Die dunkle Seite der Leistungsgesellschaft

Im Wahlkampf wurde von den rechten, konservativen und (neo-)liberalen Parteien ein Thema besonders gerne erwähnt: Leistung. Bei den einen soll sich „Leistung wieder lohnen“, bei den anderen sollen „Leistungsträger in der Gesellschaft entlastet werden“. FPÖ, ÖVP und Neos haben die Meritokratie, also die „Herrschaft der Leistung“ komplett verinnerlicht und fordern sie lautstark von anderen. 

Hinter der Meritokratie, welche umgangssprachlich auch gerne Leistungsgesellschaft genannt wird, versteckt sich die Idee, dass jeder, wenn er nur genug Talent hat und sich genügend anstrengt, es „nach ganz oben“ schaffen kann. Die, die an der Spitze der Gesellschaft stehen, haben es allein ihrem eigenen Engagement zu verdanken, dass sie dort stehen, und haben sich den Platz dort oben auch „verdient“. Doch der sonnige Anschein der Meritokratie hat seine Schattenseiten. 

Von Max Aurel

Gewinner und Verlierer

Rein intuitiv gesehen hat Meritokratie eine gewisse Anziehungskraft. Sie steht im krassen Gegensatz zur Feudalgesellschaft und zum Kastensystem, so wird einem Mitglied der Gesellschaft eben versprochen, dass es mit genug Anstrengungen den sozialen Aufstieg schaffen kann. Dieser soziale Aufstieg war in der Feudalgesellschaft überhaupt nicht möglich. Wer als Bauer geboren wurde, starb vermutlich auch als Bauer. An die Spitze der Gesellschaft wurde man geboren, aus gutem Haus zu stammen zählte mehr als Leistungen und Talente. Sieht man Meritokratie aus dieser Sicht, ist sie eine große Errungenschaft unserer Zivilisation.

Bisher haben wir uns sehr auf die „Gewinner“ in einer Meritokratie fokussiert. Für sie scheint dieses System perfekt zu sein. Mit eigener Leistung den sozialen Aufstieg schaffen, die Lorbeeren für eben jenen Aufstieg für sich selbst einheimsen und „verdientermaßen“ dort zu sein, wo man ist. Dazu kommt, dass dieser Aufstieg und Erfolg in den meisten Fällen durch eine bessere finanzielle Lage gekennzeichnet ist. Wer hart arbeitet, verdient mehr Geld, bekommt Prestige und einen besseren Ruf und steigt in der sozialen Leiter weiter auf. Die, die in der Leistungsgesellschaft an der Spitze stehen, sind nicht nur die, die am härtesten schuften, sondern verdienen auch am meisten Geld. So weit der Mythos. Doch was ist mit den „Verlierern“? Es dürfte offensichtlich sein, dass nicht jeder ein Gewinner sein kann. Nicht jeder kann ganz oben in der Gesellschaft stehen. Wenn die Gewinner für ihren Erfolg verantwortlich sind, sind ausschließlich die Verlierer für ihr Versagen verantwortlich?

Die Schuldfrage

Geht man davon aus, dass ein Individuum für seinen eigenen Erfolg verantwortlich ist, so ist es auch für seinen Misserfolg verantwortlich. Armut und finanzielle Not sind dementsprechend selbstverschuldet. Dass sich dieses Denken in unserer Gesellschaft immer mehr durchgesetzt hat, zeigt unser Umgang mit Armen und Bedürftigen. Während vor rund einem Jahrhundert Arme in England noch als „Unfortunates“, „Unglückliche“ im Sinne von „sie hatten kein Glück“, bezeichnet wurden, werden sie heute vielfach als „Loser“ (=Versager) stigmatisiert. Der Konsens scheint zu sein, dass „der Arme“ für seine miserable Lage selber schuld ist. Peter Tauber, Generalsekretär der CDU, fasste dieses Denken in besonders sozialkalter Weise zusammen. Auf die Frage eines Users, ob er nun 3 Minijobs machen solle, um über die Runden zu kommen, antwortete Tauber:

 

