Reinigungsbranche – Beschäftigte unter Druck

Um in der Reinigungsbranche arbeiten zu können, müssen Menschen in Österreich kaum formale Qualifikationen mitbringen. Zugleich ist die Tätigkeit oft herausfordernd und mit vielen Belastungen und Problemen verbunden. So arbeiten knapp zwei Drittel der Frauen in Teilzeit, häufig mit wenigen Wochenstunden.

Von Bettina Stadler (A&W-Blog)

Zugleich wünschen sich in der Reinigung besonders viele ArbeitnehmerInnen mehr Wochenstunden. Die Arbeit fällt oft am Tagesrand an, mit allen Problemen der Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben. Gearbeitet wird an unterschiedlichen Orten, die Einbindung in die Firma ist oft gering, das zeigt auch die hohe Fluktuation. Zugleich ist die Bezahlung in der Reinigung besonders niedrig.

Auswirkungen des harten Wettbewerbs auf Arbeitsbedingungen

Die Reinigungsbranche verdankt ihre Etablierung als eigener, wichtiger Wirtschaftszweig der Auslagerung von Unternehmensaufgaben an externe Unternehmen, mit dem Ziel, Kosten zu senken. Die Idee der Kosteneinsparung stand bei der Beauftragung von externen Anbietern für die Reinigung, z. B. von Büros, Gebäuden oder der Zimmer eines Hotels, bereits am Anfang der Branchenentwicklung. Auch heute noch herrscht ein harter Wettbewerb, und meist kommen die Billigstbieter zum Zug.

Eine Studie der Forschungs- und Beratungsstelle Arbeitswelt (FORBA) hat sich mit den Arbeitsbedingungen und den Beratungs- und Rechtsschutzanliegen der ArbeitnehmerInnen in der Reinigungsbranche beschäftigt. Die Gesamtergebnisse der Studie werden im Juni 2021 präsentiert und veröffentlicht.

Reinigung als Branche mit schwierigen Arbeitsbedingungen

Die Reinigungsbranche sticht in vielerlei Hinsicht als Branche mit vergleichsweise schlechten Arbeitsbedingungen hervor.

  • Hohe Teilzeitquote und Unterbeschäftigung

In der Reinigungsbranche ist der Anteil an Teilzeitbeschäftigten besonders hoch. Insgesamt arbeiteten in Österreich 2019 29 Prozent aller unselbstständig Beschäftigten in Teilzeit, in der Reinigung waren es ganze 46 Prozent. Noch höher ist dieser Anteil bei den Frauen: Mit 62 Prozent sind nahezu zwei Drittel der weiblichen Beschäftigten in Teilzeitarbeit. Der Anteil der teilzeitbeschäftigten Männer ist mit 14 Prozent in etwa gleich hoch wie jener in anderen Dienstleistungsbranchen.

Besonders viele Beschäftigte in der Reinigungsbranche – und dabei vor allem die so häufig teilzeitbeschäftigten Frauen – wünschen sich ein höheres Ausmaß an Normalarbeitsstunden. 17 Prozent der Frauen hätten gerne mehr Arbeitsstunden, das ist ein doppelt so hoher Anteil wie unter allen unselbstständig beschäftigten Frauen. Dieses Ergebnis ist auch deshalb auffallend, da teilzeitbeschäftigte Frauen häufig zögern, Wünsche nach mehr Arbeitsstunden zu formulieren. Vielfach werden die institutionellen Grenzen, wie etwa bei Kinderbetreuungsangeboten, die Betreuungspflichten gegenüber Kindern und Erwachsenen, die nur schwer delegiert werden können, sowie fehlende Angebote von Arbeitsstellen im Vorhinein mitbedacht und somit der Wunsch nach längeren Arbeitszeiten erst gar nicht formuliert.

Grafik: A&W-Blog

Tatsächlich werden von Beschäftigten in der Reinigung in vielen Wochen auch mehr Stunden als im Dienstvertrag vereinbart gearbeitet. Das erlaubt der Kollektivvertrag auch mit den vorgesehenen Durchrechnungszeiträumen. In der Praxis führt dies jedoch dazu, dass die Betriebe eine Verteilung der Arbeitsstunden anstreben, die möglichst zu keiner Bezahlung von Mehr- oder Überstundenzuschlägen führt. Gerade bei vielen Teilzeitbeschäftigten wechseln die Arbeitszeiten von Woche zu Woche. Diese schwankenden Arbeitszeiten und die monatliche Abrechnung der Arbeitsstunden haben zur Folge, dass ArbeitnehmerInnen häufig nicht erkennen können, ob ihre Arbeitszeit korrekt abgerechnet und alle angefallenen Arbeitsstunden angemessen bezahlt wurden.

  • Arbeit zu atypischen Zeiten

Die Arbeit in der Reinigung fällt sehr häufig zu den Tagesrandzeiten an, d. h. entweder in den frühen Morgenstunden oder am Abend. Oft werden Reinigungskräfte sowohl am Morgen als auch am Abend und häufig an verschiedenen Orten eingesetzt. Manchmal sind sie darüber hinaus bei unterschiedlichen Unternehmen beschäftigt. Das bedeutet in vielen Fällen lange Fahrzeiten und einen „zerrissenen“ Tagesablauf mit hohen zeitlichen und organisatorischen Kosten für vergleichsweise niedrig bezahlte Arbeitsstunden.

