Vielleicht bin ich naiv – aber meine Hoffnung kriegt ihr nicht
Ob die sozialdemokratische Bewegung wieder begreifen kann, was das kleine Wort „sozial“ in ihrem Namen eigentlich bedeutet?
Ein Kommentar von Nina Maron
Vielleicht bin ich naiv. Vielleicht habe ich tatsächlich geglaubt, Sozialdemokratie hätte etwas mit Solidarität zu tun. Mit Zusammenhalt. Damit, dass man Menschen nicht fallen lässt, sobald sie unbequem werden oder der eigenen Karriere im Weg stehen.
Ich dachte immer: Genau dafür gibt es eine sozialdemokratische Bewegung. Weil nicht jede und jeder allein schauen soll, wo er/sie bleibt. Weil das Gemeinsame mehr zählt als der persönliche Vorteil. Weil man gemeinsam kämpft – und nicht übereinandersteigt, sobald irgendwo ein besserer Posten wartet.
Und jetzt sitze ich da und frage mich: Wie naiv war ich eigentlich?
Mich macht die derzeitige Situation nicht nur politisch wütend. Sie macht mich persönlich traurig.
Ich weiß, dass Politik kein Kindergeburtstag ist. Ich weiß, dass es um Macht geht, um Interessen und um Positionen. Aber ich werde niemals verstehen, warum Karriere, Geld, Einfluss und persönliche Vorteile wichtiger werden können als Menschen. Schon gar nicht in einer sozialdemokratischen Partei.
Was bleibt vom Wort „Solidarität“, wenn es nur noch auf Transparenten steht?
Was bleibt vom Gemeinsamen, wenn es nur so lange gilt, solange es dem eigenen Fortkommen nützt?
Und mittlerweile beginne ich auch die Verzweiflung meines Vaters besser zu verstehen. Diese Verzweiflung darüber, wie wenig Solidarität manchmal übrig bleibt, wenn es darauf ankommt. Dieses ständige Schauen auf den eigenen Vorteil. Dieses Rechnen: Was bringt mir dieser Mensch? Was bringt mir jene Position? Wem muss ich heute nahestehen, damit ich morgen weiterkomme? Und dieses zunehmende Unvermögen, sich überhaupt noch in andere Menschen hineinzuversetzen. In jene, die wenig haben. In jene, die keine Beziehungen, keine Posten, keine Absicherung besitzen. In die sozial Schwachen, für die Politik keine Karrierefrage ist, sondern darüber entscheidet, ob am Ende des Monats noch Geld da ist. Ob die Wohnung bezahlt werden kann. Ob man sich das Leben noch leisten kann.
Für diese Menschen wurde sozialdemokratische Politik einmal gemacht. Nicht für persönliche Karrieren.
Und genau deshalb tut mir dieser Umgang miteinander so weh. Dieses Herabwürdigen. Dieses öffentliche Demontieren. Dieses Fallenlassen. Und dieses erstaunlich schnelle Vergessen gemeinsamer Wege, sobald sich Machtverhältnisse verändern.
Vielleicht verstehe ich heute ein Stück besser, warum mein Vater manchmal so verzweifelt war. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – will ich eines nicht verlieren: meine Hoffnung.
Ich möchte mir nicht einreden lassen, dass Menschlichkeit naiv und Solidarität etwas für Dumme sei; dass man halt lernen müsse, wie das politische Geschäft funktioniert. Nein.
Wenn Politik nur noch Geschäft ist, dann läuft etwas grundsätzlich falsch.
Ich will weiterhin daran glauben, dass Menschen füreinander einstehen können. Dass Politik solidarisch sein kann. Dass man nicht auf jemanden treten muss, um selbst ein Stück höher zu kommen. Und dass eine sozialdemokratische Bewegung wieder begreifen kann, was das kleine Wort „sozial“ in ihrem Namen eigentlich bedeutet.
Vielleicht ist diese Hoffnung naiv. Aber sie gehört mir.
Meine Hoffnung könnt ihr mir nicht nehmen. Die kann mir keiner nehmen.
Und vielleicht ist genau sie das Letzte, was uns bleibt, wenn Solidarität gerade dort verloren geht, wo sie eigentlich zu Hause sein sollte.
Titelbild: Unsere Zeitung/KI-generiert

