Wenn ich einen Roman…

Von Andreas P. Pittler

Wer mich ein wenig kennt, der weiß vielleicht, dass ich Schriftsteller bin. Eine gewisse Bekanntheit erlangte ich durch meine Kriminalromane, die regelmäßig in den heimischen Bestsellerlisten landen und mittlerweile auch in mehrere Sprachen übersetzt wurden. Einmal versuchte ich mich an einem Thriller, der am Vorabend des Dreißigjährigen Krieges spielte und in dem ich die handelnden Politgrößen jener Tage auftreten ließ.

Dieser Tage ertappte ich mich bei der Frage, wie ich wohl einen Thriller angehen würde, der in der Jetztzeit spielt. Und ich entwickelte dabei folgendes Treatment.

Der Roman bestünde aus drei Teilen, dessen erster, sagen wir, kurz nach der Jahrtausendwende spielt. Die Weltmacht USA hat den Kalten Krieg gewonnen, ist aber nicht bereit, sich mit diesem Triumph zu begnügen. Die Führung des Landes will tatsächlich die Weltherrschaft und stellt daher Überlegungen an, wie sie auch jene Staaten unter Kontrolle bringen kann, die zu jenem Zeitpunkt noch nicht auf neoliberaler Linie sind. Man erinnert sich der CIA und sucht ein kleines Ländchen, in dem man den großen Plan quasi unter Testbedingungen ausprobieren kann. Die Wahl fällt auf Jugoslawien, dessen lokale Elite sich allen Versuchen einer Westintegration bislang verweigert hat. An dieser Stelle schriebe ich eine Szene, die vielleicht im Oval Office spielt, wo die Langley-Jungs dem US-Präsidenten verklickern, wie sie „Slobo“ durch eine vermeintliche Volkserhebung aushebeln können. Der Präsident, primär damit beschäftigt die Niederlage seines Vaters im Nahen Osten ungeschehen zu machen, lässt die CIA gewähren.

Nun würde ich eine Art Jack Ryan (die Hauptfigur von Tom Clancys CIA-Romanen) einführen, der nach Belgrad fliegt und dort Kontakte zu ein paar unzufriedenen serbischen Studenten knüpft. Er erklärt ihnen, wie sie die neu aufkommenden sozialen Medien im Rahmen des Internet für eine Revolution nützen können, stellt ihnen Geld und Räumlichkeiten zur Verfügung und sorgt dafür, dass die Botschaften seiner Helfershelfer ein breites Publikum finden. Serbien ist ein dankbares Pflaster für diese Art Destabilisierung, denn die vergangenen Jahre haben aus der ehemaligen Führungsmacht der Blockfreienbewegung einen Rumpfstaat mit mehreren verlorenen Kriegen und einer verheerenden sozialen Lage werden lassen. Ein paar Demos genügen, um das Regime ins Wanken zu bringen. Als die alte Elite jedoch nicht bereitwillig abtritt, wie es zehn Jahre zuvor mit den KP-Regimes im Realsoz der Fall gewesen war, importiert die CIA einen ihrer Mitarbeiter mit serbischer Nationalität, baut diesen als „Hoffnungsträger“ auf, der seine Unterstützer dazu aufreizt, das Parlament abzufackeln. Nun ist Serbien sturmreif geschossen, der Probelauf erfolgreich beendet.

Unser Jack Ryan weiß, eigentlich geht es um viel spannendere Weltgegenden als bloß um das kleine Serbien. Seit die Sowjetunion zerfallen ist, gibt es rund um Russland jede Menge neuer Staaten, die sich allesamt durch zwei Besonderheiten auszeichnen: sie haben kein Geld, aber enorm viele Bodenschätze. Für Amerika gleicht diese Region einem Teich voller Fische, die nur darauf warten, von Onkel Sam geangelt zu werden.

Es wird Zeit für den ersten Akt. Jack Ryan bedient sich seiner Serbenjungs, die sich leidlich mit ihren ebenso unzufriedenen ukrainischen Komilitonen verständigen können. Ziel ist es nun, die ex-kommunistische Führungsschicht durch willfährige US-Diener zu ersetzen. Man sucht und findet einen verkrachten Mitarbeiter des Instituts für Marxismus-Leninismus, der sich nach der Wende als Banker versucht hat und der wie der serbische CIA-Mitarbeiter über eine leidlich attraktive Ehefrau verfügt. Eilig strickt man eine Legende, wonach die beiden die moderne Ukraine verkörpern, weshalb ihnen von den bösen Machthabern nach dem Leben getrachtet werde. Der Mann verliert zwar die Wahl, doch Massenproteste erzwingen eine Wahlwiederholung, und schon sitzt Washingtons Mann im Präsidentenpalast. Jack Ryan wird belobigt und erhält den Auftrag, das Spielchen in Kirgistan zu wiederholen, wo die US-Wirtschaft auch interessante Möglichkeiten zur Bereicherung vermutet.

Hier begänne nun der zweite Teil, der zehn Jahre später spielt. In der Ukraine ist nicht alles so gelaufen, wie die Amerikaner sich das erwartet haben. Die ukrainischen Oligarchen, sie wollen alle ihr großes Stück vom Kuchen, und so ist die neue Regierung hauptsächlich damit beschäftigt, sich gegenseitig an die Gurgel zu gehen. Kein Wunder also, dass die nächsten Wahlen 2010 krachend verloren gehen. Just jener Ex-Apparatschik, den man sechs Jahre zuvor mit Ryans Hilfe verhindert hatte, wird neuer Präsident und knüpft enge Bande zu Russland, sodass den Amis die Felle davonzuschwimmen drohen.

