Nicht aller Tage Abend: Tagesarbeitszeiten für Reinigungskräfte ermöglichen

Die Reinigung am Arbeitsplatz erfolgt oft ungesehen. Kennen Sie denn die Person, die Ihr Büro sauber macht? Wenn nicht, dann kann das an den typischen Arbeitszeiten in der Büroreinigung liegen: Reinigungskräfte arbeiten oftmals, bevor die Beschäftigten des KundInnen-Unternehmens kommen bzw. nachdem diese gegangen sind. Das hat für das Leben der Reinigungskräfte weitreichende Folgen: unattraktive und häufig zerrissene Arbeitszeiten, die gesundheitlich belastend und nur schlecht mit dem Familien- und Privatleben vereinbar sind.

Von Karin Sardadvar (A&W-Blog)

Ein Umstieg auf Tagreinigung könnte die Arbeits- und Lebensqualität von ReinigerInnen erheblich verbessern – und auch für die KundInnen- und Reinigungsunternehmen einige Vorteile bringen. Um einen solchen Wandel zu verwirklichen, sind unter anderem die KundInnen-Unternehmen und deren Beschäftigte gefordert.

An den Rand gedrängt: Arbeitszeiten in der Büroreinigung

Morgens früh aufstehen, abends spät heimkommen, zweimal am Tag für die Arbeit fertigmachen, viermal am Tag den Arbeitsweg fahren: So sieht der Alltag für viele Beschäftigte mit geteilten Diensten aus. KundInnen von Reinigungsunternehmen wünschen sich häufig, dass die Reinigungsarbeit möglichst „unsichtbar“ vor und nach den Arbeitszeiten ihrer eigenen Belegschaft erledigt wird. Störungen durch das Reinigungspersonal will man vermeiden. Das übersetzt sich in zerrissene Arbeitszeiten der Reinigungskräfte an den Rändern des Tages: Sie arbeiten häufig eine erste Schicht am frühen Morgen (zum Beispiel von 6 bis 9 Uhr), haben dann eine lange unbezahlte Unterbrechung des Arbeitstages und treten am späten Nachmittag nochmals ihren Dienst an (zum Beispiel von 17 bis 20 Uhr).

Obwohl Beschäftigte das Gefühl haben, den ganzen Tag im Einsatz zu sein, kommen sie mit diesen geteilten Diensten von oft nur wenigen Stunden pro Schicht häufig nicht einmal auf eine Vollzeitstelle. Den hohen Anteil an – auch unfreiwillig kurzer – Teilzeitbeschäftigung in der Reinigungsbranche hat zuletzt wieder eine Auswertung zu systemrelevanten Berufen dargelegt.

Geteilte Dienste: tiefe Eingriffe in das Leben der Beschäftigten

Meine laufende Forschung zu geteilten Diensten im Rahmen des Forschungsprojekts SPLITWORK zeigt, wie vielfältig die Folgen geteilter Dienste für das Leben der Beschäftigten sind: Geteilte Dienste an den Tagesrändern sind oft hinderlich für Betreuungspflichten – insbesondere für Alleinerziehende –, sie lassen unbezahlte Unterbrechungen des Arbeitstages entstehen, die von Beschäftigten jedoch nicht als richtige Freizeit erlebt werden, sie können den Schlaf und die Erholung einschränken, sie beschneiden die Möglichkeiten zur sozialen Teilhabe, und sie können die Partnerschaftsqualität und das Familienleben beeinträchtigen.

Für geteilte Dienste gibt es in der Reinigungsbranche indes weder Zulagen noch eine Anrechnung von Arbeitszeit für die zusätzlichen Wegzeiten. Anders gelöst ist dies etwa in der mobilen Pflege und Betreuung: Dort sind geteilte Dienste ebenfalls sehr verbreitet und bringen zahlreiche Schwierigkeiten für die Beschäftigten mit sich, aber die unterschiedlichen Kollektivverträge für die Pflege sehen zumindest teilweise Vergütungen für die zusätzlichen Wege vor, wie ein Vergleich geteilter Dienste zwischen Branchen und Kollektivverträgen zutage gebracht hat.

