Teuerung bringt Hochschulfinanzierung zum Wackeln

Labore, Hörsäle, Bibliotheken: Die zentralen Einrichtungen der Hochschulen benötigen viel Energie, um den Studierenden und Forscher:innen zur Verfügung zu stehen. Den steigenden Kosten für Strom und Gas stehen bei den Hochschulen jedoch stagnierende Einnahmen gegenüber. Das birgt immense Herausforderung für die heimischen Universitäten und Fachhochschulen ab dem Herbstsemester: Wie kann der normale Studien- und Forschungsbetrieb an den Institutionen aufrechterhalten werden, während die Kosten für die Energie und vieles mehr steigen?

Von Anna Raith (A&W-Blog)

500 Millionen Euro fehlen für Normalbetrieb

Die Universitäten äußerten bereits ihre Befürchtungen im Frühjahr und sprachen von einer bevorstehenden Kostenexplosion. Die Finanzierung der Universitäten funktioniert über Leistungsvereinbarungen, die alle drei Jahre zwischen den einzelnen Institutionen und dem Wissenschaftsministerium abgeschlossen werden. In diesen Vereinbarungen ist auch die Finanzierung geregelt. Der letzte Abschluss liegt zeitlich nicht weit zurück (2022–2024) und brachte den Universitäten ein Plus von 12,5 Prozent an Finanzierung für die dreijährige Periode. Insgesamt liegt das Budget für diesen Zeitraum bei 12,3 Mrd. Euro. Und dennoch: Die Interessenvertretung der Universitäten uniko meldete vor Kurzem, dass etwa 500 Mio. Euro im Budget fehlen, um einen normalen Betrieb im nächsten Studienjahr zu erlauben. Das begründet sich laut uniko durch die gestiegenen Kosten bei Energie, Mieten und Personal.

Ähnlich sieht die Situation bei den Fachhochschulen aus: Hier meldete die Fachhochschulkonferenz vor Kurzem, dass die Einrichtungen vor finanziellen Schwierigkeiten stehen. Die Finanzierung der Fachhochschulen funktioniert – anders als bei den Universitäten – über die Anzahl der Studienplätze. Die einzelnen Institutionen erhalten für jeden Studienplatz eine Abgeltung. Die Höhe dieser Studienplatzfinanzierung wird im FH Entwicklungs- und Finanzierungsplan festgelegt. Ein neuer Plan ist für die Jahre 2023–2026 derzeit in Ausarbeitung. Um die Auswirkungen der Teuerung auszugleichen und die Qualität in der Ausbildung weiterhin zu sichern, fordern die Fachhochschulen eine Anhebung der Studienplatzfinanzierung ab dem 1.1.2023 um 20 Prozent.

Warme WG-Zimmer und kalte Bibliotheken?

In Deutschland startete bereits die Diskussion, die Hochschulen diesen Winter nicht komplett zu öffnen – dieses Mal nicht aufgrund von Corona, sondern als Reaktion auf die steigenden Energiekosten. Das Lehren und Studieren sollte – so der Vorschlag – wieder in die eigenen vier Wände der Studierendenheime und Wohngemeinschaften verlagert werden. Die Idee dahinter: Durch geschlossene Hörsäle, Mensen und Bibliotheken können Universitäten Energiekosten einsparen. Auf den ersten Blick ist es eine einfache und pragmatische Lösung. Nach vier Corona-Semestern in den vergangenen zwei Jahren sind bereits Erfahrungen im Umgang mit der Online-Lehre da und die Hochschulangehörigen haben sich daran gewöhnt. Doch Energiesparen durch Zusperren kann nicht die Lösung sein.

