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China und Europa: Die wirtschaftliche „Torte“ lieber vergrößern, als nur umzuverteilen

Zurzeit befindet sich die Welt in einer umwälzenden Epoche, wie es sie seit mehr als hundert Jahren nicht mehr gegeben hat. Die Erholung der Weltwirtschaft ist mit zunehmender Unsicherheit und Instabilität konfrontiert. Vor diesem Hintergrund gewinnen die Beziehungen zwischen China und der EU immer mehr an Bedeutung.

Von Qi Mei, Botschafterin der Volksrepublik China in Österreich (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)

Im vergangenen Jahr wurde das 50-jährige Jubiläum der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen China und der EU begangen. Der Rückblick auf den Umgang zwischen beiden Seiten seit mehr als einem halben Jahrhundert zeigt: Gegenseitiger Respekt ist die wertvollste Erfahrung, gegenseitiger Nutzen und Win-win-Kooperation sind die stärkste Triebkraft, Multilateralismus ist der breiteste Konsens, und Partnerschaft ist die treffendste Einordnung.

Seit mehr als 50 Jahren ist das bilaterale Handelsvolumen von 2,4 Milliarden US-Dollar auf 780 Milliarden US-Dollar gestiegen, während sich die gegenseitigen Investitionen von nahezu null auf knapp 260 Milliarden US-Dollar erhöht haben. Heute machen die Volkswirtschaften Chinas und Europas zusammen mehr als ein Drittel der globalen Wirtschaftsleistung aus, wodurch ihre Zusammenarbeit von noch größerer strategischer Bedeutung und internationaler Ausstrahlung ist.

Eine gesunde und stabile Beziehung zwischen China und der EU kommt nicht nur beiden Seiten zugute, sondern entfaltet auch positive Wirkung für die ganze Welt.

Gleichwohl werden in jüngster Zeit erneut Stimmen laut, die das Thema eines Handelsungleichgewichts zwischen China und Europa aufgreifen. Es wird von „Überkapazitäten“ in China gesprochen und behauptet, China weite seine Exporte nach Europa bewusst aus. Damit wird versucht, Handelsfragen zu politisieren. Gleichzeitig errichtet die Europäische Union Handels- und Investitionsbarrieren in Bereichen wie Elektromobilität und öffentlicher Beschaffung im Gesundheitswesen und hat eine Reihe gezielt protektionistischer Maßnahmen eingeführt, die chinesische Unternehmen und Produkte stark einschränken und sie sogar einfach ausschließen. Darüber hinaus zielt die europäische Seite sogar darauf ab, Bedingungen wie verpflichtende Joint Ventures oder Technologietransfers durchzusetzen. Alle oben genannten Maßnahmen können die Planungssicherheit der Unternehmen untergraben, die Kosten entlang der Lieferketten erhöhen sowie die Attraktivität des europäischen Marktes mindern.

China strebt keine gezielten Handelsüberschüsse an. In einer von tief integrierten globalen Wertschöpfungsketten geprägten Zeit sind Handelsbilanzen das Ergebnis von Marktmechanismen und internationaler Arbeitsteilung. Zudem bildet die Bilanz des Warenhandels keineswegs das Gesamtbild der wirtschaftlichen Beziehungen zwischen China und Europa ab. Es ist nicht schwer zu hören, dass zahlreiche europäische Unternehmen über eine übermäßige Regulierung innerhalb der EU klagen, die zu erheblichen Belastungen führt, während hohe Energiepreise die Geschäftstätigkeit und internationale Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen spürbar beeinträchtigen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass Exportbeschränkungen für Hochtechnologieprodukte nach China das Exportpotenzial der EU selbst einschränken. Der Gewinn aus dem Export einer einzigen Lithografiemaschine entspricht dem von 200.000 Tonnen Schweinefleisch. Eine Lockerung dieser Beschränkungen würde das sogenannte Handelsungleichgewicht rasch ausgleichen. Es ist nicht schwer zu sehen, dass Europa im Dienstleistungshandel über klare Vorteile verfügt. Im Jahr 2024 erzielte die EU gegenüber China einen Dienstleistungsüberschuss von über 50 Milliarden US-Dollar. Allein Einnahmen aus Lizenzgebühren für geistiges Eigentum belaufen sich jährlich auf über 10 Milliarden US-Dollar. Diese Werte spiegeln sich nicht im Warenhandel wider, stellen jedoch einen wesentlichen Bestandteil der wirtschaftlichen Erträge Europas dar.

