Die europäische Kulturpolitik als Weg zur Völkerverständigung
Rede beim Festakt „45 Jahre INTERNATIONAL“ im Palais Niederösterreich.
Von Robert Alagjozovski, Skopje (Zeitschrift INTERNATIONAL, Heft II/2026)
Anlässlich des 45-jährigen Jubiläums des Magazins INTERNATIONAL möchte ich europäische Kulturpolitik in den Fokus rücken. Diese ist heute eine der wichtigsten Rahmenbedingungen für den Aufbau internationalen Verständnisses. Indem wir den Ansatz der Europäischen Union zur internationalen kulturellen Zusammenarbeit und nicht zu den internationalen Kulturbeziehungen reflektieren, unterstützen wir methodisch den kulturzentrierten Ansatz, den dieser Begriff impliziert. Es gibt auch einen persönlichen Hintergrund für eine solche Haltung, da sich meine berufliche Laufbahn durch die europäische kulturelle Zusammenarbeit und die Mechanismen, die diese ermöglichen, entwickelt hat. Künstler, Kulturschaffende und Studierende (mich eingeschlossen) bewegen sich durch Programme wie „Kreatives Europa“ und „Erasmus+“ quer durch Europa.
Die Bemühungen der Europäischen Union, Kultur in ihre Außenbeziehungen zu integrieren, stellen einen Versuch dar, Werte zu vermitteln, Partnerschaften aufzubauen und den Dialog in einer Welt zu fördern, die zunehmend von geopolitischem Wettbewerb geprägt ist. Im Gegensatz zu traditionellen Konzepten wie Kulturdiplomatie oder internationalen Kulturbeziehungen, die oft mit nationalen Interessen verknüpft sind, betont die europäische Kulturpolitik den intrinsischen Wert der Kultur. Sie ermöglicht es Kulturschaffenden und Künstlern, frei zu agieren und den kulturellen Austausch auf der Grundlage ihres eigenen Verständnisses und ihrer eigenen Praxis zu gestalten. Um dies zu erreichen, war die Entwicklung des strategischen Ansatzes der EU für internationale kulturelle Zusammenarbeit (Beziehungen) natürlich schrittweise und kumulativ. Zwar gab es bereits früher kulturelle Initiativen, doch erst im letzten Jahrzehnt begann sich ein kohärenter politischer Rahmen abzuzeichnen. Der wichtigste Meilenstein ist die Gemeinsame Mitteilung von 2016 „Auf dem Weg zu einer EU-Strategie für internationale Kulturbeziehungen“, in der ein wechselseitiger Prozess des kulturellen Austauschs befürwortet wurde, bei dem sowohl die europäischen Gesellschaften als auch die Partnersellschaften voneinander lernen. Das Dokument umriss das Bestreben der EU, Kultur in den Mittelpunkt ihrer Außenbeziehungen zu stellen. Es hob mehrere Leitprinzipien hervor: Dialog und gegenseitigen Respekt zwischen den Kulturen, zwischenmenschliche Begegnungen, gemeinsame Gestaltung und Zusammenarbeit mit lokalen Partnern sowie die Förderung der kulturellen Vielfalt. Die Verabschiedung der Neuen Europäischen Agenda für Kultur im Jahr 2018 stärkte diese internationale Dimension der EU-Kulturpolitik. Die Zusammenführung von Perspektiven aus verschiedenen Ländern ermöglicht es uns, ein gemeinsames Verständnis davon zu entwickeln, was Kultur ist und welchen Beitrag sie in einer globalisierten Welt leisten kann. Dieser Ansatz positioniert Institutionen nicht als Kontrollinstanzen, sondern als Wegbereiter kultureller Zusammenarbeit. Er ermöglicht es der Kultur, als Ort der Begegnung zu fungieren, anstatt als Instrument politischer Strategie.
Kulturelle Zusammenarbeit spielt eine entscheidende Rolle dabei, Gesellschaften zu helfen, Vielfalt zu verstehen, in einen Dialog zu treten und Vorurteile zu überwinden.
Sie schafft Möglichkeiten für gemeinsame Erfahrungen und fördert grenzüberschreitendes Vertrauen. Der kürzlich verstorbene bulgarische Soziologe Ivaylo Ditchev erzählte in einem seiner Essays eine Anekdote. Während er gemeinsam mit seinen ex-jugoslawischen Kollegen an vielen Balkan-Konferenzen teilnahm, fragte er sich immer wieder: Wie kommt es, dass die Kroaten, Serben, Slowenen und Bosnier – nach solch verheerenden Kriegen – es dennoch schaffen, eine bessere und unmittelbare persönliche Verbindung aufzubauen als er, der, so neutral und mit der richtigen Einstellung er auch sein mag, nicht ohne Weiteres in den Kreis aufgenommen wird und länger ein Außenseiter bleibt. Er führte diese Situation auf die gelebte Erfahrung, den gemeinsamen kulturellen Raum, die Spuren früherer Zusammenarbeit und das tief verwurzelte Vertrauen zurück, das in manchen Fällen sogar über die zerbrochenen Kriegsbeziehungen hinwegreichte.
