Verlässlichkeit?
Kolumne von Urs Heinz Aerni
Ich bin parteilos. Schon alleine deshalb, weil ich mich als Journalist dazu verpflichtet sehe. Unabhängigkeit dient der Glaubwürdigkeit, erlaubt den Blick auf verschiedene Positionen, schärft die Objektivität beim Berichten, ermöglicht eine wertfreie Recherche und fördert eine ausgewogene Darstellung.
Das funktioniert nicht immer. Zum Beispiel in Medien, die von Unternehmen, Parteien, Verbänden und Kirchen herausgegeben werden. Hier wird dem Weltbild der Herausgeberschaft entsprechend berichtet und kommentiert. Keine eigenen Produkte werden kritisiert, keine parteifremden Wahlempfehlungen abgegeben oder die Glaubwürdigkeit der hauseigenen Philosophie hinterfragt.
Für Medienschaffende wird es immer schwieriger, vom unabhängigen Journalismus zu leben. Ein Spagat zwischen neutraler Publizistik und Unternehmenskommunikation. Ein parteineutraler Politjournalismus hat eine wichtige Funktion für die Meinungsbildung in einer Demokratie.
Das gilt auch für die Wissenschaft. Das ergebnisoffene Forschen ermöglicht wertfreie Schlüsse, die der Wahrheit am nächsten kommen. Aber auch die Wissenschaft gerät in den Strudel der Interessenskonflikte zwischen geldgebenden Konzernen, staatlicher Förderung und dem Gewissen der Fachleute. Es braucht Mut, einem Financier eines Forschungsprojektes mitteilen zu müssen, dass man in einer Sackgasse gelandet ist, ohne gewünschte Resultate.
Einige machen es umgekehrt. Ein Beispiel aus Graubünden (Schweiz). Ein „Diplomierter Naturwissenschaftler ETH Zürich“ möchte ins Kantonsparlament gewählt werden, für eine bürgerliche Partei. Diese Partei hat klare Vorstellungen, wie Landwirtschaft auszusehen hat, was mit dem Wolf passieren und bis wohin der Naturschutz gehen soll. Im Wahlkampf ist dieser Naturwissenschaftler gezwungen, auf keine von der Partei abweichende Meinung zu kommen. Es stellt sich deshalb die Frage, wie seine Einschätzung und Bewertung zu wissenschaftlichen Daten zu bewerten sind. Das gilt logischerweise auch für die „Christliche Wissenschaft“ und ihre Meinung zur Evolutionstheorie oder parteiangehörende Richterinnen und Richter als neutrale Instanz der Dritten Gewalt zum Schutz der Grundverfassung.
Also gibt es nur eine Lösung: Forschung, Justiz und Journalismus müssten sich vor jedem Weltbild lösen, um den Job richtig machen zu können. Hm … heißt das jetzt, dass ich aus dem Naturschutzverein austreten müsste?
„Wissenschaft in der Verlässlichkeitsfalle?“
von Stefan Böschen, Alfred Nordmann und Carsten Reinhardt,
Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, 2023
164 Seiten
ISBN: 978-3804744127
Titelbild/Grafik: Unsere Zeitung / KI-generiert
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