Wenn die Enge des Systems zum Weckruf wird
Sonntag ist Büchertag: Susanne Wolf beschreibt in ihrer autobiografischen Erzählung „Die Freiheit in mir“ (Verlag story.one) einen radikalen, aber zutiefst berührenden Aufbruch aus gesellschaftlichen Zwängen und persönlichen Krisen hin zu einem selbstbestimmten Nomadenleben in Einklang mit der Natur.
Eine Reise vom Außen ins Innen
Der Aufbruch von Susanne Wolf nimmt seinen Anfang an einem kalten Jännertag des Jahres 2022 inmitten des Lockdowns für Ungeimpfte in Wien. Konfrontiert mit dem plötzlichen Ausschluss aus dem gesellschaftlichen Leben – vom Verbot einfacher Bibliotheksbesuche bis hin zur Unmöglichkeit, alltägliche Freuden im Kaffeehaus oder beim Sport zu genießen – regt sich in der gelernten Journalistin ein unbändiger Freiheitsdrang. Es ist der Moment, in dem sie beginnt, das starre System und das eigene Leben grundlegend zu hinterfragen.
Doch dieses Werk ist weit mehr als eine kritische Auseinandersetzung mit den damaligen Corona-Maßnahmen. Es ist die Chronik einer tiefgreifenden Lebenswende. Wolf schildert mutig, verletzlich und mit entwaffnender Ehrlichkeit die schmerzhafte Trennung von ihrem Mann nach 18 gemeinsamen Jahren, die Sorge um ihre heranwachsende Tochter in der Isolation und die Erkenntnis, dass das bisherige Stadtleben sie zunehmend einengt.
Das Abenteuer der Einfachheit und Verbundenheit
Susanne Wolf zieht die Konsequenzen: Sie kündigt ihre Wohnung und begibt sich ohne festen Wohnsitz auf eine Reise zu sich selbst. Ihr Nomadenleben führt sie zu alternativen Wohnprojekten in Niederösterreich, auf Bio-Bauernhöfe sowie schließlich auf die Kanarischen Inseln Teneriffa und La Palma. Auf diesem Weg begegnet sie inspirierenden Freigeistern, lernt das Konzept des freien Lernens kennen und beschäftigt sich mit Permakultur auf einer energieautarken Finca.
Ob beim Unkrautjäten im Oreganofeld unter Eselgeschrei, beim Lauschen der Vögel im Salzkammergut oder beim Schlafen im gemütlichen Bauwagen – Wolf fängt die heilende Kraft der Natur in poetischen, entschleunigten Bildern ein. Sie verheimlicht dabei keineswegs die Schattenseiten: Phasen finanzieller Prekarität, das Gefühl des Scheiterns und die schmerzhafte Auseinandersetzung mit den Traumata der Vergangenheit werden ebenso feinfühlig beleuchtet.

Ein Plädoyer für die Selbstfürsorge
Was dieses autobiografische Buch so wertvoll macht, ist Wolfs versöhnlicher und lösungsorientierter Blick. Sie klagt nicht an, sondern teilt wertvolle Erkenntnisse über echte Selbstfürsorge, gesundes Abgrenzen und die Fähigkeit, im richtigen Moment „Nein“ zu sagen. Am Ende steht die beruhigende, universelle Gewissheit, dass wahre Freiheit nicht im Außen liegt, sondern in unserem Inneren wartet.
„Die Freiheit in mir“ ist ein inspirierendes, ehrliches und mutmachendes Buch für alle, die das Gefühl haben, in den Strukturen unserer Zeit festzustecken, und die Sehnsucht nach einem authentischen, freien Leben spüren.
Susanne Wolf
Die Freiheit in mir
Verlag story.one, 2026, 76 Seiten
ISBN: 978-3-7118-0833-2, EUR: 18,00
Text: Michael Wögerer
Titelbild: Illustration Gemini Notebook

