AktuellGedichteKultur

Aufruhr des Lebens

Ein Gedicht von Benjamin Lapp gegen die seelische Vereinsamung im Kapitalismus und für ein Mehr an Solidarität

Ach wie gut täten wir daran, uns einander nicht länger der Tränen zu schämen, die sich aus den dunklen Gedanken speisen schon gebrochen in diese Schatten hinein gestorben worden zu sein voll der vorgegebenen Verlorenheit, festgezurrt zwischen abtötender Routine und Verpflichtung, ohne jegliche Aussicht auf einen Morgen.

Wiedergeboren werden wir sein.

Womöglich liegt die Tragik auch darin, dass wir, gleich erschöpfter Geister, dem Gefühl verloren gegangen sind zusammen vom guten Leben zu träumen, und nur noch aufgebahrt sind in isolationistischer Einsamkeit, beständig im Bemühen die bangevollen und unruhigen Gedanken vom Rauschen eines ausufernden Meeres medialer Kakophonie übertünchen zu wollen.

Wiedergeboren aus dem Kummer der Einsamkeit.

Und womöglich stimmst Du mir ja zu wie notwendig es erscheint, inmitten dieser erdrückenden Enge des stigmatisierten Prekären, dem hungrigen Schmerz in uns eine Akzeptanz durch Solidarität zu schenken, um darüber das verlustig gegangene Gespür für das Utopische neu zu bergen, als eine Übereinkunft mit verschütteten Erinnerungen an große Zeiten des Aufbruchs, die einst Alternativen gebarten an der sich die Menschlichkeit erquicken konnte.

Wiedergeboren hinein in das blühende Credo des Aufruhrs.

Gewiss, unser Unvermögen das Wörterbuch der vergangenen Kämpfe miteinander aufmerksam zu studieren ist zur Legende eines leisen Sterbens geworden, doch als Abkömmlinge des zerbrochenen Spiegel der Zukunft spüren wir zum Trotz weiterhin das Vibrieren unserer Bestimmung im Blut, werden eins mit all den planetarischen Erschütterungen ob der zur Schau gestellten permanenten Unsicherheit der Vielen, offen inszeniert als Unterhaltung für die Wenigen. 

Wiedergeboren als die ersten Erinnerungen einer Zukunft, die kommen wird.

Und ganz gewiss ist im Angesicht dieses Spektakels der Gewalt, aufgeführt an jeden verdammten Tag, sowohl das überwinden der Teilung wie auch das einander vergeben die erste revolutionäre Tat, um dann geduldig und ohne Verzweiflung die überlieferte Spur wieder aufzunehmen, die hinführt zu unserem eigenen Kapitel im großen Buch der vergangenen Kämpfe, als rebellische Vorboten einer neuen Gesellschaft, für die wir einander die Scham überwunden haben.

Wiedergeborene, ja Wiedergeborene sind wir in unseren wechselseitig offenbarten Tränen.


Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

Artikel teilen/drucken:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.