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Systemwandel gescheitert, Militarisierung vollendet

Der Krieg gegen den Iran hat keinen Umbruch gebracht, sondern vor allem die Macht der Sicherheitsapparate gefestigt.

Von Shoura Hashemi, Wien (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)

Kriege enden selten so, wie sie begründet wurden. Der Irankrieg 2026 ist dafür ein Lehrstück: Begonnen mit der Erzählung vom Systemwandel, beendet — vorläufig — mit einer brüchigen Waffenruhe, die weder die strategischen Kernfragen gelöst noch die Machtverhältnisse im Iran so verändert hat, wie es die Interventionslogik versprach. Was bleibt, ist ein Regime, das sich transformiert hat — nicht geschwächt, sondern in Richtung einer noch tieferen Militarisierung. Und eine Region, die instabiler ist als zuvor.

Der Krieg gegen den Iran begann am 28. Februar 2026 mit koordinierten Luftangriffen israelischer und US-amerikanischer Streitkräfte auf iranische Ziele. In den folgenden Wochen wurden weite Teile der militärischen Infrastruktur zerstört, die Straße von Hormus faktisch blockiert, mehr als 2.000 Zivilisten getötet. Am 8. April einigten sich die USA und der Iran unter pakistanischer Vermittlung auf einen zweiwöchigen Waffenstillstand — knapp vor Ablauf eines US-Ultimatums, bei dem Präsident Trump mit der Auslöschung einer ganzen Zivilisation drohte. Für die Analyse dieses Krieges ist es notwendig, eine Unterscheidung zu treffen, die im öffentlichen Diskurs oft unterbleibt: die zwischen der offiziellen Legitimationserzählung und den tatsächlichen strategischen Zielen. Die Erzählung lautete: Systemwandel. Man werde das Regime durch gezielte Bombardements so weit schwächen, dass ein Kollaps von innen folgt. Was tatsächlich eingetreten ist, widerspricht dieser Erzählung fundamental.

Die Islamische Republik steht heute nicht geschwächt da.

Sie steht transformiert da — in einer Richtung, die niemand, der ernsthaft an einem freien und demokratischen Iran interessiert ist, gewollt haben kann. Die Revolutionsgarden haben ihre Machtstellung nicht verloren. Sie haben sie konsolidiert. Teherans Verhandlungsführer in Islamabad war nicht die Exekutive, sondern Parlamentspräsident Mohammed Bagher Ghalibaf, ein IRGC-General. An der Spitze des Systems steht seit dem Tod Ali Khameneis ein neuer Oberster Führer — Mojtaba Khamenei, Sohn des getöteten Revolutionsführers —, dessen Legitimation nicht auf religiöser Autorität beruht, sondern auf dem Wohlwollen eben jener Sicherheitsstrukturen, die ihn ins Amt gebracht haben. Das ist keine Kontinuität. Das ist eine Verschiebung von theokratischem Autoritarismus zu militärischem Autoritarismus in klerikaler Verkleidung. Die Ideologie ist dieselbe, der Machtschwerpunkt hat sich verschoben. Und diese Verschiebung ist dauerhafter Natur — sie lässt sich durch eine Waffenruhe und Verhandlungen in Islamabad nicht rückgängig machen.

Gleichzeitig hat das iranische Regime etwas gewonnen, das es sich durch eigenes Handeln in Jahrzehnten nicht hätte erarbeiten können: internationale Glaubwürdigkeit als Opfer und echte Sympathie. In sozialen Medien dominieren Bilder zerstörter Wohnviertel und getöteter Zivilist:innen — und daneben die Rhetorik von Befreiung und Demokratie. Regimeanhänger feiern den Kriegsverlauf intern als Sieg.

Die iranische Opposition, zumindest jene in der Diaspora, ist ratlos und desorientiert.

Dieser Kontrast hat das Regime propagandistisch gestärkt, ohne dass es dafür irgendetwas tun musste. Die Knackpunkte der Islamabad-Gespräche legen die eigentlichen strategischen Ziele der USA offen. Washington bestand auf einer vollständigen Einstellung der Urananreicherung, der Ausfuhr aller Uranvorräte aus dem Land, der Demontage aller wesentlichen Anreicherungsanlagen sowie dem Ende der Finanzierung regionaler bewaffneter Gruppen. Der Iran seinerseits forderte Sanktionsaufhebung, Sicherheitsgarantien und das Recht auf Urananreicherung — ein Recht, das er sich nach den Erfahrungen dieses Krieges erst recht nicht nehmen lassen will. Der Wert nuklearer Abschreckung, wie das Beispiel Nordkorea zeigt, ist für Teheran seit Kriegsbeginn evidenter denn je.