Das Beispiel Norwegen zeigt: Veränderungen sind möglich

Aber es geht auch anders: Das Beispiel Norwegen gilt mit einem hohen Tagreinigungsanteil als Beispiel guter Praxis. In den letzten Jahrzehnten kam es zu einem weitreichenden Übergang von einstmals verbreiteten geteilten Diensten an den Tagesrändern hin zu einem hohen Anteil an nicht unterbrochenen Arbeitstagen zu den gewöhnlichen Büro- und Geschäftszeiten. Beigetragen hat dazu eine enge Zusammenarbeit der Sozialpartner unter – und das ist zentral – Einbeziehung der KundInnen. Eine wichtige Rolle spielte auch ein verbessertes Verständnis der Bedeutung von Hygiene und Sauberkeit an Arbeitsplätzen in Kooperation mit der Forschung. Im Kontext steigender Frauenerwerbstätigkeit, einem Professionalisierungsprozess in der Branche und einem Mangel an Arbeitskräften erkannten Gewerkschaften und Arbeitgeber vermehrt, dass man Beschäftigten in der Branche existenzsichernde Stellen zu verträglichen Arbeitszeiten bieten muss.

Schließlich kam es zu einem langsamen, aber tiefgreifenden Kulturwandel, im Zuge dessen es nach und nach zum Normalfall wurde, dass Reinigungskräfte und die MitarbeiterInnen des KundInnen-Unternehmens zur gleichen Zeit arbeiten. Auch einige Beispiele aus Deutschland zeigen alternative Wege auf – so etwa aktuelle Projekte zur Einführung von Tagreinigung in Schulen in Berlin und in Hamburg. In Belgien gab es bereits vor Jahren ebenfalls eine Kampagne zu den Vorteilen von Tagreinigung.

Tagreinigung: Vorteile für alle Beteiligten

Tagreinigung ohne geteilte Dienste hat eine ganze Reihe von Vorteilen für die Beschäftigten, aber auch für die Reinigungsunternehmen und die KundInnen-Unternehmen. Für die unterschiedlichen beteiligten Gruppen lassen sich kurz- und langfristig die folgenden Potenziale für Verbesserungen identifizieren.

Grafik: A&W-Blog

Kurz- und langfristige Potenziale von Tagreinigung:

Mögliche Vorteile für KundInnen-Unternehmen:

  • Sicherheitsbedenken können ausgeräumt werden (z. B., dass jemand allein im Gebäude ist oder der Schlüssel weitergegeben werden muss).
  • Akute Reinigungserfordernisse untertags können unmittelbar erledigt werden (z. B., wenn etwas ausgeschüttet oder zerbrochen wurde).
  • Missverständnisse oder Anliegen können auf kurzem Weg geklärt werden.
  • Die Belegschaft sieht, dass sich das Unternehmen um das Gebäude, die Hygiene, das Wohlbefinden der MitarbeiterInnen kümmert.
  • Energie kann gespart werden (Licht, Heizung).
  • KundInnen-Unternehmen und Reinigungskräfte kennen einander; es entsteht Vertrauen.
  • Elemente aufwändigerer Grund- und Sonderreinigungen können teilweise in den Arbeitstag integriert werden; dadurch sind weniger Aufträge für Grundreinigungen erforderlich.

Mögliche Vorteile für Reinigungsunternehmen:

  • Probleme, Personal zu finden, verringern sich.
  • Die Zufriedenheit von MitarbeiterInnen wird erhöht, die Fluktuation gesenkt.
  • Krankenstände können durch die weniger belastenden Arbeitszeiten zurückgehen.
  • Es können neue Leistungsangebote gemacht werden (weitere Reinigungsservices untertags).
  • Beschwerden der KundInnen-Unternehmen nehmen ab, weil viele Anliegen direkt vor Ort geklärt werden können.
  • Organisation und Administration werden erleichtert (Management von Krankenständen, Organisation von Anfahrten, Koordination von Dienstplänen).
  • Die Beschäftigten mit Führungsverantwortung auf operativer Ebene (VorarbeiterInnen, ObjektleiterInnen) werden entlastet, weil sie weniger Beschäftigte koordinieren müssen.
  • Langfristig kommt es zu besseren Arbeitsbedingungen, stärkerer Sichtbarkeit und höherer Anerkennung – und dadurch auch zu einer Verbesserung des Images der Branche.

