Adlerauge, sei wachsam!
Mit dem milliardenschweren Ausbau des Bundesheeres wächst in Österreich nicht nur das Militärbudget, sondern auch der Einfluss militärischer Perspektiven auf Schule und politische Bildung. Friedensforscher Werner Wintersteiner zeigt am Beispiel des Kinderbuchs „Mit Adleraugen auf dem Heldenplatz“, wie Friedensbildung dabei zunehmend ins Hintertreffen gerät.
Geistige Aufrüstung oder Friedensbildung?
Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine ist die politische Klasse – d.h. alle Parlamentsparteien – fest entschlossen, das österreichische Bundesheer auf- und auszurüsten. Die Notwendigkeit erscheint als derart offensichtlich, dass es keiner großen Debatte mehr bedarf. Und so ist das Verteidigungsressort auch das einzige, das beim Doppelbudget 2025/2026, einem erklärten Sparbudget, enorm wachsen durfte. Schon 2025 stieg das Budget um rund 8,6 Prozent auf 4,4 Milliarden Euro im Vergleich zu 2024, 2026 wird es um weitere rund 8,4 Prozent auf beinahe 4,8 Milliarden Euro wachsen. Das ist aber längst nicht alles: „Nur Aufrüsten ist nicht genug“, wie die Standard-Journalistin Anna Giulia Fink prägnant formuliert (17. 3. 2025). Es geht nun auch darum, den „Wehrwillen zu stärken“. Schon die türkis-grüne Regierung hatte begonnen, die Umfassende Landesverteidigung durch verstärkten Einsatz von Militärs im Unterricht und in der Fortbildung der Lehrkräfte zu etablieren. Dabei war ‚Umfassende Landesverteidigung‘ ursprünglich dazu gedacht, den Schutz des Landes zu entmilitarisieren. Inzwischen geht es aber wieder in die Gegenrichtung und das Verteidigungsministerium kann bereits über die Erfolge berichten: „Die Begriffe ‚Umfassende Landesverteidigung und Bundesheer‘ wurden wieder in den Schullehrplänen für die 4. Klassen der Sekundarstufe 1 verankert, welche über die Pädagoginnen und Pädagogen mit Hilfe von Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien vermittelt werden. Der Schulbuchkommission ‚Geschichte & Politische Bildung‘ gehören auch zwei Offiziere des Ressorts an. Die Umfassende Landesverteidigung (ULV) ist eine gesamtstaatliche und gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Die Basis dazu stellt die Geistige Landesverteidigung dar.“ (habt ACHT! 1/2025, 2) Dazu stehen auch 600 Informationsoffiziere zur Verfügung, die die Zahl ihrer Auftritte in den Schulen in den letzten Jahren deutlich steigern konnten, von etwa 700 Veranstaltungen 2017 auf nahezu 3.000 heute (ORF Mittagsjournal, 15.11.2025)
Der Internationale Versöhnungsbund (IVB) hat 2023 in einem Brief an Unterrichtsminister und Verteidigungsministerin festgehalten, dass es nicht angehe, dass Offiziere in Schulen geschickt werden, weil dies eine einseitige Beeinflussung darstellen würde. In dem Schreiben heißt es: „Wir befürworten ein ausgewogenes und durch unabhängige Expert*innen ausgestaltetes friedenspädagogisches Auftreten. Dieses schließt Fragen der klassischen Verteidigungspolitik ein. Ein breiter Ansatz umfasst Methoden gewaltfreier Konfliktbearbeitung, Ursachen von Kriegen und Konflikten, die Praxis gewaltfreier Aktionen sowie die komplexen Zusammenhänge von Klimaerhitzung und Kriegen.“ (IVB 2023) Der IVB spricht sich also nicht dagegen aus, dass auch militärische Perspektiven im Unterricht präsentiert werden, sehr wohl aber dagegen, dass Konzepte wie die Umfassende Landesverteidigung ausschließlich aus der Logik des Militärs heraus verstanden werden und insgesamt friedenspolitische Positionen zu kurz kommen. (vgl. dazu auch Machreich 2023 und Wintersteiner 2023)
Dies gilt heute mehr denn je. Denn gerade in Zeiten von akuten Krisen und Kriegen braucht es einen breiten friedenspädagogischen Ansatz in der politischen Bildung – als Unterrichtsprinzip wie auch im Fachunterricht. Im Unterschied zu „Wehrerziehung“ und ähnlichen Begriffen ist Friedensbildung ausdrücklich in den derzeit gültigen Lehrplänen verankert. Und es heißt auch beschwichtigend auf der Website des Bildungsministeriums:
Geistige Landesverteidigung versteht sich als nichtmilitärischer Beitrag zur Friedenssicherung in einer Welt, in der die Anwendung von militärischer Gewalt – auch in Europa – weiterhin existent ist. Dies bedeutet, die Aufgabe der Friedenspädagogik sowie der Sicherheits- und Verteidigungspolitik ernst zu nehmen, Feindbildern kritisch gegenüberzustehen und Strategien zu entwickeln, um Hate Speech und Fake News effektiv entgegenzutreten. (bmb.gv.at)
Dennoch ist klar, dass die geistige Landesverteidigung konzeptionell wie praktisch (durch die Dominanz der Informationsoffiziere) von der Militärlogik dominiert wird. Es herrscht hier eindeutig eine strukturelle Ungleichheit zu Gunsten des Militärs. Es sind leider auch keine Initiativen des sonst sehr ambitionierten Unterrichtsministers bekannt, die Friedensbildung zu stärken, etwa im Rahmen des geplanten Unterrichtsfaches Demokratiepädagogik.
