozent der Befragten geben an, immer oder häufig ausbildungsfremde Tätigkeiten verrichten zu müssen. In den meisten Fällen (51 Prozent) handelt es sich dabei um Hilfsarbeitertätigkeiten, als konkrete Beispiele wurden unter anderem „den Hund [vom Chef] Gassi führen“ (Kfz-Technik), „private Autos putzen und saugen“ (Bürokauffrau/-mann) oder „Müll bzw. Mülleimer entleeren“ (Pharmazeutisch-kaufmännische Assistenz) genannt.

Derartige Tätigkeiten, die nicht nur nichts mit den Ausbildungsinhalten eines Lehrberufs zu tun haben, sondern auch noch den Lehrlingen das Gefühl geben, „Beschäftigte zweiter Klasse“ zu sein, tragen zusätzlich zur Unzufriedenheit bei.

Anstatt Lehrlinge zu Hilfsarbeitstätigkeiten heranzuziehen, wäre es viel wichtiger, sie vertraut zu machen mit digitalen Techniken und Geräten, die in immer mehr Berufen Einzug halten. Nur so können sie als die Fachkräfte von morgen auf die Herausforderungen der Digitalisierung gut vorbereitet sein.

Dies setzt aber voraus, dass die Lehrlinge schon während ihrer Ausbildung in den Betrieben mit entsprechenden Geräten und Software-Anwendungen arbeiten. Hier zeigt sich eine starke Kluft. 19 Prozent der Lehrlinge kommen in ihrer Ausbildung weder mit IT-Infrastruktur noch digitalen Medien in Kontakt. Bei 20 Prozent kommen zwar digitale Medien zum Einsatz, IT-Infrastruktur hingegen nicht.

Nutzung von IT-Infrastruktur und digitalen Medien
Grafik: A&W-Blog

Ebenfalls vielerorts zu kurz kommt die regelmäßige Reflexion des Gelernten. In der Befragung geben nur rund die Hälfte der Lehrlinge an, dass mit ihnen regelmäßig Arbeitsergebnisse besprochen werden. Regelmäßige Reflexion ist aber wichtig, um Kompetenzen zu festigen und die berufliche Handlungsfähigkeit der Lehrlinge zu stärken. 53 Prozent der Lehrlinge wünschen sich häufigeres Feedback.

Zwar haben bereits viele Betriebe die Wichtigkeit erkannt, eine moderne und zeitgemäße Ausbildung in den Vordergrund zu stellen, und sind sich ihrer Verantwortung für die Ausbildung der künftigen Fachkräftegeneration bewusst. Die Ergebnisse des Lehrlingsmonitors zeigen allerdings, dass es hierbei noch erheblichen Verbesserungsbedarf gibt. So beklagen in Summe ein Drittel der Befragten, dass ihrem Ausbildungsbetrieb die Arbeit wichtiger als die Ausbildung ist.

3. Höheres Lehrlingseinkommen

Zu guter Arbeit gehört auch eine angemessene Entlohnung. Die Hälfte der Lehrlinge gibt an, dass aus ihrer Sicht das Lehrlingseinkommen im Vergleich zu ihrer Arbeitsleistung zu niedrig ist. Betrachtet nach einzelnen Lehrberufen, sticht beispielsweise der Lehrberuf „Koch/Köchin“ heraus, mit 61 Prozent der Lehrlinge, denen das Einkommen zu niedrig ist. Wenig überraschend, starten doch Koch/Köchin-Lehrlinge im ersten Lehrjahr mit 785 Euro brutto monatlich. Angesichts dessen verwundert es auch nicht, dass aktuell zum 31. März 2022 744 offenen Lehrstellen für Koch/Köchin gerade einmal 122 Lehrstellensuchende gegenüberstanden (Quelle: AMS).

Als erfolgreiches Gegenbeispiel kann der Lehrberuf „Maurer/in“ dienen. Hier waren nur 36 Prozent mit der Höhe des Einkommens unzufrieden – sie starten im ersten Lehrjahr bereits bei 1.042 Euro brutto monatlich. Entsprechend war der Überhang offener Lehrstellen zu Lehrstellensuchenden deutlich geringer. Es gab per 31. März 2022 109 Lehrstellensuchende bei gleichzeitig 206 offenen Lehrstellen (jeweils inkl. Nachfolgelehrberuf Hochbauer/in).