Ryan, mittlerweile wohlbestallter Frührentner am Strand von Cancun, wird nach Langley zurückgeholt und vom neuen Präsidenten, einem schwarzen Demokraten, befragt, ob es denn möglich sei, denselben Trick ein weiteres Mal anzuwenden. Ryan reizt die Aufgabe und er fährt nach Lemberg, wo er die Stimmung auslotet. Er reaktiviert seine alten Kanäle, die froh sind, wieder eine – gut bezahlte – Aufgabe zu bekommen, da die letzten Jahre für sie nicht sonderlich einträglich waren. Diesmal wird auf die Kombination ukrainischer Nationalismus und europäische Integration gesetzt, was für Ryan und seine Leute nur ein Synonym für NATO-Kontrolle ist. Wie schon 2004 befeuern sie solange Massenproteste, bis der Apparatschik entnervt aufgibt und nach Russland flüchtet. Die Russen sind zum zweiten Mal innert eines Jahrzehnts düpiert und annektieren eilig ein paar Landesteile, die vor dem Zerfall der Sowjetunion ohnehin zu Russland gehört hatten, um wenigstens halbwegs das Gesicht wahren zu können. Ryan und seine Leute haben die Lektion von 2004 gelernt und nutzen die günstige Gelegenheit, die politische Landschaft der Ukraine von jedweder potentiell antiamerikanischen Opposition zu säubern. Die Partei des Apparatschiks wird ebenso verboten wie die Kommunisten, und selbst die handzahmen Sozialdemokraten werden in die Klandestinität gedrängt. Die Ukraine des Jahres 2015 ist die halbasiatische Ausgabe der USA. An der Spitze steht ein Zuckerlkönig, ihm zur Seite ein paar weitere Oligarchen, die sich allesamt, damit Pluralismus vorgetäuscht werden kann, eine eigene Partei halten, deren Name ebenso bedeutungslos ist wie ihre vorgeblichen Programme. Ryan bekommt im Oval Office einen weiteren Orden und widmet sich wieder dem dolce vita an Mexikos Küsten.

Damit kämen wir zum dritten Teil. Da der Schokokönig drauf und dran ist, die so mühsam errungenen Erfolge Amerikas wieder zu verspielen, wird er ersetzt. Durch einen Schauspieler. Damit haben die Amerikaner gute Erfahrungen gemacht. Unter Ronald Reagan begann seinerzeit die alleinige Weltherrschaft der USA, und der kleine B-Movie-Darsteller aus Kiew lernt seine neue Rolle aus Kriegsherr mit aller Entschlossenheit. Der richtige Mann am richtigen Ort. Ryan kann mit sich und seinem Arbeitgeber zufrieden sein.

Doch der neue US-Präsident hat hochfliegende Pläne. Die Ukraine zu besitzen sei ja gut und schön, sagt er. Aber Russland sei ja noch viel, viel größer und habe noch viel mehr Ressourcen und Bodenschätze. Damit ist es dem wirtschaftlichen Expansionismus der USA auch ohne die Ukraine im Weg. Wieder einmal muss Ryan ran. Seine Aufgabe diesmal: er muss einen Plan entwickeln, in dem Russland dauerhaft ausgeschaltet wird, sodass die Amis ihr viel teureres Gas en masse verhökern und bei dieser Gelegenheit auch gleich jene Länder in Europa einsacken können, die bislang als neutral gelten. Ryan hat dabei den Vorteil, dass er als CIA-Agent seit Jahren nicht mehr in Erscheinung getreten ist. Er reist nach Russland, wo er den Enttäuschten und Desillusionierten gibt. Er schmeichelt sich bei den russischen Generälen ein und stachelt gleichzeitig deren Ehrgeiz an. Warum, so fragt er hinterlistig, sich nicht bei Putin einschleimen, indem man diesem ein schönes Geschenk zu seinem 70er mache. Die Ukraine zum Beispiel. Das sei doch für das russische Militär ein Kinderspiel. Die Hälfte der ukrainischen Bevölkerung seien ohnehin Russen, der Schmierenkomödiant im ukrainischen Präsidentenpalast bis unter die Haarspitzen zugekokst und die ukrainischen Nazis alles nur Großmäuler. Mit zwei, drei Divisonen sei man innerhalb dreier Tage in Kiew, wo man das verlorene Bruderland wieder in das russische Imperium eingliedern könne. Ein Spaziergang, für den reiche Belohnung winke.

Tatsächlich braucht der alte Mann im Kreml dringend Erfolge. Die Pandemie hat seiner Wirtschaft schwer zugesetzt, das Volk ist arm und dementsprechend unzufrieden. Ein schneller militärischer Erfolg könne das kollektive Selbstbewusstsein heben und von den ökonomischen Problemen ablenken. Und der Gedanke wird zur Tat.

Jack Ryan tätigt derweilen einige Telefonate, und während die russischen Soldaten nicht wissen, wie ihnen geschieht, überzieht die CIA ganz Europa mit einer Propagandawelle, wie man sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gesehen hat. Zeit also für Ryans dritten Orden.

So ein Thriller käme locker auf 500 oder 600 Seiten und wäre sicherlich schillernd zu lesen. Aber jetzt einmal ehrlich: Wer würde mir so einen Plot abkaufen? Da würde doch jeder Verleger, aber wohl auch jeder Leser sagen, dass so eine unrealistische Handlung vollkommen abwegig sei. Da könnte ich ja gleich eine Gruselgeschichte verfassen, in der ein paar chinesischen Forschern aus Unachtsamkeit ein Killervirus auskommt.


Titelbild: John-Mark Smith auf Unsplash

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