„Mit Adleraugen auf dem Heldenplatz“

Nun hat das Verteidigungsministerium ein Buch für Kinder (ab etwa 10 Jahren) herausgebracht, „Mit Adleraugen auf dem Heldenplatz“. Es wurde am Nationalfeiertag 2025 öffentlich verteilt und in Schulen präsentiert – „im Zeichen der Zusammenarbeit zwischen Bildungs- und Verteidigungsministerium, um jungen Menschen altersgerecht Wissen über Sicherheit und Demokratie zu vermitteln“, wie es in einer Aussendung des Verteidigungsministeriums heißt. Es versteht sich laut Vorwort als Beitrag zur geistigen Landesverteidigung, die „eng mit der politischen Bildung in den Schulen verschränkt“ ist (S. 9). Der Inhalt – eingerahmt in eine Erzählung von einem etwa zehnjährigen Buben und seiner Freundin Chiara, die die Leistungsschau des Bundesheeres am Heldenplatz besuchen, – ist die Darstellung der Aktivitäten, vor allem der Waffengattungen, des österreichischen Bundesheeres.
Für den Militärhistoriker und Projektleiter Wilfried Thanner ist dies das erste Buch, „das das Berufsbild des Soldaten für junge Menschen nachvollziehbar darstellt.“ Da die Verlagssuche auf wenig Resonanz stieß, habe das Ministerium das Buch nun selbst herausgebracht – verfasst von zwei Bediensteten des Ressorts, die bemerkenswerterweise anonym bleiben möchten. (militaeraktuell.at)
Das ‚Moderne‘ an diesem Buch ist der Verzicht auf jedes Heldentum. Die Angehörigen des Bundesheeres werden eher als Fachleute ihres jeweiligen Gewerbes dargestellt (z.B. „die Pioniereinheit wie eine große Baufirma“, S. 29, „das Bundesheer wie ein großes Sportteam“, S. 32, oder das Biwak-Bauen im Schnee bei den Gebirgsjägern, S. 34). Dabei ist man auch um eine ‚feministische‘ Note bemüht. Der Bub, der als Ich-Erzähler fungiert, ist kein Draufgänger, sondern eher ängstlich, während seine Freundin Chiara, deren Mutter Berufssoldatin ist, viel unbekümmerter wirkt. Der Rundgang zu den Stationen des Bundesheeres am Heldenplatz lässt diese als Abenteuerspielplatz wirken, etwa der Kletterturm der Gebirgsjäger oder die Erzählungen der Fallschirmspringer. Dazwischen werden soldatische Tugenden wie Pünktlichkeit, körperliche Ertüchtigung und Gehorsam betont, wobei extra hervorgehoben wird, dass gesetzwidrige Befehle nicht befolgt werden müssen. (S. 44) Es wird auf gesunde Ernährung verwiesen und am Ende des Buches wird sogar ein Trainingsplan geboten.
