Die Bedeutung des chinesischen Sozialismus für internationale Zusammenarbeit
Nicht Konfrontation, sondern Respekt und Lernbereitschaft gegenüber Peking könnten zum Schlüssel für eine gerechtere Weltordnung werden.
Von Lasse Boysen, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)
Im internationalen Diskurs ist die Volksrepublik China von widersprüchlichen Ideen und Narrativen umgeben. Je nach politischer Perspektive erscheint sie als proletarische Demokratie oder totalitäre Diktatur, als kommunistischer Rivale oder turbokapitalistische Dystopie, als größter Umweltsünder oder als Vorreiter der grünen Transformation, als kollabierende Wirtschaft oder als stabilste Wachstumsmaschine der Welt, als Dieb geistigen Eigentums oder als innovativstes Land der Gegenwart.
Wesentlich seltener wird jedoch ein klares politisches Ziel ausgesprochen, das praktisch alle politischen Lager mit all ihren unterschiedlichen Meinungen vereinen müsste: die Erhaltung des Kommunismus in China und die Stärkung der Rolle der Kommunistischen Partei. Was auf den ersten Blick wie eine radikale, linksextreme Position erscheinen mag, entpuppt sich bei näherer Betrachtung der materiellen und ideellen Interessen des Rests der Welt als naheliegend. Die Kapitalist:innen des Westens sehnten sich jahrzehntelang nach einer Öffnung des chinesischen Marktes und bekamen diesen Wunsch auch scheinbar erfüllt: Deng Xiaopings Reformen und die darauffolgende Stärkung des Privateigentums und des nicht-staatlichen Unternehmertums in China ab 1978. Ihre Hoffnung dabei war jedoch nicht eine unabhängige Entwicklung Chinas, sondern eine Entwicklung in Abhängigkeit vom investierenden Westen. Das Muster war vertraut: Kapital exportieren, Rendite abschöpfen und das Wachstum anderer Gesellschaften zum Hebel des eigenen Reichtums machen. Doch dieses Modell funktioniert nur, solange das Gegenüber klein ist – oder klein gehalten werden kann. China spielt dieses Spiel aber nicht mit. China lässt Investitionen zu, nutzt die Kapitalzuflüsse jedoch, um eigene Kompetenzen zu entwickeln, technologische Souveränität auszubauen und den Wettbewerb im eigenen Land zu fördern. Dieser Wettbewerb schlägt dann früher oder später auch die meiste ausländische Konkurrenz. China ist heute die dominante Wirtschaftsmacht des Planeten, größter Handelspartner der meisten Länder, das Land mit den robustesten Lieferketten, ein Zentrum von Spitzenforschung, Entwicklung, Infrastruktur und industrieller Produktionskraft – und schreitet weiterhin mit hohem Tempo voran. Die eigentliche Frage lautet daher: Wo bleiben wir?
Die Eliten des kapitalistischen Westens reagieren mit wachsender Feindseligkeit. China sei ein „Systemrivale“ und eine „Bedrohung für die westliche Demokratie“, für „westliche Werte“. Diese Behauptungen sind zugleich richtig und falsch. Richtig ist, dass Chinas System in zentralen Bereichen eine teils starke Überlegenheit zeigt – und das nicht durch abstrakte „Werte“, sondern durch messbare Resultate. Dies führt zu einer wachsenden Anzahl an Menschen im Westen, die das eigene System hinterfragen, was herrschende Machtstrukturen bedroht. Falsch sind die Behauptungen jedoch dort, wo sie unterstellen, dass eine Bedrohung für herrschende Eliten automatisch auch eine Bedrohung für die Mehrheit der Bevölkerung darstellt. Was, wenn diese „Bedrohung“ für die Mehrheit der Bevölkerung in Wahrheit eine Chance darstellt? Eine Möglichkeit, die eigenen Systeme zu verbessern? Eine Hoffnung für all jene, die nach einer „Alternative“ suchen? Doch gerade die Kapitalist:innen des Westens sollten sich nicht vor Chinas gegenwärtigem System fürchten, sondern vielmehr vor einem Umschwung Chinas hin zu westlichen Systemen. Denn würde sich ein verwestlichtes China zu einem lenkbaren Objekt westlicher Macht entwickeln? Natürlich nicht. China bliebe China: groß, souverän, zivilisatorisch verdichtet und strategisch handlungsfähig. Der Unterschied bestünde lediglich darin, dass es seine Macht nicht mehr innerhalb einer chinesisch-sozialistischen Entwicklungslogik entfalten würde, sondern nach der expansiven Rationalität des westlichen Kapitalismus. Dann stünde der Westen nicht vor einem integrierten Juniorpartner, sondern vor einem überlegenen Konkurrenten, der die Sprache von Markt, Druck und Dominanz perfektioniert hätte. Die immer protektionistischeren Reaktionen westlicher Eliten auf China sind ein offensichtlicher Ausdruck eines unausgesprochenen Verständnisses dieser potenziellen Entwicklung.
