Alte Stärken neu entdecken: Chinas Diplomatie als Signal für Europa
Als sich die zwei Enden der Welt begegneten
Von László Flamm, Budapest (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)
Die Diplomatie zwischen China und Europa begann nicht im 20. Jahrhundert – und nicht einmal im 19. Jahrhundert. Die Kontaktaufnahme reicht zweitausend Jahre zurück, als der General der Han‑Dynastie, Ban Chao, seinen Gesandten Gan Ying nach dem Römischen Reich entsandte. Die Mission erreichte Italien nicht, die Parther taten im Nahen Osten alles dafür, dass sich die beiden Enden der Welt nicht direkt verbinden konnten. Sie wussten: Wenn China und Rom unmittelbar in Kontakt treten, bricht ihr Handelsmonopol zusammen. Die Geschichte kennt keine dauerhaften Mauern: Eineinhalb Jahrhunderte später erreichten die Gesandten von Kaiser Marcus Aurelius bereits den Hof der Han.
Die Verbindung zwischen den zwei Enden der Welt entstand nicht auf dem Schlachtfeld, sondern entlang der Handelsrouten.
Es war der erste Moment, in dem zwei Zivilisationen – ohne gemeinsame Sprache, Religion oder politisches System – im jeweils anderen das Bedürfnis nach Ordnung und Stabilität erkannten. Der Dialog zwischen den beiden Enden der Welt bahnte sich nicht mit Gewalt, sondern mit Einsicht seinen Weg. Diplomatie entsteht nicht aus Nähe, sondern aus dem Verständnis von Distanz.
Fünftausend Jahre chinesischer Diplomatie
Während die Welt in diesem Moment angespannt auf die Straße von Hormus blickt, hat Peking bereits leise, aber konsequent gehandelt: Yue Xiaoyong, der Sonderbeauftragte der Volksrepublik China, reiste innerhalb einer Woche nach Kabul und Islamabad – und brachte beide Seiten dazu, öffentlich ihre Bereitschaft zu einer politischen Lösung zu erklären. Das war nicht nur ein diplomatischer Erfolg. Es war ein zivilisatorischer Reflex. Die Wurzeln der chinesischen Diplomatie reichen tiefer als die jedes modernen Staates. Das chinesische politische Denken gründet nicht auf Konflikt, sondern auf der Wiederherstellung von Ordnung – möglichst ohne Intervention und Gewalt. Stabilität ist nicht deshalb ein Wert, weil sie konfliktfrei wäre, sondern weil nur in einem stabilen Umfeld aufgebaut werden kann. China arbeitet an den Bedingungen, damit Frieden nicht von momentanen Interessen abhängig bleibt. Über Jahrhunderte hielt China seine Beziehungen nicht durch Verträge aufrecht, sondern durch Präsenz und die kontinuierliche Pflege der Verhältnisse.
In der chinesischen strategischen Logik geht es nicht darum, die Schlacht zu gewinnen, sondern die Lage so zu gestalten, dass die Schlacht gar nicht erst notwendig wird.
Das ist keine Geduld im westlichen Sinne, sondern die Lösung des Konflikts, bevor er überhaupt entsteht.
Diese Logik prägt die chinesische Diplomatie bis heute. Sie folgt einem eigenen Muster:
- Präsenz in der frühen Phase von Konflikten,
- Dialog mit allen beteiligten Akteuren,
- Wirtschaftliche und politische Beziehungen statt militärischer Mittel,
- Fokus auf den Prozess statt auf sofortige Ergebnisse,
- Stabilität statt Systemwechsel.
Chinas Diplomatie sucht keine schnellen Lösungen. Sie schafft Situationen, in denen Lösungen überhaupt erst möglich werden.
