Als „lebensunwert“ stigmatisiert, gedemütigt und getötet

Zur Deformierung von Menschen bei der sogenannten „Entarteten Kunst“ zur Zeit des Hitlerfaschismus

Von Werner Lang

1928 schrieb Paul Schultze-Naumburg das Buch Kunst und Rasse, eine Schrift, die weitreichenden Einfluss auf die Nazi-Planung gegen den Modernismus haben sollte.

Ausstellungsführer, „Entartete „Kunst“, Berlin 193 (Katalogseite 31, abgedruckt, Prestel-Verlag, München 1987, „die Kunststadt München 1937“, „Nationalsozialismus und „Entartete Kunst“, Herausgegeben von Peter-Klaus Schuster.)

Schultze-Naumburg als Vorlage für den Führer durch die Ausstellung „Entartete Kunst“ stellte in seinen Büchern den freien Porträts, die Künstler schufen, diagnostische Fotografien, die Psychiater von behinderten Menschen machten oder machen ließen, gegenüber. Die Reichspropagandaleitung stellte den Bildern von Künstlern die Bilder von sogenannten geisteskranken gegenüber. Das Resultat ist die gegenseitige Degradierung, zwei Randgruppen werden reziprok gebrandmarkt. Die Künstler galten als krank, wenn ihre Bilder den Bildern psychisch kranker Menschen glichen. Menschen mit Behinderung wurden als „lebensunwert“ stigmatisiert hinsichtlich psychiatrischer Erkennungsfotos als bedeutungslos und „entartet“ klassifiziert.

Die Fotografien, die Schultze-Naumburg von den behinderten Personen präsentierte, stammten aus einer Sammlung von Dr. phil. und med. Wilhelm Weygandt (1870 – 1939), Direktor der Staatsirrenanstalt Friedrichsberg und Professor für Psychiatrie an der Universität Hamburg.

Friedrichsberg galt als eine angesehene „psychiatrische Anstalt“. Ihr Direktor Weygandt wurde 1934, kurz nach seinem 25-jährigen Dienstjubiläum, wegen liberaler Verbindungen, vorzeitig in Ruhestand versetzt. Doch Weygandt war einer der Pioniere der eugenisch-rassenhygienischen Umorientierung der Psychiatrie. Er befürwortete schon vor 1933 die Zwangssterilisation. „Es ist höchste Zeit, dass dagegen eingeschritten wird aus überspitztem Individualismus Deutschland zum Paradies der Minderwertigen zu machen“, meinte Weygandt. Ende 1933 hatte Weygandt „auf einer für die weitere Entwicklung der nazistischen Rassenhygiene“ wegweisenden Münchner Fachtagung über „Erblehre und Rassenhygiene“ im völkischen Staat gleich drei Referate gehalten und sich als einen der Nestoren der nazistischen Eugenik Bewegung in Erinnerung gebracht.

Die Vorträge dieser Tagung, mit denen Weygandts, wurden ein Jahr später von Ernst Rüdin herausgebracht. Der in der Schweiz geborene Rüdin lieferte die vermeintliche „wissenschaftliche Begründung“ für das nazistische „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“.

Die Menschen wurden von den Nazi-Behörden nicht nur in gesunde und kranke, sondern die Patienten zusätzlich noch in „heilbare“ und „unheilbare“ in „behandlungswürdige“ und „nichtbehandlungswürdige“ aufgeteilt. Über 1.350 Patienten verlegte man in verschiedene „Anstalten“. Die Konsequenzen zeigten sich für die Betroffenen in einer drastischen Reduktion von Lebenschancen.

Die Sterblichkeitsrate war in Verlegungsjahr 1935 um 30 Prozent höher als noch ein Jahr zuvor. Zu Beginn der 40-er Jahre kam es zu erneuten Überführungen – in die Tötungsanstalten Meseritz – Obrawalde und Hadamar.

Insgesamt wurden in Meseritz innerhalb von 3 Jahren 18.000 Menschen ermordet, erschossen, mit Medikamenten umgebracht oder sie verhungerten. In Hadamar und anderen Tötungsanstalten wurden 1940 und 1941 nach einer von den Nazis selbst angelegten Statistik 70.273 Menschen, die als „geisteskrank“ oder „lebensunwert“ ausgegrenzt wurden, durch Gas getötet, als grauenvoller Vorlauf für Auschwitz und andere KZs.