  • Hohe Fluktuation der MitarbeiterInnen zwischen Betrieben

Diese schwierigen Bedingungen für die Beschäftigten haben unter anderem zur Folge, dass die ArbeitnehmerInnen eine sehr geringe Bindung an die Unternehmen haben. Dies zeigt sich auch an der hohen Fluktuation in der Reinigungsbranche. Die mittlere Beschäftigungsdauer im Jahr 2019 war 44 Monate, ein Viertel der ArbeitnehmerInnen war 14 Monate oder kürzer beschäftigt. Im restlichen Dienstleistungsbereich sind die Beschäftigten 66 Monate im selben Betrieb, in der Produktion und der Landwirtschaft 71 Monate.

Grafik: A&W-Blog

Obwohl häufig der Arbeitgeberbetrieb gewechselt wird, bleiben viele Arbeit­nehmerInnen, auch wenn sie sich den Wechsel in eine andere Branche wünschen, über lange Zeit oder sogar ihr ganzes Berufsleben über in der Reinigungsbranche. Wechsel finden zwischen den Betrieben statt, ein Ausstieg aus der Branche gelingt nur wenigen.

  • Niedrige Einkommen in der Reinigung

Entsprechend dem Kollektivvertrag für die Denkmal-, Fassaden- und Gebäudereinigung liegen die Brutto-Stundenlöhne bei 11,43 Euro in der Lohngruppe 1 und bei 9,38 Euro in der Lohngruppe 6 (Stand 2021). Hinzu kommen Zuschläge für besonders gefährliche Arbeiten oder bei Infektionsgefahr. Auch Zuschläge für Mehr- und Überstunden und Nachtarbeit zwischen 20.00 und 6.00 Uhr sowie Feiertagsarbeit können hinzukommen.

Im Durchschnitt verdienen beschäftigte Frauen in der Reinigung monatlich netto inklusive anteiligem Weihnachtsgeld und Urlaubszuschuss in etwa 1.200 Euro, bei Männern sind dies in etwa 1.800 Euro (Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2018, ergänzt um Einkommensinformationen aus der Lohnsteuer). Diese Werte sind nicht um die wöchentliche Arbeitszeit korrigiert.

Für einen Vergleich der Einkommenshöhen zwischen verschiedenen Branchen eignen sich die Stundeneinkommen besser als die monatlichen Brutto- oder Nettoeinkommen. Auch hier zeigt sich, dass die Einkommen in der Reinigung deutlich unter den durchschnittlich in Österreich erzielten Einkünften liegen. Frauen verdienen im Median 10,50 Euro pro Stunde, Männer 11,30 Euro (Stand 2018).

Nettoeinkommen inklusive anteiligem Urlaubs- und Weihnachtsgeld
  Mittlere Netto-Monats-einkommen Mittlere Stunden-Einkommen
Frauen    
Gesamt 1.700 13,4
Reinigung 1.200 10,5
Dienstleistung ohne Reinigung 1.700 13,5
LW und Produktion 1.800 13,5
Männer    
Gesamt 2.300 14,7
Reinigung 1.700 11,3
Dienstleistung ohne Reinigung 2.300 14,7
LW und Produktion 2.300 14,8
Quelle: Mikrozensus-Arbeitskräfteerhebung 2018, Berechnungen des A&W-Blogs.

 

Reinigung während der COVID-19-Pandemie

Während des Lockdowns aufgrund der COVID-19-Pandemie wurden verschiedene Gruppen von ArbeitnehmerInnen vor den Vorhang geholt und in der Gesellschaft und in den Medien als HeldInnen der Krise gefeiert. Die Beschäftigten in der Reinigung wurden jedoch meist nicht erwähnt, obwohl die Krise gerade auch viele dieser ArbeitnehmerInnen vor große Herausforderungen gestellt hat.

Tatsächlich waren die Beschäftigten in der Reinigungsbranche, gemeinsam mit anderen Beschäftigten, von der COVID-19-Situation in vielfacher Weise betroffen. Die Reinigung „kritischer Bereiche“, wie etwa in Krankenhäusern und Supermärkten, gewann während der COVID-19-Krise noch mehr an Bedeutung und wurde in vielen Fällen herausfordernder.

Auf der anderen Seite wurde durch die Verlagerung vieler Bürotätigkeiten ins Homeoffice die Reinigung von Büroräumen obsolet. Manche Auftraggeber haben in dieser Situation Verträge mit Reinigungsunternehmen kurzfristig gekündigt. Leidtragende dieser Praxis waren am Ende die betroffenen ArbeitnehmerInnen. Andere Reinigungsbetriebe konnten die Regelungen zur Kurzarbeit nutzen und so die Beschäftigten im Unternehmen halten.

Unternehmen verdienen vor allem dann, wenn sie MitarbeiterInnen schlecht bezahlen oder schlechte Qualität liefern

Betriebe in der Reinigung stehen miteinander im Wettbewerb um Aufträge. Dieser wird nach wie vor überwiegend über den Preis ausgetragen. Der Preisdruck, der durch das zumeist geltende Billigstbieterprinzip entsteht, wird den ArbeitnehmerInnen aufgebürdet. Um Geld zu verdienen, wird bei den MitarbeiterInnen eingespart, und ihnen zustehende Ansprüche werden immer wieder nicht erfüllt.

Da muss man wirklich etwas ändern. Und da liegt es einerseits an den Auftraggebern, die nicht nur sozusagen nach dem Billigstprinzip agieren dürfen, und nur das, was notwendig ist, wird gemacht. Und auch der, der anbietet, also, ich glaube, auch die Firmen selbst müssen lernen, ihre Arbeit besser zu verkaufen. (Interview 1)

Die Corona-Pandemie hat gezeigt, wie wichtig Hygiene und damit qualitätsvolle Reinigung der unterschiedlichsten Bereiche ist. Diese Tätigkeiten müssen endlich auch wertgeschätzt und so abgegolten werden, dass mit einer Tätigkeit in diesem Bereich ein gutes Leben möglich ist.


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