Europa, das seine Stärken wiederentdecken muss
Die europäische Diplomatie ist in den letzten zwanzig Jahren schwächer geworden – nicht wegen anderer Großmächte, sondern wegen sich selbst. Nach dem Kalten Krieg bot sich der Moment, in dem der Kontinent sein Schicksal selbst hätte gestalten können. Doch 1995, am Ende des Jugoslawienkriegs in Dayton, diktierten bereits die Vereinigten Staaten den Frieden; die europäischen Staaten leisteten finanzielle Beiträge zur Friedenssicherung, blieben jedoch weitgehend von der politischen Gestaltung ausgeschlossen. Dennoch verlor Europa seine Vermittlungsfähigkeit nicht vollständig. Im Kosovo versuchte es, eine Lösung herbeizuführen. In Afrika entsandte die EU zu Beginn der 2000er-Jahre einen Sondergesandten in den Konflikt zwischen Äthiopien und Eritrea und unterstützte den Friedensprozess durch intensive Pendeldiplomatie. Die unter irischer Ratspräsidentschaft geschaffene African Peace Facility zeigte, dass Europa langfristig Institutionen und regionale Kapazitäten stärken kann.
Auch im Nahen Osten war Europa nicht immer nur Zuschauer: 1980 erkannte die Venedig‑Erklärung erstmals das palästinensische Selbstbestimmungsrecht an, 1995 schuf der Barcelona‑Prozess einen umfassenden Rahmen für regionale Zusammenarbeit, und 2015 spielte die EU eine Schlüsselrolle beim Zustandekommen des Iran‑Atomabkommens. Diese Erfolge beruhten nicht auf militärischer Macht, sondern auf Diplomatie, wirtschaftlicher Integration und einer institutionalisierten Dialogkultur.
Die Instrumente, mit denen Europa diese Erfolge erzielte, sind nicht verschwunden – sie sind nur in den Hintergrund getreten.
Nicht weil sie nicht funktionieren würden, sondern weil die Außenpolitik zunehmend zwischen Bürokratie und innerer Fragmentierung feststeckte. Eine gemeinsame europäische Stimme formte sich nicht zu einer Einheit. Der aktuelle Krieg gegen den Iran zeigt jedoch, dass Europa es sich nicht leisten kann, weiterhin nur zu kommentieren. Die Frage ist nicht, ob Europa noch vermitteln kann, sondern ob es bereit ist, seine eigenen Instrumente wieder hervorzuholen und dort präsent zu sein, wo die Möglichkeit des Friedens entsteht.
Gemeinsame Verantwortung
Die Vereinten Nationen sind das Forum, von dem aus eine engere Zusammenarbeit zwischen China und Europa ihren Ausgang nehmen könnte. Beide definieren sich als Befürworter der internationalen Ordnung, multilateraler Strukturen und friedlicher Konfliktlösung. Doch die Organisation steckt heute in einer schweren finanziellen Krise. Seit die Vereinigten Staaten ihre Beiträge reduziert haben, balanciert die UNO an der Grenze ihrer Handlungsfähigkeit. In dieser Lage sind China und die Europäische Union zu den beiden größten Geldgebern geworden – und damit in eine Rolle hineingewachsen, die weit über bloße Haushaltsbeiträge hinausgeht. Finanzierung ist nicht nur eine Budgetfrage, sondern Ausdruck politischer Präsenz: Ein Zeichen dafür, wer die internationale Ordnung erhalten will und wer bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. Chinas strategische Geduld und Europas institutionalisierter Dialog stehen nicht im Wettbewerb. Es sind zwei unterschiedliche diplomatische Sprachen, die gemeinsam wirksamer sind. Die eine baut auf langfristige Stabilität, die andere auf Regeln und Prozesse – und gerade deshalb könnten sie gemeinsam etwas erreichen, was ihnen einzeln nicht gelingt: die multilaterale Ordnung neu zu denken. Die Frage ist also nicht, ob China und Europa die UNO „retten“ können. Die Zukunft der Organisation hängt nicht von einer einzigen Entscheidung ab, sondern davon, ob die Großmächte bereit sind, dort präsent zu sein, wo die Grundlagen der internationalen Ordnung entstehen. Die eigentliche Frage lautet, ob China und Europa die Chance nutzen, auch in der UNO zu zeigen: Der Dialog zwischen den zwei Enden der Welt bahnt sich nicht mit Macht, sondern mit Einsicht seinen Weg.
László Flamm ist Historiker und Außenpolitikexperte. Als Senior Research Fellow (extern) an der Zhejiang University sowie an der Shanghai Jiao Tong University ist er in mehrere akademische Kooperationsprojekte in China eingebunden.
Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