Anstatt also, wie leider so oft, einen Fachkräftemangel zu bedauern oder sich Gedanken über symbolische Imageverbesserungen der Lehre zu machen, können höhere Lehrlingseinkommen helfen, Lehrberufe attraktiver zu machen.

4. Kenntnis der betrieblichen Mitbestimmung stärken

Ein Element moderner Lehrberufsbilder ist es auch, dass in der Ausbildung die Rechte von Beschäftigten und Möglichkeiten betrieblicher Mitbestimmung thematisiert werden. Zu Letzterem gehört vor allem das Wissen, ob es im Betrieb einen Jugendvertrauensrat und/oder einen Betriebsrat gibt. Dies brauchen Lehrlinge, damit sie wissen, an wen sie sich in vertraulichen Fragen vor Ort als Erstes wenden können und wer ihnen bei arbeitsrechtlichen Fragen weiterhelfen kann.

Insofern ist es bedauerlich, dass 18 Prozent der befragten Lehrlinge angegeben haben, gar nicht zu wissen, ob ein Jugendvertrauensrat und/oder Betriebsrat in ihrem Betrieb existiert.

Bei großen Betrieben über 250 Mitarbeiter:innen ist die Situation deutlich besser. Hier können nur 13 Prozent die Frage nicht beantworten. Immerhin 76 Prozent der Lehrlinge in sehr großen Betrieben verfügen über eine betriebliche Interessenvertretung, die ihnen auch bekannt ist.

5. Die Lehrabschlussprüfung im Betrieb besprechen

Ist die Lehrausbildung erst einmal abgeschlossen, gilt es für die Lehrlinge ihre Kenntnisse und Fähigkeiten bei der Lehrabschlussprüfung (LAP) unter Beweis zu stellen. Grundsätzlich zeigt sich, dass es den Betrieben sehr wichtig ist, dass ihre Lehrlinge auch zur LAP antreten (85 Prozent).

Bemerkenswert ist angesichts dieses hohen Werts allerdings die Diskrepanz im Vergleich zur Unterstützung, welche die Lehrlinge durch die Betriebe in der Vorbereitung erhalten. So sagen 22 Prozent der Befragten, dass sie noch nie mit ihrem:r Ausbildner:in über die Prüfungsanforderungen gesprochen haben.

Dementsprechend fühlen sich viele Lehrlinge auch nicht ausreichend auf die LAP vorbereitet.

Mehr als die Hälfte der Lehrlinge hat gegen Ende ihrer Ausbildung entweder das Gefühl, die Anforderungen der LAP nicht zu erfüllen (44 Prozent), oder sie kennen die Anforderungen der LAP gar nicht (13 Prozent).

Eine gute Prüfungsvorbereitung ist jedoch essenziell, damit die Lehrlinge die LAP auch bestehen. Dies ist umso schwerer, wenn auf die Anforderungen der LAP nicht vorab schon im Betrieb eingegangen wird. Die grundsätzlichen Inhalte jeder LAP finden sich in den Prüfungsordnungen der jeweiligen Lehrberufe (diese können hier abgerufen werden).

Fazit

Gute Fachkräfte setzen gute Lehrstellen voraus – aus den Ergebnissen des 4. Lehrlingsmonitors lassen sich die fünf hier genannten Verbesserungsmöglichkeiten ableiten, welche sich in den Ausbildungsbetrieben direkt umsetzen lassen:

– Bei der Berufsorientierung auch die Eltern miteinbeziehen.

– Die Ausbildung im Betrieb in den Vordergrund stellen und dabei auf dem aktuellen Stand der Technik sein.

– Ein höheres Lehrlingseinkommen bieten.

– Lehrlinge über die Möglichkeiten der betrieblichen Mitbestimmung informieren.

– Die Anforderungen der Lehrabschlussprüfung mit den Lehrlingen schon im Betrieb besprechen.

Mit entsprechenden Verbesserungen im betrieblichen Lehrlingswesen kann auch einem Fachkräftemangel begegnet werden, der ständig beklagt wird. Es müssen aber handfeste Maßnahmen sein, die den Jugendlichen auch zeigen, dass sie als künftige Fachkräfte geschätzt werden.


Titelbild: Chris Ralston auf Unsplash

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