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Die Kinder des globalen Südens gelten als zweitklassig

Profit vor Gesundheit: In ärmeren Ländern wird Babynahrung mit zugesetztem Zucker verkauft, in westlichen ohne. Als gesund beworben werden beide.

Von Sergio Ferrari (bolpress / NPLA)

Die beiden wichtigsten Babynahrungsprodukte, die Nestlé als „gesund und unentbehrlich“ bewirbt, enthalten einen hohen Anteil an zugesetztem Zucker. Jedoch nur in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, darunter auch mehrere lateinamerikanische Länder. Dies zeigt, dass der Schweizer Konzern mit zweierlei Maß misst, denn in der Schweiz sowie in Deutschland, Frankreich und Großbritannien werden diese Produkte ohne Zuckerzusatz verkauft. Eine aktuelle Untersuchung der Schweizer Nichtregierungsorganisation Public Eye in Zusammenarbeit mit dem International Baby Food Action Network (IBFAN) zeigt zwei sehr unterschiedliche Arten, wie Nestlé-Produkte in Industrieländern und im Süden beworben und verkauft werden.

Lateinamerikanische Babys gehören zu den Benachteiligten

Bieten Cerealien und Milchpulver für Kleinkinder wirklich „die bestmögliche Ernährung“, wie Nestlé behauptet?, fragen sich Public Eye und IBFAN in ihrer Studie. Die Untersuchung konzentrierte sich auf die Analyse der Zuckeranteile eines der größten öffentlichen Feinde jeder ausgewogenen Ernährung. Das Ergebnis war eindeutig: „Für Nestlé sind nicht alle Babys gleich, wenn es um zugesetzten Zucker geht“. Konkret: In der Schweiz werden die Cerealien der Marke Cerelac für sechs Monate alte Säuglinge als „ohne Zuckerzusatz“ beworben, während dies in manchen Ländern des globalen Südens nicht der Fall ist.

Um das Vorhandensein von „verstecktem Zucker“ zu beurteilen, haben die Forscher Cerelac- und Nido-Produkte aus verschiedenen Ländern gesammelt, um deren Etiketten zu untersuchen und in einigen Fällen von einem Speziallabor analysieren zu lassen. Die Ergebnisse waren aufschlussreich: Von den 115 getesteten Cerelac-Cerealien für Kleinkinder, die in den wichtigsten Märkten von Nestlé in Lateinamerika, Afrika und Asien verkauft werden, enthielten 108 Produkte (94 Prozent) zugesetzten Zucker. In der Studie heißt es: „Bei 67 dieser Produkte konnten wir die Menge des zugesetzten Zuckers bestimmen. Im Durchschnitt enthielten sie fast vier Gramm pro Portion, d. h. etwa einen Würfelzucker. Die höchste Menge – 7,3 Gramm pro Portion – wurde in einem auf den Philippinen vermarkteten Produkt für sechs Monate alte Säuglinge gefunden. In Brasilien, dem zweitgrößten Markt der Welt mit einem Umsatzpotenzial von rund 150 Millionen US-Dollar im Jahr 2022, enthalten drei Viertel der Kinder-Cerealien der Marke Cerelac zugesetzten Zucker, durchschnittlich drei Gramm pro Portion.

„Das ist äußerst besorgniserregend“, wird Rodrigo Vianna, Epidemiologe und Professor an der Abteilung für Ernährung der Bundesuniversität Paraíba in Brasilien, in der Studie von Public Eye und IBFAN zitiert. „Zucker sollte Säuglings- und Kleinkindernahrung nicht zugesetzt werden, da er ernährungsphysiologisch nutzlos ist und stark süchtig macht. Das führt nur dazu, dass Kinder immer mehr süße Lebensmittel verlangen, was einen negativen Kreislauf in Gang setzt, der das Risiko für Essstörungen im Erwachsenenalter wie Fettleibigkeit und andere chronische Krankheiten wie Diabetes und Bluthochdruck erhöht“, bedauert Vianna.