In vielen europäischen Projekten sind die Künstler:innen und Kulturakteur:innen nicht nur Schöpfer:innen, sondern auch Vermittler:innen sozialer Interaktion und Verständigung. Sie fungieren als Vermittler:innen zwischen verschiedenen Gruppen. Sie helfen Gesellschaften, über kritische, oft spaltende Themen wie persönliche oder kollektive Identitäten nachzudenken. Mit ihrer kritischen Stimme hinterfragen sie Stereotypen und Vorurteile. In ihren Projektszenarien agieren sie als soziale Innovator:innen und können oft alternative Zukunftsvisionen entwerfen, wenn andere gesellschaftliche Akteure, einschließlich der Politik, zu sehr in ihren Denkmustern gefangen sind, um solche Ideen auf den Tisch zu bringen. Gemeinschafts- und partizipative Kunstprojekte stärken den sozialen Zusammenhalt und unterstützen die Inklusion marginalisierter Gemeinschaften, Migranten:innen und verschiedener sozialer Gruppen innerhalb der Gesellschaften. Sie sind es, denen es stets an ausreichender Integration mangelt und die mit diversen Ungleichheiten konfrontiert sind. In dem zunehmend polarisierten und instabilen globalen Umfeld von heute steht die Kulturpolitik vor erheblichen Herausforderungen. Politische Akteure distanzieren sich oft von gemeinsamen Werten. In meiner langjährigen Rolle als nationaler Koordinator für Interkulturalismus und sozialen Zusammenhalt wurden unsere Strategien sofort in Frage gestellt, wenn selbst kleine Zwischenfälle wie interethnische Auseinandersetzungen in öffentlichen Bussen unter Schulkindern auftraten.
In Zeiten großer Unruhen oder demokratischer Rückschritte ist es wichtig, widerstandsfähig zu bleiben und unsere Ziele und Strategien noch beharrlicher zu verfolgen.
Es mangelt nach wie vor an ausreichenden Mitteln für eine sinnvolle internationale Zusammenarbeit, und der Schwerpunkt liegt weiterhin zu sehr auf staatlich geführten Institutionen, anstatt unabhängige Akteure und Organisationen zu stärken. Mit diesem Ansatz läuft die kulturelle Zusammenarbeit Gefahr, auf institutionelle Rahmenbedingungen reduziert, anstatt von der Zivilgesellschaft vorangetrieben zu werden. Ein weiteres Problem ist der ungleiche Zugang zu Ressourcen. Kleinere Organisationen und Künstler:innen haben oft Schwierigkeiten, Zugang zu europäischen Fördermitteln zu erhalten. Dabei geraten sie häufig in eine Art Teufelskreis: Um für größere Fördermittel in Frage zu kommen, müssen sie ihre institutionelle und finanzielle Leistungsfähigkeit nachweisen, doch ohne vorherige Unterstützung können sie diese nicht erreichen. Daher verläuft ihre Entwicklung zu langsam, um ihre Vision zu verwirklichen. Dies führt dazu, dass sich die kulturelle Zusammenarbeit ausschließlich auf gut ausgestattete Institutionen konzentriert. Da ich aus einem Land einer Region stamme, die sich noch im Übergang zur vollständigen Demokratie befindet, bin ich mir der kulturellen Ungleichheiten in Europa sehr wohl bewusst. Ich kenne die vielen Unterschiede zwischen den kulturellen Infrastrukturen in West-, Mittel- und Südosteuropa. Gleichzeitig bleibt die Rolle der Europäischen Union in der Kulturpolitik begrenzt, da die Mitgliedstaaten diesen Bereich weiterhin dominieren. Dies führt sehr oft dazu, dass Institutionen und zivilgesellschaftliche Organisationen politischem Druck ausgesetzt sind, insbesondere wenn nationalistische Narrative an die Macht kommen. Jeder Widerstand gegen solche Regime kann zu einer Kürzung der Mittel und einer Einschränkung der Möglichkeiten für internationale Zusammenarbeit führen. Die Stärkung der Kapazitäten der EU im Bereich der kulturellen Beziehungen ist daher unerlässlich.
Kulturelle Zusammenarbeit schafft Vertrauen und knüpft dauerhafte Verbindungen zwischen Gesellschaften.
Ich erinnere mich an ein frühes und bis heute bestehendes Beispiel für die verbindende Kraft der Kultur aus meinem Land. Es handelt sich um das berühmte Struga-Lyrikfestival, das während des Kalten Krieges ins Leben gerufen wurde. Es war einer der wenigen Orte, an denen sich Dichter und Kulturschaffende aus verschiedenen geopolitischen Blöcken treffen und austauschen konnten. Später, in den 1990er-Jahren, als sich die Beziehungen zwischen der Republik Mazedonien und Griechenland verschlechterten, waren es erneut einflussreiche Intellektuelle und Dichter, die an diesem Festival teilnahmen, Offenheit und die Fähigkeit zum gegenseitigen Verständnis zeigten und so die gesellschaftspolitischen Spannungen abbauten.
Solche Initiativen zeigen, wie Kultur selbst in Zeiten der Spaltung einen Dialog schaffen kann – und wie kreative Menschen das kulturelle Gedächtnis und die Verbundenheit weiterführen können. Die europäische Kulturpolitik hat das Potenzial, als wichtiger Motor der internationalen Zusammenarbeit zu wirken – über Regionen, Gesellschaften und politische Grenzen hinweg. Ihre Rolle zu stärken bedeutet, in Frieden, in Menschen, in Dialog und in gemeinsame kulturelle Räume zu investieren. In diesem Sinne ist Kultur kein Nebenschauplatz, sondern eine zentrale Säule der demokratischen und internationalen Entwicklung.
Robert Alagjozovski ist international tätiger Kulturvermittler, Autor und ehemaliger Kulturminister von Nordmazedonien
Titelbild: © Dolf Andel (Zeitschrift INTERNATIONAL)

