Oh, wie schirch ist Panama City!

[3K – Massenmedien am Montag: Folge 62]

panamapapersICIJEs folgt eine Info für alle, die gestern nach dem Sandmann ins Bett gingen: Eine Gruppe internationaler InvestigativjournalistInnen hat am Sonntagabend um 20:00 Uhr Wiener Zeit den bislang größten Leak in der Geschichte des Datenjournalismus bekannt gemacht. Es handelt sich dabei um 11,5 Millionen digitale Dokumente (Fotos, PDFs, Mails und vieles mehr) im Umfang von 2,6 Terabyte aus den Jahren 1977-2015. Sie stammen allesamt von der in Panama-Stadt ansässigen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca, welche auf Offshore-Firmen in Steuerparadiesen spezialisiert ist. Genau genommen handelt es sich um 214.488 Firmen, die nach jüngstem Stand von der Kanzlei betreut werden. Welch‘ witziger Zufall, dass der deutsche Firmengründer Mossack heißt. Erinnert an Stroh- und Geldsack. Der Falter zeichnet hier die Geschichte von „Mossfon“ nach, teasert Skandale an, liefert einen ausführlichen Werkstattbericht aus Austro-Sicht.

Ein Anonymus übermittelte die auf Panama Papers getauften Daten elektronisch verschlüsselt an die Süddeutsche Zeitung. Zwei ihrer Reporter (Bastian Obermayer und Frederik Obermaier) leckten Blut und vereinten in der Folge knapp 400 JournalistInnen aus 78 Ländern, um das „Dreckssystem“ abzuschaffen. Und aus dem ganz pragmatischen Grund, dass die große Datenmenge für zwei Münchener allein nicht zu bewältigen ist. In Österreich gehört neben der zuletzt gescholtenen Stadtzeitung Falter der ORF zum Projekt mit dem Codenamen Prometheus, benannt nach einem Raumschiff aus Star Trek: Voyager. Die deutschen KollegInnen erklären in diesem Multimedia-Artikel im Detail, wie das Projekt anlief.

Erste Ergebnisse der noch nicht abgeschlossenen Recherchen zeigen, dass zumindest 128 PolitikerInnen aus der ganzen Welt über Mossfon direkt oder indirekt an Briefkastenfirmen beteiligt sind. Die Raiffeisenbank International wickelte etwa Geschäfte des ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko ab. ExpertInnen vermuten dahinter Geldwäsche. Weitere Kunden von Mossfon sind die organisierte Kriminalität Japans und Siziliens sowie Fußballstar Lionel Messi. Andere Links nach Österreich führen in das Umfeld der Hypo Vorarlberg, von Geschäftsleuten und der fleischgewordenen Unschuldsvermutung Karl-Heinz Grasser. Ulla Kramar-Schmid, Teamleiterin beim ORF, bezeichnete all diese Praktiken als „eine Form von Sozialschmarotzertum“ der Eliten. Wie recht sie hat. Aber natürlich, der Feind, das sind „die“ Flüchtlinge und „der“ Islam.

Ein äußerst spannender Frühling begann da für die BürgerInnen und Finanzbehörden der Welt, für Staatsanwaltschaften, für Demokratien und nicht zuletzt für die Kommunikationsbranche. Die Panama Papers sind die Chance zweier heimischer und 107 internationaler Medien, in Zeiten der „Lügenpresse“, Prekarisierung und wirtschaftlichen Drucks den Journalismus wieder ein Stück weit voranzubringen. Verbockt das nicht, Kolleginnen und Kollegen.

PS: Schön, dass Tori Reichel im VICE die schwarzen Dealer vorstellt, um die es letztes Mal ging.

Bild: ICIJ

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