Obwohl es einen sogenannten „Euthanasie-Stopp“ gab, kam es bis 1945 zu schätzungsweise 250.000 Krankenmorden.

Man bemerke, dass es gegen die von Ärzten ohne direkten Befehl durchgeführten Morden an behinderten Kindern und psychiatrischen Patienten schon während der Zeit des NS–Regimes Einwände gab, dass sie nach 1945 aber bis weit in die 60er Jahre hinein unbeachtet blieben und (dass die zwangssterilisierten Menschen noch immer nicht als Opfer anerkannt und, wenn überhaupt, nur eingeschränkt entschädigt werden). Dass das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ von den Besatzungsmächten nicht „als nationalsozialistisches Unrechtsgesetz gebrandmarkt worden ist“ geht angeblich auf die US-Amerikaner zurück, weil diese in ihrem Land selbst Sterilisationsgesetze hatten.

In diesem Sinn sind die Personen, deren Porträts über Weygandt in Schultze-Naumburgs Buch gelangten, zu den „vergessenen Opfern“ einer Zurschaustellung zu zählen. Gelänge es die namentlichen Lebensgeschichten dieser Opfer zu rekonstruieren, könnte man ihnen einen Teil ihrer Identität und Individualität zurückgeben, die durch die fotografische Behandlung und Bloßstellung, durch die Verdinglichung, der Fototäter verloren ging.

Die Denunzierung der Bilder von Psychiatrie-Erfahrenen, Behinderten und Künstlern kann zweierlei heißen: einerseits werden die Bilder dieser Personengruppen, die nicht fremdbestimmt sind und die sie selbst produzieren, reduziert auf vermeintlich zwangsläufig dominierende Persönlichkeitsmerkmale, eine Differenzierung der Ausdrucksformen und Lebensweisen unterbleibt also, andererseits macht man sich ein stereotypes Bild von künstlerisch tätigen Patienten oder behinderten Menschen und von behinderten oder kranken Künstlern.

Also kann man aus Christian Mürners Buch „Gebrandmarkte Gesichter“ ableiten, dass die von Weygandt stammenden anonymen Fotos von psychisch kranken und behinderten Menschen in dem Buch von Schultze–Naumburg, „Kunst und Rasse“ 1928, zur denunzierenden Gegenüberstellung mit expressionistischer Kunst benützt wurden. Dieses Prinzip bereitete die Machart der Ausstellung „Entartete Kunst“ 1937 vor und dies ist die vorangehende gleichzeitige doppelte Deformierung von Menschen, sprich Geisteskranke, eine Art der Deformierung um diese Menschen später öffentlich Ermorden zu können.

Die ökonomische Überlegung hinter dem NS-„Euthanasie“-Programm basierte darauf, dass körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen als „unnützer Esser“ und deren Dasein als „lebensunwertes Leben“ definiert wurde. Schon lang vor dem Einsetzen der Mordaktionen im Jahre 1939 wurden die rassenhygienischen Vorstellungen propagandistisch unter der Bevölkerung verbreitet. Auf diese Weise sollte der Boden für die verbrecherischen Absichten und Praktiken des NS-Regimes psychologisch aufbearbeitet werden. Schulkinder wurden beispielsweise mit entsprechenden Mathematikaufgaben indoktriniert: „Der jährliche Aufwand des Staates für einen Geisteskranken beträgt im Durchschnitt 766 RM, ein Tauber oder Blinder kostet 615 RM, ein Krüppel 600 RM. In geschlossenen Anstalten werden auf  Staatskosten versorgt: 167.000 Geisteskranke, 8.300 Taube und Blinde, 20.600 Krüppel. Wieviele Millionen RM kosten diese Gebrechlichen jährlich? Wieviele erbgesunde Familien können bei 60 RM durchschnittlicher Monatsmiete für diese Summe untergebracht werden?“

Wer waren diese „unnütze Esser“? Dazu brauchen wir nur einen Meldezettel in der „Heil und Pflegeanstalt“ Niedernhart anschauen. Es handelt sich hier um den Kunstmaler Simon Matschnig wohnhaft in Murau. Simon Matschnig dürfte nicht in Niederhart, sondern in Hartheim getötet worden sein.

