Wenn die (sogenannten) Verrückten einmal Recht haben

Eine Kritik am pauschalen Gebrauch des Begriffes Verschwörungstheorie.

Ein Gastbeitrag von Max Sternbauer

Begriffe können im Laufe einer Debatte eine nervige Eigenschaft entfalten: diese Debatte abzubremsen oder gleich ganz abzustellen.

Am Schluss redet man nicht mehr über das Problem, was dieser ja eigentlich nur etikettieren soll, sondern nur noch über das Etikett.

Ein kurzes Wort, dessen bloße Nennung schon ausreicht, um bei Politik-begeisterten Menschen Assoziationsketten auszulösen, die einem das Wochenende versauen, soll das illustrieren: Israel.

Man braucht es nur zu erwähnen, und schon rattern die Gedanken im Kopf und stellen Fragen: Warum schreibt er das, auf welcher Seite steht er, welchen doofen Vergleich will er damit ausdrücken?

Ein, meiner Meinung nach, besonders unnützer Begriff, ist jener der Verschwörungstheorie. Wenn dieses Wort fällt, ist im Grunde die Debatte, egal zu welchem Thema, auch schon wieder vorbei und man kann nach Hause gehen.

Seit ein paar Jahren beschäftige ich mich mit dem Thema und wollte schon öfter darüber schreiben, war aber jedes Mal an dem gleichen Problem gescheitert: wo anfangen? Und, aus welcher Perspektive soll man welches Problem angehen, weil das Thema doch sehr umfangreich ist.

Da kam mir ein Video zu Hilfe, dass der Falter in den letzten Wochen hochgeladen hatte. In der von Raimund Löw geleiteten Debatte, wurde darüber gesprochen, welche Gefahren von Verschwörungstheorien ausgehen würden.

Anwesend waren: der Europaabgeordnete Lukas Mandl, die Journalistin Nina Horaczek, die  Expertin für Verschwörungstheorien Julia Ebner und Marton Gergely, Journalist aus Ungarn.

Es war eine interessante Debatte, von Leuten, die Ahnung von der Thematik haben, nur war mir aufgefallen, dass der Fokus der Gespräche einem Gang durch einen bunten Gemüsegarten glich; es waren nämlich gleich mehrere Verschwörungstheorien auf einmal abgehandelt worden. Also rechtsextremistische Verschwörungstheorien des Bevölkerungsaustausch, oder Gruselmärchen betreffend der Corona-Impfungen.

Um besser verständlich erklären zu können, woher meine Irritation kommt, möchte ich einen anderen Begriff verwenden: Extremismus.

Jetzt stellen wir uns mal vor, die Falter-Runde hätte den Titel getragen: „Extremismus, Herausforderung für die Demokratie?“

Da wäre mein erster Gedanke gewesen, ja was für einen Extremismus? Denn, davon gibt es ganz schön viele. So ähnlich sieht es auch bei Verschwörungstheorien aus. Welche will man denn kritisieren?

Warum wird der Begriff Verschwörungstheorie, aus meiner Sicht, so oft pauschal verwendet?

Weil er im Grunde recht praktisch ist, man klebt das Etikett wo dran, und schon muss man sich nicht mehr groß damit auseinandersetzen.

Was ich für einen großen Fehler halte, der leider viel zu oft begangen wird. Jemand kann Blödsinn über die Terroranschläge auf das World Trade Center schreiben UND muss kein Klimaleugner sein. Aber, wenn man dieser Person das Wort Verschwörungstheoretiker_in verpasst, dann scheint alles schon gesagt zu sein.

Ein fataler Punkt, den auch Experten_innen von Verschwörungstheorien gerne machen, ist auch, sich von ihrem Standpunkt aus viel zu sicher zu fühlen.

Das schreibt einer komisches Zeug über die Impfung, dann muss er auch ein Klimaleugner sein und am besten gleich auch Antisemit. Sehr gut, Auftrag erfüllt, wir können nach Hause gehen. Eben nicht und das zeigt eine Person ganz gut.

Nehmen wir z. B. Ken Jebsen, für viele eine Reizfigur.

Ich habe gerne seine Beiträge konsumiert, hauptsächlich um mir ein Bild  von einem anderen Meinungsspektrum malen zu können. Vor einiger Zeit wurde KenFm (Der Kanal Jebsens) von YouTube verbannt.

Für viele war das ein Grund zum Feiern, für mich nicht, was nicht bedeutet, dass ich diesem Mann den Ölzweig reichen will.

Ich finde, dass eine solche Löschung ein falsches Signal abgibt, denn es aus der Sicht von KenFm wird damit ein wichtiger Punkt bestätigt: dass sich die Bundesrepublik zu einer Diktatur entwickelt. Für viele andere Medienschaffende mag dieses Argument komplett Banane sein, aber das gehört eben auch zum Geschäftsmodell von Ken Jebsen.

Sein Kanal lebt von einer Sache sehr gut, nämlich davon, dass er sich als Robin Hood darstellen kann, der gegen die bösen Konzerne und Regierungen ankämpft. Und dieses Narrativ wäre dann schnell verpufft, wenn z. B. das ZDF dazu übergehen würde, Ken Jebsen zu Diskussionen einzuladen.

Wenn dann wieder das Argument um die Ecke kommt, dass man solchen Leuten keine Bühne bieten soll, dann muss man leider einwenden, dass sie schon ihre Bühne haben. Und wenn man ihre Kanäle und Twitter-Accounts sperrt, dann versperrt man sich eine Chance mit den Zusehern dieser Inhalte in Kontakt zu treten.

Ich bin nicht der Ansicht von Ken Jebsen, in keinem Punkt. Aber gerne würde ich mich mal auf eine Diskussion mit ihm treffen. Was dann passieren könnte, wäre dass man von mir ein Statement einfordert, warum ich mich auf dieses Gespräch habe eingelassen. Aber halt, es könnte noch besser kommen. Wenn ich dann einige Zeit später mit einer anderen Person diskutiere, müsste sich dann diese Person eventuell dafür rechtfertigen, mit dem Typen geredet zu haben, der mit Jebsen geredet hat.

Ich halte es also für grob fahrlässig, wenn der Begriff Verschwörungstheorie allzu pauschal eingesetzt wird.


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Titelbild: Comfreak von Pixabay 

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