Die Banalität des Bösen
Nachdem ich den Film NAZA über Israels Vorgehen in Gaza gesehen habe, schreibe ich heute darüber nicht nur als Journalistin, sondern vor allem als Mensch.
Ein Gastbeitrag von Susanne Wolf (Substack)
24 israelische Geheimdienstoffiziere und Soldaten kommen in der Filmdoku von Yuval Abraham und Rachel Szor („No Other Land“) anonymisiert zu Wort. Investigative Recherche-Teams der britischen Tageszeitung The Guardian (die den Film auch produziert hat) und der israelischen Plattform+972 haben die Filmemacher bei ihrer Arbeit unterstützt.
NAZA ist eine Abkürzung im Hebräischen, die für Kollateralschäden steht. Was bedeutet: Es spielt keine Rolle, wie viele Kinder oder Babies bei einem Bombenanschlag umkommen, der einem vermeintlichen Terroristen gilt.
Im Film NAZA geht es um Überwachung von Handys, um KI-Systeme, Drohnen, die zum Töten geschaffen wurden. Es geht um Männer (nur eine der Interviewten ist eine Frau), die weitgehend emotionslos über die gezielte Tötung unschuldiger Menschen und großflächiger Zerstörung reden. Sie sagen Dinge wie „es war wie in einem Videospiel“ oder „uns wurde beigebracht, dem System zu vertrauen“. Und: „Die Zerstörung musste so schnell wie möglich passieren, solange wir in der Weltgemeinschaft Legitimität dafür haben.“
Einer der Interviewten sagt:
„Wir töten diese Kinder absichtlich.“
Nur einige dieser Männer scheinen so etwas wie Reue zu zeigen. Angesichts des Unfassbaren hinter ihren Aussagen kommt mir ein Begriff in den Sinn: die Banalität des Bösen. Dieser Eindruck wird verstärkt durch die Inszenierung: Yuval Abraham führt die Interviews nachts, vor den Kulissen Tel Avivs – wo sich das Hauptquartier der IDF (Israel Defense Forces) befindet. Zwischen den Gesprächen werden Ausschnitte aus dem nächtlichen Leben der Stadt gezeigt, Szenen aus den Wohnzimmern gegenüber. Der Kontrast zu dem Grauen, das nur 60 Kilometer entfernt stattfindet, könnte nicht größer sein.
Am Ende des Films herrscht Stille, die anwesenden Journalisten verlassen mit versteinerten Mienen den Saal. Ich bleibe sitzen, weinend.
Ich beschäftige mich nun seit geraumer Zeit mit diesem Thema, habe ausführlich dazu recherchiert und dachte, gewappnet zu sein. Doch die Erkenntnis, dass es noch nicht vorbei ist, dass es nach wie vor Menschen gibt, die das Geschehene anzweifeln, dass unsere Regierung Israel immer noch unterstützt, ist zu viel.
Ich weine um die Kinder, die nach wie vor in Gaza sterben. Ich weine, weil so viele andere es nicht tun. Weil sie sich schützen müssen vor all dem Wahnsinn, der auf dieser Welt geschieht. Ich weine für jene mit, die abgestumpft sind und keinen Schmerz mehr an sich heranlassen können. Die sich in ihren Intellekt flüchten, um nicht hinsehen zu müssen.
Was mir während des Films bewusst wird: Es geht nicht nur um Israel und Gaza – auch wenn die Dimensionen dieses „Krieges“ unsere Vorstellungskraft sprengen. Es geht um moderne Kriegsführung, um Entmenschlichung der Opfer, darum, wohin wir als Menschheit gekommen sind.
Yuval Abraham und Rachel Szor sagen über NAZA:
„Wir haben diesen Film aus dem Gefühl der Verpflichtung heraus gedreht, unsere Position als Israelis zu nutzen, um die Systeme zu untersuchen, die hinter dem Massenmord an palästinensischen Zivilisten stehen, für den unser Land verantwortlich ist. Während der Dreharbeiten in den letzten drei Jahren stellten wir uns genau die Fragen, die bereits die Generation unserer Großeltern und im gesamten 20. Jahrhundert gestellt wurden: Wie kann eine Gruppe von Menschen die vollständige Entmenschlichung einer anderen Gruppe zulassen? Wie sehen die inneren Abläufe eines solchen Systems aus?“
73.000 Menschen wurden bisher in Gaza getötet, darunter mehr als 20.000 Kinder – und das Töten geht weiter.
NAZA läuft ab 1. Oktober in unseren Kinos und wird danach dem Wunsch der Filmemacher entsprechend kostenlos im Internet verfügbar sein.
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Alternativ empfehle ich Informationen von unabhängigen Beobachtern in Gaza wie Ärzte ohne Grenzen oder die israelische Menschenrechtsorganisation B’Tselem.
Der Beitrag erschien zuerst auf Susanne’s Substack, eine von Lesern unterstützte Publikation.
Titelbild: polyfilm.at

