WM schaun‘ mit gutem Gewissen?

Die Frage der Moral zur Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland – Ein Kommentar von Moritz Ettlinger

Ein Gespenst geht um. Und nein, trotz 200 Jahren Marx geht es diesmal nicht um das Gespenst des Kommunismus. Es geht um Fußball. Schon seit Wochen und Monaten geistert immer wieder ein Wort in den Medien herum, das jeden Fußball-Fan einmal kräftig schlucken lässt: der Boykott. Nicht irgendein Boykott, ein Boykott der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland, die am 14. Juni offiziell startet.

Die Online-Enzyklopädie Wikipedia definiert Boykott als „organisiertes wirtschaftliches, soziales oder politisches Zwangs- oder Druckmittel, durch das eine Person, eine Personengruppe, ein Unternehmen oder ein Staat vom regelmäßigen Geschäftsverkehr ausgeschlossen wird“, wobei der Begriff heutzutage „allgemein für eine Verrufserklärung oder Ächtung durch Ausdruck einer kollektiven Verweigerungshaltung“ stehe. Klingt relativ kompliziert, auf die WM 2018 umgelegt ist es aber ganz einfach: Das größte Fußballturnier der Welt würde heuer ohne ZuschauerInnen stattfinden, frei nach dem Motto „Stell dir vor es ist WM und keiner geht hin.“ Aber warum sollte man das überhaupt machen? Schließlich freut sich wahrscheinlich schon die halbe Fußball-Welt darauf, nach vier Jahren Wartezeit endlich wieder in WM-Stimmung zu kommen und tolle Spiele auf Weltklasse-Niveau zu genießen. Gründe dafür, das Spektakel mit mehr als nur gemischten Gefühlen zu sehen, gibt es allerdings zur Genüge.

Nicht weniger als 21 Todesfälle waren laut der deutschen Tageszeitung „Die Welt“ im Zuge der Bauarbeiten für dieses Ereignis zu beklagen, von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen, Lohndumping, etc. ganz zu schweigen. Hinzu kommt die generelle Situation der Menschen in Russland: Vor allem für Minderheiten, Homosexuelle, Oppositionelle, Andersdenkende ist das Leben im größten Land der Welt alles andere als einfach. Im November letzten Jahres beispielsweise warnte die Organisation „Football Against Racism in Europe (FARE)“ LGBT-Gäste, die die WM in Russland besuchen wollen, „auf all den Orten, die nicht als LGBT-freundlich bekannt sind, vorsichtig zu sein. […] Zwei homosexuelle Fans, die händchenhaltend auf den Straßen russischer Städte unterwegs sind, werden in Gefahr sein.“ Dasselbe gelte auch für Schwarze bzw. “Andersrassige”. Auch mit der Presse- und Meinungsfreiheit nehmen es Putin und seine Regierung nicht ganz so genau. Unabhängige und vor allem regierungskritische Medien existieren sowieso nicht mehr viele, und das trifft auch ausländische Journalisten. Erst am vergangenen Freitag (11.5.2018) gab der deutsche TV-Sender ARD bekannt, dass dem Investigativjournalisten und Doping-Experten Hajo Seppelt die Einreise nach Russland verweigert wurde. Er stehe auf der Liste der „unerwünschten Personen“, weshalb das Visum für den 55-jährigen für ungültig erklärt wurde.

Sollen wir die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland boykotieren? (Bild: pixabay.com, CC0 Creative Commons)

Nun stellt sich allen Fußball-Fans mit Herz, die sich neben dem runden Leder auch für Themen wie Menschenrechte interessieren, zurecht die Frage, wie sie mit dieser Situation umgehen sollen. Auf der anderen Seite steht der Sport, ein derart großes, spannendes und auch auf eine gewisse Art und Weise einzigartiges Turnier kann sich der allgemeine Fan nur schwer entgehen lassen. Zudem können weder die Fußballer der verschiedenen teilnehmenden Nationen noch die Fans etwas für die derzeitige Situation in Russland. Auf der anderen Seite stehen aber wie schon erwähnt die Missstände, die diese WM in einem anderen Licht erscheinen lassen und auf die trotz aller sportlicher Euphorie und Vorfreude keinesfalls vergessen werden darf. Was soll und kann man also tun?

Als einzelne/r ZuschauerIn wenig. Da müssten sich schon Millionen dazu entscheiden, auf das größte Fußballturnier der Welt zu verzichten, und zwar sowohl die Menschen außerhalb Russland, indem sie sich keine Spiele im TV ansehen, als auch die Fans vor Ort. Eine andere Möglichkeit wäre ein sportlicher Boykott der Teams, wohl diejenige, die am meisten bewirken würde. Doch realistisch ist das alles nicht.

Stattdessen obliegt daher vor allem den großen Medien aller Länder eine große Verantwortung. Denn von einem anderen Blickwinkel aus betrachtet fällt zwischen dem 14. Juni und dem 15. Juli viel Aufmerksamkeit auf Russland, und genau diese müsste dazu genutzt werden, um all die Missstände in dem Land aufzuzeigen und deutlich zu machen, dass es auf Dauer nicht so weitergehen kann. Einen Schritt in die richtige Richtung machten dabei bereits die deutschen öffentlich Rechtlichen, die ihr WM-Studio bewusst nicht in Russland sonder im eigenen Land einrichteten, um “den nötigen journalistischen Abstand zu einer durchaus umstrittenen Veranstaltung in einem entsprechend umstrittenen Ausrichterland” zu demonstrieren. Genauso muss aber auch Druck auf die FIFA ausgeübt werden, fatale Entscheidungen wie die Vergabe der WM nach Katar 2022 sofort rückgängig zu machen und ähnliche wie die Vergabe nach Russland in Zukunft tunlichst zu vermeiden. Ansonsten wird die Faszination Fußball-WM bald ihren Zauber verlieren. Wenn sie ihn nicht schon lange verloren hat.

Titelbild: Moritz Ettlinger (CC0 Creative Commons)

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