Arme Unternehmer

Karikatur_Das_Verhältnis_Arbeiter_UnternehmerKapital schlagen mit Gerfried Tschinkel

Unternehmer sind arme Schweine. Das jedenfalls legt uns die immer noch herrschende Lehre der neoklassischen Ökonomie nahe. Denn wenn der Wettbewerb hinhaut, dann erzielt der Unternehmer keinen Gewinn. Bei Wettbewerb auf vollkommenen Märkten ist der Marktpreis der Waren gegeben und die Unternehmer agieren nur als Mengenanpasser an die Nachfrage, wobei in einem Marktgleichgewicht der Marktpreis den Grenzkosten entspricht. Der Gewinn wird so wegkonkurriert. Ziel des Unternehmens ist folglich nicht der Gewinn, sondern die bestmögliche Befriedigung von Bedürfnissen.

Der Zins allerdings, der ja einen Abzug vom Profit darstellt, wurde von dem Unternehmer zu seinen Kosten gerechnet. Der Zins, das ist das Einkommen für den Kapitaleigentümer. Der Verleiher von Kapital borgt es her, um nach einer gewissen Periode mehr zurück zu erhalten. Die Leihsumme angereichert um einen Zins. Das was vom Profit des Unternehmers nach Abzug des Zinses übrig bleibt, das ist der Unternehmergewinn. Ein Teil davon hat sich allerdings bereits in einen bloßen Aufsichtslohn verwandelt, ein „Lohn“ für den Kapitalisten, der organisierend in der Produktion tätig wird und diese Tätigkeit verstärkt den Managern überlässt. Es entsteht der Eindruck, dass der Unternehmerlohn dem Funktionär des Kapitals zufällt wie der Arbeitslohn dem Arbeiter. Sie beide sind tätig und nicht Eigentümer des Kapitals. Daher erscheint auch ein Teil des Unternehmergewinns jetzt nur noch als Bestandteil der Kosten.

Dass daher ein Extragewinn nur Resultat eines Ungleichgewichts sein kann, hat das Richtige, dass das Finanzkapital heute allen Reichtum auf sich konzentriert. Der Kleinunternehmer ist maßgeblich abhängig von Bankkrediten, und was er verdient ist bloß ein Aufsichtslohn für die Leitung des Unternehmens, er ist längst vom Finanzkapital enteignet. Ähnlich bei großen Unternehmen, wie Aktiengesellschaften. Der fungierende Kapitalist ist ganz verdrängt durch den Funktionär und der gesamte Profit wird hier bezogen in Form des Zinses. Es ist nicht nur so, dass ein Teil des Profits an den Gläubiger als Zins für Kredite geht. Die wenigsten Großunternehmen sind heute von Bankkrediten abhängig. Der Profit als solcher erhält die Form des Zinses. Nämlich als Dividende, die dem Aktienbesitzer zukommt.

Kapitalfunktion und Kapitaleigentum sind heute voneinander getrennt, um den Zusammenhang der kapitalistischen Aneignungsweise überhaupt noch aufrechterhalten zu können. Die neoklassische Theorie hat recht, aber sie verweilt nur an der Oberfläche, nimmt die Verdrehung hin wie sie ist und beschreibt sie, ohne den Grund und die Ursache der Verdrehung ausfindig machen zu wollen oder zu können. Sie ist pure Apologetik des heutigen Kapitalismus. Eines Kapitalismus, wo wenige Kapitaleigentümer alles besitzen und wo der Kapitalfetisch auf die Spitze getrieben ist, dass jede Summe Kapitals automatisch einen Zins abwirft. Sodass nicht mehr ersichtlich ist, dass dafür die Mehrheit der Menschen ausgepresst werden musste. Besonders originell drückt sich dies in der mikroökonomischen Theorie der Opportunitätskosten aus. Die Ertragsrate einer Investition muss demnach immer höher sein als der Zins für geborgtes Kapital. Und dies muss auch dann gelten, wenn gar kein geborgtes Kapital zur Anwendung kommt. Denn das Kapital könnte sonst anders veranlagt werden.

Die gegenwärtige Krise ist nichts anderes als Ausdruck einer Krise dieses „Automatismus“. An ihrem Ende steht, so ist zu hoffen, die Enteignung der Finanzoligarchie. Wäre doch mal schön zu beobachten, was passiert, wenn von heute auf morgen die vielen Anteilsscheine und Wertpapier samt sämtlicher Anweisungen auf Einnahmen einfach als das angesehen würden was sie sind. Geduldiges Papier/Geduldige Bits und Bytes.

Gerfried Tschinkel ist Ökonom und lebt in Kottingbrunn.

Bisher in „Kapital schlagen“:

Fotos: Karikatur aus dem „Neuen Postillon“, Zürich, Schweiz 1896 (public domain); Titelbild: pixabay.com (public domain)

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