Peter Tauber Minijob Tweet
Quelle: Screenshot www.twitter.com

Dieses Denken hat für die „Gewinner“ einen großen Vorteil. Es kommt für sie einfach kein Schuldbewusstsein auf. Wenn jemand arm ist, ist er selber schuld, und hat deshalb auch nicht von der Gesellschaft zu fordern, dass sie ihn unterstützen könne. Genau das meinte vor vielen Jahren Margaret Thatcher, als sie verkündete „There is no such thing as society.“ Das macht es unfassbar bequem für die „Leistungsträger“, die sich dann keine Verantwortung mehr bewusst machen müssen. Spenden und Almosen für die Armen sind komplett überflüssig. „Sie sind selber schuld, warum sollte ich ihnen mit meinem hart verdienten Geld helfen?“ Liebe Leser, Sie merken wahrscheinlich selber, wie spürbar kälter es Ihnen geworden ist, während sie die Zeilen gelesen haben.

Für die „Verlierer“ hingegen hat diese Ideologie noch einen weiteren Nachteil. Es reicht offensichtlich nicht, dass Armut und materielle Entbehrung schlimm genug sind. Nein, von der Gesellschaft wird man als Schande gebrandmarkt. Einer, der auf den Kosten von anderen leben will und selber nichts auf die Reihe gebracht hat. Das Selbstwertgefühl sinkt in den Keller, Vorwürfe und Selbstzweifel sind die Folge.

Glück, Zufall, Elternhaus

Mittlerweile scheint es in der Gesellschaft eine Gegenbewegung zu geben. Auf den Tweet von Peter Tauber folgte ein Shitstorm, dessen Ausmaße kaum zu fassen waren. Man warf ihm soziale Kälte vor, Arroganz und auch fehlendes Verständnis für das Thema Armut an sich. Viele Menschen verstehen, dass persönliches Engagement alleine für Erfolg im Berufsleben nicht ausreicht.

Ein großes Problem der Meritokratie ist es nämlich, dass Erfolg ausschließlich auf persönliche Leistungen zurückgeführt wird. Doch das ist falsch. Viele Soziologen haben schon auf den Faktor „Glück“ hingewiesen. So wurde beispielsweise herausgefunden, dass ein Großteil der „besten“ Fußballspieler der Welt im ersten Quartal eines Jahres geboren wurden. Da sie mit allen Jungs eines Jahrgangs zusammenspielten, hatten sie einen kleinen Entwicklungsbonus, waren ein wenig größer, schneller oder stärker, der oft mitentscheidend für ihre Karriere war. Ihren Erfolg hatten sie zwar auch ihrem Engagement zu verdanken, aber eben auch ihrem Geburtstag, auf den sie keinen Einfluss hatten.

Großen Einfluss auf den Karrierepfad einer Person hat zudem das Elternhaus. Besonders in Österreich und Deutschland ist der Bildungsstand und das Einkommen der Eltern ausschlaggebend für die Entwicklung ihrer Kinder. Kinder von wohlhabenden Eltern haben erhebliche Vorteile, so können sich ihre Eltern Nachhilfelehrer für die Schule leisten, Unterricht für ein Musikinstrument (was viele kognitive Fähigkeiten entwickelt) oder haben einfach Zeit für ihre Kinder. Wir sind zwar nicht so weit wie in der Feudalgesellschaft, dass sozialer Aufstieg überhaupt nicht möglich ist. Aber Geschichten, die einen Werdegang „Vom Tellerwäscher zum Millionär“ erzählen, werden immer seltener. Eine soziale Hierarche entwickelt sich, die schwer zu brechen ist. Und die Legende der Meritokratie liefert die Legitimation dafür. Die Meritokratie kritisch zu hinterfragen, festzustellen, dass weder Armut noch Erfolg alleine auf den Leistungen und dem Charakter einer Person beruhen, sondern viele externe Einflüsse ebenfalls sehr bedeutend sind, ist der erste, wenn auch nicht der einzige Schritt, ein solches hierarchisches System im Entstehen zu verhindern.

Titelbild: Photo by Nabeel Syed on Unsplash

Der Beitrag erschein zuerst auf maxaurel.wordpress.com

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