Beim Milchpulver Nido, einem weiteren Referenzprodukt des Schweizer Multis mit einem Umsatz von rund 1 Milliarde Dollar im Jahr 2022, wurde bei 21 von 29 Produkten (72 Prozent), die in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen verkauft werden, Zucker zugesetzt. Der höchste Wert – 5,3 Gramm pro Portion – wurde in einem in Panama vermarkteten Produkt festgestellt. Das gleiche Nestlé-Produkt wurde in Nicaragua mit 4,3 Gramm pro Portion, in Mexiko mit 1,8 Gramm pro Portion und in Costa Rica mit 1,6 Gramm pro Portion gefunden. Obwohl Nestlé diese Produkte als „ohne Saccharose“ und nur mit Honig bewirbt, enthalten sie nach Ansicht der Weltgesundheitsorganisation (WHO) immer noch erhebliche Mengen an Zucker, da sowohl Honig als auch Saccharose als Zucker gelten. Beides darf laut WHO Babynahrung nicht zugesetzt werden.

Gigantische Gewinne

Nestlé kontrolliert heute ein Fünftel des Babynahrungsmarktes, der rund 70 Milliarden Dollar wert ist. Und die beiden Vorzeigemarken Cerelac und Nido gehören in mehreren Ländern des Südens zu den meistverkauften Marken. Laut Euromonitor, einem auf die Lebensmittelindustrie spezialisierten Marktforschungsunternehmen, betrug der Gesamtumsatz des multinationalen Konzerns in diesem Sektor im Jahr 2022 weltweit mehr als 2,5 Milliarden Dollar.

Beide Produkte werden als unverzichtbar für ein „gesünderes Leben“ von Kleinkindern angepriesen. Auf der offiziellen Website des Unternehmens heißt es: „Wir bei Nestlé haben uns verpflichtet, zur Lebensqualität unserer Konsumenten und ihrer Familien beizutragen, indem wir ihnen die schmackhaftesten, gesündesten und natürlichsten Produkte anbieten, die für eine ausgewogene Ernährung wichtig sind. Bei Produkten für Kinder“, so der Konzern, „achten wir besonders auf eine ausgewogene Ernährung.”

Für die Weltgesundheitsorganisation ist diese Doppelformel nicht zu rechtfertigen. Laut Nigel Rollins, einem der in der Studie zitierten WHO-Experten, ist die Tatsache, dass Nestlé seinen in der Schweiz verkauften Produkten keinen Zucker zusetzt, dies aber in Ländern mit weniger Ressourcen durchaus tut, „sowohl aus ethischer als auch aus gesundheitspolitischer Sicht problematisch“. Die Absicht dieser Unternehmen sei es, Kinder von klein auf an einen bestimmten Zuckergehalt zu gewöhnen, damit sie später Produkte mit hohem Zuckergehalt bevorzugen.

Verletzung internationaler Richtlinien

Laut den neuen Leitlinien zum Schutz von Kindern vor den schädlichen Auswirkungen des Lebensmittelmarketings, die im Juli 2023 von der WHO veröffentlicht wurden, sind Kinder nach wie vor einem starken Lebensmittelmarketing ausgesetzt, das vor allem Lebensmittel mit einem hohen Gehalt an gesättigten und Transfettsäuren, freiem Zucker und/oder Natrium fördert. All dies steht im Widerspruch zur Gesundheit der Kinder und verletzt mehrere Rechte, die in der UN-Konvention über die Rechte des Kindes verankert sind.

Wenige Monate zuvor, im Februar 2022, veröffentlichte die WHO gemeinsam mit dem Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) einen Bericht über die Säuglingsmilchindustrie. Darin kommt sie zu dem Schluss, dass diese Industrie, die derzeit einen unglaublichen Umsatz von 55 Milliarden Dollar erwirtschaftet, systematisch höchst unethische Marketingstrategien verfolgt.

Trotz der offensichtlichen Vorteile von Muttermilch ist die Stillrate in den letzten zwei Jahrzehnten weltweit nur geringfügig gestiegen, während sich der Verkauf von Milchpulver mehr als verdoppelt hat. So werden weltweit nur 44 Prozent der Säuglinge unter sechs Monaten ausschließlich gestillt. In ihrem gemeinsamen Bericht prangern die WHO und UNICEF an, dass die Säuglingsnahrungsindustrie mit höchst fragwürdigen Taktiken zu dieser wachsenden Ungleichheit beiträgt. Dazu gehören Werbegeschenke an das Gesundheitspersonal, die bevorzugte Finanzierung ihrer Forschungsprojekte und sogar Provisionen auf Verkäufe, um die Entscheidungen junger Mütter über die bevorzugte Nahrung für ihre Babys zu beeinflussen.