Einerseits, weil dadurch nur ein geringer Anteil der befürchteten Mehrkosten kompensiert werden kann. Andererseits, da die Heiz- und Energiekosten dadurch lediglich verlagert werden, und zwar in den privaten Raum. Wenn Studierende länger zu Hause sind, sich per Computer in Lehrveranstaltungen einklinken und die Heizkörper in den Zimmern höherdrehen, dann müssen sie die Mehrkosten dafür selbst tragen. Dies ist vor allem für jene jungen Menschen besonders schwierig, die bereits davor ein enges Budget hatten. Zudem wissen wir, dass die Pandemie die Einkommen von Studierenden stark negativ beeinflusst hat. Im November des Vorjahres ergab eine Studie der AK und ÖH, dass ein Fünftel der Studierenden Schwierigkeiten mit den laufenden Ausgaben hatte. Diese Situation hat sich in den letzten zehn Monaten nur bedingt entschärft.

Zudem ist klar: Nicht alles, was an Hochschulen passiert, kann durch digitale Lehre ersetzt werden. Durch gute Lernkonzepte kann ein Teil des Lehrens und Lernens in den digitalen Raum verlegt werden. Die Anwesenheit am Campus und damit die Möglichkeit des Austauschs mit Studienkolleg:innen und Lehrenden ist allerdings ein zentraler Aspekt des Lernens außerhalb der Lehrveranstaltungen. Die Hochschulen sollen besonders in Krisenzeiten ein Ort des Austauschs und des kritischen Denkens bleiben.

Fachkräfte von heute und morgen sichern

Die finanzielle Absicherung der Hochschulen ist auch notwendig, um den Wissenschaftsstandort Österreich aufrechtzuerhalten. Die Forschung und Lehre an den Hochschulen werden durch hochqualifizierte Fachkräfte durchgeführt, die auch international stark nachgefragt sind. Ohne einen finanziellen Ausgleich der Mehrkosten durch die Teuerung stehen den Hochschulen unumgängliche Konsequenzen bevor – allen voran ein Aufnahmestopp beim Personal. Sollten Bestellungen von Professuren eingestellt und Verträge von Wissenschaftler:innen nicht verlängert werden, hat dies Auswirkungen auf die Qualität der Lehre und mittelfristig Konsequenzen für die Attraktivität Österreichs als Standort für exzellente Wissenschaft. „Alle Maßnahmen, die wir als Universitäten ergreifen können, sogar wenn wir strukturelle Schäden in Kauf nehmen, werden nicht ausreichen“, warnte Sabine Seidler, Rektorin der Technischen Universität Wien.

Zudem sind die Universitäten und Fachhochschulen der Ort, an dem die zukünftigen Fachkräfte ausgebildet werden. Ein Sparen bei der hochschulischen Aus- und Weiterbildung kann die derzeit gestiegene Nachfrage nach Fachkräften in verschiedenen Branchen mittel- und langfristig noch verschlimmern.

Kein verlorenes Geld

Ausgaben im Bildungsbereich sind kein verlorenes Geld, sondern Investitionen in die Zukunft. Hochschulische Bildung und Ausbildung sichert unseren sozialen Zusammenhalt, trägt zur politischen Teilhabe der Jugendlichen und jungen Erwachsenen bei, bietet wissensbasierte Antworten auf die multiplen Krisen, in denen wir uns befinden, und stützt langfristig den gesellschaftlichen Wohlstand. Die Hochschulen tragen ebenso zur Bewältigung der Krisen bei: Hier werden die sozialen, ökologischen und wirtschaftlichen Auswirkungen diskutiert und es wird Evidenz über kurz-, mittel- und langfristige Handlungsoptionen zur Bewältigung geschaffen. Daher benötigt es besonders jetzt eine krisenfeste Finanzierung aller Hochschulen, die den Forschungs- und Lehrbetrieb sicherstellt.


Dieser Beitrag wurde am 22.09.2022 auf dem Blog Arbeit & Wirtschaft unter der Creative-Commons-Lizenz CC BY-SA 4.0 veröffentlicht. Diese Lizenz ermöglicht den NutzerInnen eine freie Bearbeitung, Weiterverwendung, Vervielfältigung und Verbreitung der textlichen Inhalte unter Namensnennung der Urheberin/des Urhebers sowie unter gleichen Bedingungen.

Titelbild: Dom Fou auf Unsplash

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