Doch der Versuch, Chinas Aufstieg einzuschränken – geboren aus einer westlich-kapitalistischen Unfähigkeit, mit Chinas Entwicklung mitzuhalten – führt nicht zu internationalem Fortschritt, sondern zu Regression: zu Protektionismus, Blockbildung, Konfrontation, der Rückkehr eines engstirnigen nationalen Denkens und zur Kleinstaaterei. Es ist das Denken der Verlierer – nicht, weil diese Gesellschaften grundsätzlich verloren hätten, sondern weil ihre Eliten lieber bremsen als lernen, lieber abwehren als sich zu erneuern. Man schützt nicht etwa die eigene Bevölkerung vor einem angeblich herrischen China; man riskiert, den Anschluss an die dynamischsten Entwicklungen der Gegenwart zu verlieren.
Wer China bremst, erneuert nicht die eigene Gesellschaft; man verwaltet ihren relativen Abstieg.
Wer anderen im Weg steht, kommt auf dem eigenen nicht schneller voran: 阻挡别人的路,也不会让自己行得更远
Anstelle China zu antagonisieren und zu versuchen, dem Land liberale Demokratie und Kapitalismus aufzuzwingen, sollten wir Chinas System respektieren und von ihm lernen. Derzeit setzt Chinas Regierung nämlich eben nicht auf den Kapitalismus, sondern auf ein alternatives System – den sogenannten Sozialismus mit chinesischer Prägung – und damit, so wie die Kommunistische Partei Chinas es selbst beschreibt, auf „Win-Win-Kooperation“ und die „Schicksalsgemeinschaft der Menschheit“. Ein respektvolles Miteinander in einer multipolaren Welt. Wer sich emanzipatorisch versteht, sollte daraus eine einfache Konsequenz ziehen:
Die Stabilität des chinesischen Sozialismus ist nicht nur eine chinesische Angelegenheit.
Sie ist auch ein objektiver Gegenpol zur weiteren Verabsolutierung westlicher Kapitalherrschaft. Ein China, das seinen eigenen Weg behauptet, eröffnet Spielräume: für Entwicklung ohne Unterwerfung, für Kooperation ohne Kolonialverhältnisse, für eine Welt, in der nicht eine einzige Macht ihre historische Erfahrung zur universalen Norm erklärt.
Der Westen blickt noch immer allzu oft mit Überheblichkeit auf China, obwohl es in vielen wesentlichen Bereichen längst über uns hinausgewachsen ist. Was wir deshalb brauchen, ist nicht Eskalation, sondern historische Nüchternheit: die Einsicht unserer eigenen Fehler und die Unterstützung Chinas dabei, unsere Fehler nicht zu wiederholen. Den Willen zu einer echten Partnerschaft auf Augenhöhe. Wer langfristig Fortschritt will, sollte nicht auf Eindämmung setzen, sondern auf Respekt, Lernbereitschaft und konstruktive Zusammenarbeit. Eine Stärkung der chinesischen Stärken. Eine Stärkung des chinesischen Systems. Nur so werden wir überhaupt in der Lage sein, mitzuhalten und gemeinsam voranzukommen.
Eine steigende Flut hebt alle Boote: 水涨船高
Lasse Boysen (伯览生) ist Executive Director bei Eurasia Bridge und Experte für geostrategische Unternehmensberatung.
Titelbild: Die chinesische Mauer, Unsere Zeitung / KI-generiert