Mögliche Vorteile für Beschäftigte:

  • Die Arbeitsbedingungen, die Zufriedenheit und die Lebensqualität verbessern sich.
  • Die Sichtbarkeit und in der Folge auch die Anerkennung der Arbeit steigen.
  • Reinigungskräfte sind an ihrem Arbeitsplatz weniger isoliert, es kommt zu mehr sozialem Austausch.
  • Für Reinigungskräfte, die noch nicht gut Deutsch sprechen, ergeben sich Möglichkeiten, am Arbeitsplatz Deutsch einzusetzen.
  • Geteilte Dienste und die damit verbundenen Belastungen entfallen.
  • Die Anfahrtswege pro Tag reduzieren sich; es kommt zu Zeitersparnis und Erleichterungen.
  • Die Anfahrtswege finden zu angenehmeren Zeiten statt (Sicherheitsgefühl, Intervalle in öffentlichen Verkehrsmitteln).
  • Das Verhältnis von Erwerbsarbeit und unbezahlter Arbeit (Betreuungsarbeit, Hausarbeit) entspannt sich.
  • Das Verhältnis von Arbeit und Freizeit verbessert sich.
  • Es kommt zu Vorteilen für Familienleben, Privatleben, Partnerschaft und Sozialleben.

Mehrere Hebel in Bewegung setzen – auch Beschäftigte im KundInnen-Unternehmen tragen bei

Um zu mehr Tagesarbeitszeit in der Gebäudereinigung zu gelangen, lässt sich an verschiedenen Stellen ansetzen: am gesellschaftlichen Bewusstsein für die Bedeutung von Reinigungsarbeit, an der Personalpolitik in den Reinigungsunternehmen, an den Regelungen im Kollektivvertrag (etwa Zulagen für Wegzeiten) sowie an den Prozessen und Kriterien in der Auftragsvergabe. Von besonderer Wichtigkeit wäre hier, dass die öffentliche Hand bei ihrer Vergabe von Reinigungsaufträgen mit gutem Beispiel vorangeht.

Ein weiterer wichtiger Hebel ist die Haltung des jeweiligen KundInnen-Unternehmens und seiner Beschäftigten. Im Prinzip können alle Menschen, die in einem Gebäude arbeiten, das professionell gereinigt wird, zu Verbesserungen der Arbeits- und Lebensqualität von ReinigerInnen beitragen. Wie? Indem die Arbeit der Reinigungskräfte im Unternehmensalltag mitbedacht und das Reinigungspersonal sozial eingebunden wird, indem in den KundInnen-Unternehmen Veränderungen in Richtung Tagreinigung angestoßen werden und indem auch die MitarbeiterInnen solchen Veränderungen mit Offenheit begegnen. So ist es in Norwegen beispielsweise gang und gäbe, dass man eine kurze Pause macht oder sich einen Kaffee holt, wenn die Reinigungskraft ein paar Minuten den eigenen Arbeitsplatz reinigt. Das Thema Tagreinigung wird auch eines der zentralen Themen beim „Tag der Reinigung“ am 15. Juni sein, rund um den in diesem Jahr im Rahmen der EU-Kampagne „Gesunde Arbeitsplätze – entlasten DICH!“ eine Reihe von Aktivitäten stattfinden wird.

Reinigungsarbeit wurde in der Corona-Krise als systemrelevante Tätigkeit erkannt – gebracht hat ihr das bisher wenig. Tatsächlich schneidet die Reinigungsbranche auch im Vergleich zu allen anderen systemrelevanten Berufen sehr schlecht ab, wie spezielle Auswertungen der letzten Zeit zu Löhnen sowie zu Beschäftigungsbedingungen und Berufsprestige in den systemrelevanten Tätigkeiten in Österreich zeigen. Neben einer Aufwertung der Arbeit und entsprechenden generellen Lohnerhöhungen ist eine Verbesserung der Arbeitszeiten geboten, um die unverzichtbare und benachteiligte Beschäftigtengruppe der Reinigungskräfte, die vielfach kaum ihren Lebensunterhalt sichern kann, wertzuschätzen und zu unterstützen – gerade in der aktuellen Krise.


Dieser Beitrag basiert auf veröffentlichten und unveröffentlichten Ergebnissen aus dem Forschungsprojekt SPLITWORK (Split Shifts and the Fragmentation of Working Lives), Austrian Science Fund (FWF): V-598, und auf weiteren Publikationen der Autorin und KollegInnen zur Reinigungsbranche.

Titelbild: Karolina Grabowska von Pexels

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