Rechtlich… aber ethisch?

Im Rahmen ihrer Untersuchungen haben Public Eye und IBFAN Nestlé zu dieser doppelten Werbe- und Verkaufspolitik in den Ländern des Nordens und des Südens befragt. Die Antworten, die im April veröffentlichten Bericht der beiden Organisationen erscheinen, sind formal, legalistisch und unspezifisch. Nestlé erklärte, dass es die Gesamtmenge des zugesetzten Zuckers in seinen Zerealien für Kleinkinder in den letzten zehn Jahren weltweit um 11 Prozent reduziert habe und dies auch weiterhin tun werde, „ohne Abstriche bei Qualität, Sicherheit und Geschmack“. Darüber hinaus werde das Unternehmen Saccharose und Glukosesirup in seinen Nido-Milchprodukten für Kleinkinder sukzessive reduzieren. Schließlich versichert das Unternehmen, dass seine Produkte „vollständig mit dem Codex Alimentarius und den nationalen Gesetzen übereinstimmen“.

Nach der Veröffentlichung der Studie „Wie Nestlé Kinder in den einkommensschwächsten Ländern zu Zuckersüchtigen macht“, die ein großes Medienecho hervorrief, veröffentlichte Nestlé seine Position zu diesem Thema in der Rubrik „Fragen und Antworten“ auf seiner Website, um die Debatte zu entschärfen. Nestlé erklärt: „Wir wenden überall die gleichen Prinzipien für Ernährung, Gesundheit und Wohlbefinden an. Alle unsere Säuglingsanfangsnahrungen und Milchprodukte sind ernährungsphysiologisch ausgewogen und entsprechen wissenschaftlichen Richtlinien und allgemein anerkannten Ernährungsempfehlungen.“

In sechs kurzen und widersprüchlichen Punkten bestreitet Nestlé, dass seine Produkte für Babys unter zwölf Monaten Zucker enthalten, und behauptet gleichzeitig, dass sie diesen Inhaltsstoff weiter reduzieren würden; dass es in vielen Ländern Eisen und andere Vitamine hinzufüge, um die Mangelernährung von Säuglingen zu bekämpfen; dass seine Informationspolitik immer transparent sei und nationalen Gesetze respektiere. Diese Behauptungen sind jedoch keine Antwort auf die objektiven und gut begründeten Behauptungen mit Fakten, Zahlen und unbestreitbaren Prozentsätzen, die in den von Public Eye und IBFAM zitierten Studien enthalten sind.

Für Laurent Gaberell, Forscher bei Public Eye und einer der Autoren der Studie, nimmt Nestlé „unsere Beschwerde nicht ernst genug und glaubt, dass sie bereits große Anstrengungen unternehmen, um ihre Produkte zu verbessern“. Die große Medienresonanz und die Debatte, die die Studie in einigen Ländern des Südens ausgelöst hat, wo es Teile der Zivilgesellschaft gibt, die bereit sind, sich vorrangig mit dem Thema Babynahrung zu befassen, wertet Gaberell als „sehr gutes Zeichen für die Wirkung unserer Arbeit“.

Seine Kollegin Géraldine Viret, Kommunikationsbeauftragte von Public Eye, verschärft den Ton: „Von Indien bis Brasilien, von Bangladesch bis Senegal ist Nestlé im Zusammenhang mit dem ‚reinen Zucker‘ der Heuchei überführt worden, begleitet von einer üblen Dosis Neokolonialismus. Viret zufolge „riskieren heutige und zukünftige Generationen, vor allem in Ländern mit niedrigem und mittlerem Einkommen, ihre Gesundheit, wenn Nestlé weiterhin ungestraft gegen die elementarsten ethischen Prinzipien der Kinderpflege verstößt“.

Übersetzung: Deborah Schmiedel


Dieser Beitrag erschien am 16.05.2024 auf npla.de, lizensiert unter Creative Commons Namensnennung-Weitergabe unter gleichen Bedingungen 4.0 international. Originalartikel: bolpress.com

Titelbild: Myriam Zilles auf Unsplash

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