Was bleibt, wenn Erinnerungen trügen?
Sonntag ist Büchertag: „Hannibal“ von Günter Schütt – Rezension von Michael Wögerer
Jahre nach den Vorkommnissen an ihrer ehemaligen Wiener Schule reist die Protagonistin Anastasija – mittlerweile als Medienmanagerin im Bereich Krisenkommunikation und Imagepflege tätig – zum Begräbnis ihres einstigen Lehrers nach Andalusien. Dort übergibt ihr dessen Witwe Sandra ihr verloren geglaubtes Schultagebuch. Die Lektüre führt Anastasija zurück in den Pandemie-Sommer, in den Distanzunterricht über Klassenchats und Videokonferenzen sowie zu einer verhängnisvollen Klassenfahrt nach Spanien.
Zu jener Zeit wurde der Lehrer, den die Schüler „don Aníbal“ nannten, beschuldigt, Grenzen überschritten zu haben. Anastasija hatte ihn damals verteidigt, doch zurück in Wien sucht sie Jahre später nach der Wahrheit. Bei ihrer Spurensuche trifft sie auf ihre Mitschülerin Anja und sieht sich mit den Trümmern der Vergangenheit konfrontiert: Schweigen der Schulleitung, Radikalisierung von Schülern in digitalen Netzwerken und dem Selbstmord einer Betroffenen.
Im Zentrum des komplexen Beziehungsgeflechts steht die Erzählerin Anastasija. Als Schülerin nahm sie ihren Lehrer einst naiv gegen Anschuldigungen in Schutz; heute versucht sie, die verwaschenen Konturen ihrer eigenen Vergangenheit zu rekonstruieren. Ihr gegenüber steht die ungreifbare Figur des verstorbenen Lehrers Herr Grünwald; er bewegt sich in einem hochsensiblen Graubereich zwischen pädagogischer Fürsorge, schleichender Grenzüberschreitung und emotionaler Manipulation.
Anastasijas Spurensuche führt sie zu ihren ehemaligen Mitschülerinnen, deren Lebenswege durch die damaligen Ereignisse tiefgreifend verändert wurden. Anja, die den subtilen Übergriffigkeiten des Lehrers schutzlos ausgesetzt war, zog sich psychisch wie körperlich gezeichnet zurück und arbeitet heute isoliert in einem Wiener Auktionshaus. Ihre Mitschülerin Matilda versuchte damals vergeblich, die Vorfälle durch Fotos offenzulegen. Sie zerbrach schließlich am institutionellen Schweigen sowie der fehlenden Aufarbeitung und nahm sich Jahre später das Leben. Komplettiert wird das Figurenensemble durch Sandra, die Witwe des Lehrers. Sie hielt ihrem Mann trotz aller Schattenseiten die Treue, wahrte nach außen das Bild seiner Unschuld und händigte Anastasija schließlich das Schultagebuch aus, das die Auseinandersetzung mit der Wahrheit erzwingt.

Günter Schütts Roman überzeugt durch eine präzise, reduzierte Sprache, die auf billige Effekthascherei verzichtet. Der Roman fällt kein schnelles Urteil und verzichtet auf holzschnittartige Täter-Opfer-Schemata. Stattdessen hält der Text alle Figuren in einer eindringlichen Schwebe und beleuchtet hochaktuelle Fragen: Wie verschieben sich Macht und Verantwortung, wenn Schule nicht mehr im Klassenzimmer endet, sondern sich in Chatgruppen fortsetzt? Welches Gewicht haben Lücken in der eigenen Erinnerung? Ein vielschichtiges, sprachlich geschliffenes und intensiv nachwirkendes Debüt.
Günter Schütt
Hannibal
Osburg Verlag, Hamburg, 2026
ca. 160 Seiten, 22,60 €
ISBN: 978-3-95510-401-6
Günter Schütt, geboren 1982, lebt in Wien. Er studierte Philosophie, Psychologie und Literaturwissenschaft und publizierte unter anderem zu Karl Kraus. Seine literarischen Arbeiten kreisen um die Themen Macht, Sprache und Verdrängung. Hannibal ist sein Debütroman.
Von 2020 bis 2022 schrieb Günter Schütt auch für Unsere Zeitung (hier geht’s zu seinen Beiträgen).
Titelbild: Die Lücken der Erinnerung (Unsere Zeitung/KI-generiert mit Seedream 5.0 Pro via Genspark)