Es ist nicht schwer zu verstehen, dass zahlreiche europäische Unternehmen als bedeutende Investoren in China ihre Kostenvorteile für eine lokalisierte Produktion nutzen und einen Teil dieser Produkte anschließend nach Europa exportieren. Daraus ergibt sich faktisch die Situation: „Der Handelsüberschuss wird China zugerechnet, die CO₂-Emissionen verbleiben in China, während die Gewinne nach Europa fließen.“ Es ist nicht schwer festzustellen, dass die These von „Überkapazitäten“ in China ein Scheinargument ist. Daten zeigen, dass die Exporte der EU etwa 25 % ihres Bruttoinlandsprodukts ausmachen und damit deutlich über den rund 19 % Chinas liegen. In Deutschland beträgt die Exportquote der Automobilindustrie bis zu 80 %, während der Anteil der Exporte bei chinesischen Elektrofahrzeugen lediglich etwa 10 % beträgt. Der Vorwurf der „Überkapazitäten“ entbehrt somit einer tragfähigen Grundlage. Vor all diesem Hintergrund gilt es, die Handelsunterschiede zwischen China und Europa umfassend und objektiv zu betrachten und neue Formen des gegenseitigen Nutzens durch vertiefte industrielle Zusammenarbeit sowie den Ausbau gegenseitiger Investitionen zu erschließen. Nur wenn die „Torte“ vergrößert wird, kann sie erst besser verteilt werden.

Mit Blick auf die Zukunft liegt der Schlüssel der Beziehungen zwischen China und Europa nicht in der Umverteilung bestehender Interessen, sondern in der gemeinsamen Schaffung neuer Wachstumsspielräume.

Für Europa bedeutet dies, dass die Vertiefung der Zusammenarbeit neue Entwicklungskräfte freisetzen kann, anstatt sich vor allem auf Risikovermeidung mit Unsicherheit zu konzentrieren. Für China ist die weitere Öffnung und die Förderung einer Entwicklung hoher Qualität ein unumkehrbarer strategischer Kurs. In Bereichen wie grüner Transformation, digitaler Wirtschaft und fortschrittlicher Fertigung verfügen beide Seiten über komplementäre Vorteile und erhebliche Kooperationspotenziale.

Als wichtiger Bestandteil der Beziehungen zwischen China und Europa zeigt die freundschaftliche strategische Partnerschaft zwischen China und Österreich eine positive Dynamik. Somit vertieft sich der Austausch zwischen beiden Seiden auf allen Ebenen kontinuierlich, und die pragmatische Zusammenarbeit erzielt fortlaufend neue Ergebnisse: Kooperationsprojekte im Bereich der Elektromobilität zwischen chinesischen Automobilunternehmen und österreichischen Produktionspartnern schreiten erfolgreich voran; die Zusammenarbeit im Bereich der Schienenverkehrstechnologie wird kontinuierlich ausgebaut; die Früchte der industriellen Integration reifen nacheinander aus. Kulturelle Projekte wie die Ansiedlung von Großen Pandas im Tiergarten Schönbrunn, Sonderausstellungen der Verbotenen Stadt sowie Austauschprogramme im Bereich der darstellenden Künste stärken die Verbundenheit zwischen Völkern beider Länder.

In diesem Jahr begehen China und Österreich den 55. Jahrestag der Aufnahme diplomatischer Beziehungen.

China ist bereit, gemeinsam mit Österreich den freien Handel sowie ein regelbasiertes internationales Handelssystem mit der Welthandelsorganisation im Zentrum zu wahren, Meinungsverschiedenheit durch Dialog und pragmatische Zusammenarbeit angemessen zu behandeln und den gegenseitigen Nutzen weiter auszubauen.

China hält am Weg der friedlichen Entwicklung fest und setzt sich für den Aufbau einer Gemeinschaft mit geteilter Zukunft für die Menschheit ein.

So stellt China den stabilsten, berechenbarsten und verlässlichste Partner dar. Es wird erwartet, dass sich noch mehr österreichische bzw. europäische Unternehmen aktiv am Prozess der Modernisierung chinesischer Prägung beteiligen, die strategischen Chancen des 15. Fünfjahresplans nutzen und der vertieften bilateralen Zusammenarbeit neue Impulse verleihen.


Qi Mei ist seit 2023 außerordentliche und bevollmächtigte Botschafterin der Volksrepublik China in der Republik Österreich

Titelbild: Qi Mei, Chinesische Botschafterin in Österreich (zVg)

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