Die geopolitischen Gewinner und Verlierer dieses Krieges sind nicht deckungsgleich mit der militärischen Siegesrhetorik. China hat im Hintergrund entscheidenden Druck auf Teheran ausgeübt, um den Waffenstillstand zu ermöglichen. Pakistan — eine muslimische Atommacht ohne direkte Kriegsbeteiligung — wurde zum zentralen Vermittler zwischen Washington und Teheran. Die USA hingegen haben, trotz militärischer Überlegenheit, ihre Kernziele nicht erreicht. Der Globale Süden beobachtet das mit wachsendem Misstrauen gegenüber westlichen Rechtsstaatsbekundungen. In diesem Zusammenhang ist das Phänomen des Astroturfings, das die öffentliche Wahrnehmung dieses Krieges von Beginn an mitgeprägt hat, analytisch nicht zu übergehen. In monarchistischen Exil-Netzwerken, insbesondere im Umfeld der Pahlavi-Bewegung, lässt sich seit Kriegsbeginn eine koordinierte Desinformationskampagne beobachten: Zeitlich synchronisierte Posting-Wellen, die Bombardierungen als Befreiungshandlungen rahmen, kritische Diaspora-Stimmen durch schiere Volumendominanz übertönen und westlichen Entscheidungsträgern ein Konsensbild der iranischen Bevölkerung vermitteln, das der Realität nicht entspricht. Die iranische Diaspora ist nicht monolithisch. Sie ist politisch und kulturell divers — kurdisch, sozialistisch, republikanisch, religiös, säkular. Wer eine einzige Stimme als repräsentativ inszeniert, verzerrt die politische Realität — mit Konsequenzen für Lageeinschätzungen und außenpolitische Entscheidungen. Für Österreich und die Europäische Union ergibt sich aus dieser Analyse eine unbequeme Frage: Was ist das europäische Schweigen zu konkreten Völkerrechtsverletzungen, wenn nicht die stillschweigende Akzeptanz eines Präzedenzfalls?

Der UN-Generalsekretär hat die Angriffe auf zivile Infrastruktur klar benannt. Europa hat sich auffällig zurückgehalten.

Das ist kein neutrales Verhalten. Ein Land wie Österreich, das historisch auf seine aktive Neutralitätspolitik verweist, hätte gerade in diesem Konflikt Handlungsspielraum gehabt — als vermittelnde Stimme, als Anwalt des humanitären Völkerrechts, als glaubwürdiger Akteur jenseits der westlichen Blocklogik. Pakistan hat vorgemacht, was möglich ist, wenn man den politischen Willen aufbringt. Diese Rolle wurde von Europa nicht eingenommen.

Das Bild, das dieser Krieg hinterlässt, ist nüchtern. Eine belastbare Friedenslösung setzt ein für beide Seiten schmerzhaftes Patt voraus. Dieses Patt ist strukturell nicht eingetreten, weil beide Seiten sich als Sieger sehen — und genau das macht weitere Verhandlungen so schwierig. Die USA haben die militärische Infrastruktur des Iran weitgehend zerstört und das Atomwaffenprogramm erheblich zurückgeworfen. Teheran hingegen kontrolliert weiterhin die Straße von Hormus, kann Raketen auf Nachbarstaaten feuern und hat demonstriert, dass sein Sicherheitsapparat trotz allem handlungsfähig bleibt. Aus dieser Konstellation enden Kriege nicht durch Verhandlungen — sondern durch Erschöpfung oder erneute Eskalation.

Die Menschen im Iran — jene, für die angeblich gekämpft wurde — bezahlen den Preis. Mit ihrem Leben.

Mit ihrer Infrastruktur. Und mit der Bewegung „Frau, Leben, Freiheit“, die seit 2022 unter enormen persönlichen Opfern für einen anderen Iran kämpfte — und die nun gezwungen ist, sich in einem Krieg neu zu verorten, den niemand aus dieser Bewegung wollte. Ob dieser Krieg die Bedingungen für mehr Freiheit schafft oder ob er sie auf unabsehbare Zeit zerstört hat, ist die eigentlich entscheidende Frage. Die Antwort, so wie sie sich abzeichnet, ist ernüchternd.


Shoura Hashemi wurde im Iran geboren und ist als Sechsjährige mit ihren im Iran politisch verfolgten Eltern nach Österreich geflohen. Sie ist Juristin und Menschenrechtsaktivistin und war im diplomatischen Dienst im Außenministerium tätig. Seit August 2023 ist sie die Geschäftsführerin von Amnesty International Austria.


Titelbild: Unsere Zeitung / KI-generiert

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