Auffällig ist jedenfalls, dass die Darstellung dessen, was man früher „Kriegshandwerk“ genannt hat und heute wohl als „Kriegsindustrie“ bezeichnet werden müsste, ganz ohne Töten und Blutvergießen auskommt. Es wird sozusagen ein klinisch reines Heer präsentiert. Selbst die Tatsache, dass Chiaras Mutter natürlich auch Schießübungen absolviert, ist ihr gar nicht so leicht zu entlocken. „Sagen wir mal, wir haben unsere Waffen zur Abschreckung“, um zu „verhindern, dass uns jemand angreift. […] Eine gute Waffen- und Schießausbildung ist natürlich wichtig.“ (S. 13) Offenbar möchte man die Tätigkeit der Soldatin oder des Soldaten als einen Beruf wie jeden anderen darstellen, mit einer quasi technischen Beschreibung des Militärs. Damit erspart man sich jede politische Diskussion wie auch jede Rechtfertigung des Militärischen in der Gesellschaft.
Eine solche klinische Präsentation des Militärs färbt auch auf die Darstellung des Nationalfeiertags ab, um den es in dem Buch ja geht. „An diesem Tag feiern wir, dass Österreich ein friedliches und freies Land ist.“ Es wird zwar auf das am 26. 10. 1955 beschlossene Neutralitätsgesetz verwiesen, aber mit Formulierungen, als hätte die Neutralität vor allem einen historischen Wert: „Das war nach dem Zweiten Weltkrieg sehr wichtig, weil viele Länder damals Angst vor weiteren Kriegen hatten.“ Heute sei der Tag von Bedeutung, weil „er uns daran erinnert, wie wichtig Friede, Freiheit und Zusammenhalt sind. Und dass wir froh sein können, in einem demokratischen und sicheren Land zu leben.“ (S. 15) Von aktiver Neutralitätspolitik ist keine Rede; auch die Auslandsmissionen des Bundesheeres, die doch der Friedenssicherung dienen, werden in dieser Leistungsschau des Bundesheeres nicht erwähnt.
Inzwischen hat die österreichische Schriftsteller:innenvereinigung „IG Autorinnen Autoren“ ebenfalls ablehnend zu dieser Publikation Stellung genommen. In einer Resolution vom Februar 2026 heißt es: „Die IG Autorinnen Autoren lehnt Publikationen wie ‚Mit Adleraugen auf dem Heldenplatz‘ und ihren Einsatz im Unterricht ab. In solchen Publikationen werden nur Fragen der klassischen Verteidigungspolitik betont. Sie stehen dem breiten Ansatz von Methoden gewaltfreier Konfliktbearbeitung entgegen und schwächen nicht militärische Alternativen im Unterricht ab. […] Publikationen wie das Buch „Mit Adleraugen auf dem Heldenplatz“ verstärken und manifestieren die militärischen Perspektiven im Unterricht und lassen friedenspädagogische Positionen zu kurz kommen. Sie haben im Unterricht nichts verloren.“
Inwieweit „Mit Adleraugen auf dem Heldenplatz“ sein Ziel der Sympathiewerbung für das Bundesheer erfüllen wird, ist noch unklar. Was die wiederholten und ständig verstärkten Bemühungen betrifft, eine militärpolitische Perspektive in die Politische Bildung einzubringen, so möge als friedenspädagogische Maxime gelten: Adlerauge, sei wachsam!
Werner Wintersteiner ist Universitätsprofessor i.R. der Universität Klagenfurt und Gründer des Zentrums für Friedensforschung und Friedensbildung; Deutschdidaktiker und Friedenspädagoge. Neuestes Buch: Mehr Sicherheit ohne Waffen. Zur Aktualität von Hans Thirrings Friedensplan (Promedia 2025). Website: wernerwintersteiner.at
Literatur:
- Fink, Anna Giulia (2025): Nur Aufrüsten ist nicht genug. Der Standard, 17.3.2025.
- habt ACHT! News, Wissenswertes und Termine aus der Welt des Bundesheeres 1/2025.
- IG Autorinnen Autoren (2026): Kein Unterrichtsziel Kriegstüchtigkeit. Resolution der Generalversammlung.
- Internationaler Versöhnungsbund, österreichischer Zweig (2023): Offener Brief an BM Martin Polaschek und BM Klaudia Tanner: Mehr Friedensförderung und Gewaltprävention statt einer Militarisierung unseres Bildungssystems. Wien, 14. August 2023.
- Machreich, Wolfgang (2023): Welch Geistes Verteidigung? Die Furche 33, 17.8.2023, S. 5.
- Wintersteiner, Werner (2023): Wann, wenn nicht jetzt? Friedensbildung – eine grundlegende und hochaktuelle pädagogische Aufgabe. In: Spinnrad. Forum für aktive Gewaltfreiheit. Nr. 3, September, 4-5.
Titelbild: Unsere Zeitung/KI-generiert (nano-banana-pro), basierend auf: Buchcover