Wie schon erwähnt, es handelt sich um eine gegenseitige Degradierung, zwei Randgruppen werden reziprok gebrandmarkt. Die Künstler galten als krank, wenn ihre Bilder den Bildern psychisch kranker Menschen glichen. Menschen mit Behinderung wurden als „lebensunwert“ stigmatisiert, gedemütigt und getötet, in der Folge mit Bilder, mit Zeichen der Übereinstimmung hinsichtlich psychiatrischer Erkennungsfotos, als bedeutungslos und „entartet“ klassifiziert.

Wie sehr die Ausstellung „Entartete Kunst“ Emotionen und Aggressionen schürte, belegte ein Telegramm der Ausstellungsleitung an das Propagandaministerium vom 4. August 1937. Darin werden einige Besucheräußerungen wie folgt wiedergegeben:

„Man sollte die Künstler neben ihren Bildern anbinden, damit ihnen jeder Deutsche ins Gesicht spucken kann, aber nicht nur die Künstler, sondern auch die Museumsleute, die in der Zeit als Millionen Hungernde auf den Straßen waren, Hunderttausende den Fabrikanten solcher Machwerke in den Rachen warfen“.

Das war das Freizeichen für eine beispiellose Beschlagnahmewelle im ganzen Land, führte zur systematischen Eliminierung der Sammlungsbestände und „Verwertung“ der modernen Kunst. Wer in der Femeschau vertreten war, dem war das Stigma „entartet“, nun staatlich sanktioniert, auf die Stirn gedrückt. Den betroffenen Künstlern blieb nur die Wahl des Exils oder der inneren Emigration. Verstöße gegen Mal – und Arbeitsverbot waren mit großen Risiken verbunden. Ein offenes Eintreten für die geschmähte Kunst war fortan nicht mehr möglich.


Werner Lang, geboren 1955 in Hönigsberg, lebt in Wien. War tätig als Betriebsschlosser, Schweißer, Monteur, Verschieber, Lokführer, Kranführer, zerstörungsfreier Werkstoffprüfer. War in der Gewerkschaftsbewegung, Friedens- und Umweltbewegung aktiv. Weiters: Ausstellungen, Vorträge, Puppentheater für Erwachsene, Kleintheater. Schreibt für die Kulturzeitschrift Tarantel und theoretische, sozialpolitische Artikel für das Magazin des Gewerkschaftlichen Linksblocks „Die Arbeit“. Letzte Veröffentlichungen: Vor Ort; Theaterstück (Sonderheft Tarantel) Arbeitswelten in Bild und Wort (VIZA Edit 2012) Gasthaus Sudy, ein Theater (edition tarantel 2013) (Herausgeber) Erich Zwirner: Schreib! Arbeiter! (edition tarantel), 2013 (Herausgeber) Eva Priester: Der Weltkrieg I – Ende und Anfang, edition tarantel, Tarantel Werkkreis Literatur der Arbeits (losen) Welt, Wien 2014 „Herzblut“ Beschädigte/r Erzähler/Erzählungen, Herausgeber: Werkkreis Literatur der Arbeitswelt – Werkstatt Wien, mit Unterstützung der MA 17/ Kulturabteilung der Stadt Wien, edition tarantel, 2016
2018 „Stramm“ Ein Buch über Arbeitsbedingungen und Arbeitsverhältnisse in österreichischen Industriebetrieben in Form einer Erzählung von einem Werksarbeiter, transfer EditionUnterstützt vom Österreichischen Bundeskanzleramt. 2020 Zweite Auflage, Unterstützt vom Land Steiermark. Kultur, Europa Außenbeziehungen.

Titelbild: Werbung für die Ausstellung „Entartete Kunst“ in Salzburg, August 1938 (Bundesarchiv, Bild 146-1974-020-13A / CC-BY-SA 3.0)


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Ein Gedanke zu „Als „lebensunwert“ stigmatisiert, gedemütigt und getötet

  • 27. Juli 2020 um 14:08
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    Danke für diesen Artikel, in dem Sie auch eines Künstlers gedachten, Simon Matschnig(g) aus Murau.
    Über den ich leider nichts gefunden habe.
    Erschreckend war für mich in der Auseinandersetzung mit dem Spiegelgrund und Hartheim in welchem Ausmaß fast alle mitgespielt haben, Ärzte, Pflegende und wie wenig Widerstand es gab.
    Wie sehr hat sich Dr.Navratil in Gugging um seine Patienten gekümmert, zum Teil ihre Herkunftsfamilie besucht, mit ihnen selbst Ausflüge gemacht, Bootsfahrten..Auch dieses persönlich Einlassen ist wieder entschwunden..

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