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„Tausend und ein Morgen“

Der (atomare) Wahnsinn nimmt zu!

Von Werner Wintersteiner

Voriges Jahr haben wir zum Hiroshima und Nagasaki-Gedenktag vor der Zunahme der Kriegsgefahr und speziell der Atomkriegsgefahr gewarnt: Wir haben erwähnt, dass die sogenannte „Weltuntergangsuhr“ auf 89 Sekunden vor zwölf steht – der bisherige Rekord. Zu Jahresbeginn 2026 wurde die Uhr nochmals um 4 Sekunden auf 85 Sekunden vor Mitternacht vorgestellt. So nah am Weltuntergang wie noch nie. Äußerst beunruhigend!

Was ist seither passiert?

Ungeheuerliches, und das gleich vielfach. Ich greife vier Fakten heraus:

FAKT 1: Krieg der Atommächte USA und Israel gegen den Iran

Die größte Atommacht der Welt, die einzige, die bislang die Atombombe auch eingesetzt hat, hat den Iran, der keine Atomwaffen besitzt und öffentlich verkündet, keine besitzen zu wollen, massiv angegriffen und Tausende Zivilisten ermordet – alles um angeblich zu verhindern, dass der Iran die Bombe entwickeln kann. Und dieser Krieg ist, wie es scheint, zwar unterbrochen, aber keineswegs beendet.

Über den Schaden für die Weltwirtschaft nach der Sperre der Straße von Hormuz wird aufgeregt diskutiert. Doch wir in Europa spüren die Auswirkungen einstweilen hauptsächlich an den Zapfsäulen, auch wenn das wohl erst der Anfang ist. Über den Schaden für den Weltfrieden, für die Umwelt, für unser aller Zukunft spricht hingegen niemand.

Die Welt hat zugesehen, wenige Länder haben diesen völkerrechtlich absolut ungerechtfertigten Krieg kritisiert, die meisten (europäischen) Staaten haben schweigend zugestimmt, etliche Kommentatoren haben diesen Krieg sogar als Versuch der Befreiung des iranischen Volkes von der Tyrannei gefeiert. In den österreichischen Medien wird er inzwischen „wertfrei“ kommentiert: Es geht um die Erfolgschancen der USA oder der Mullahs. Dass dieser Krieg absolut völkerrechtswidrig ist, dass damit die Barrieren gegen Krieg als politisches Mittel weiter eingerissen werden, wird nirgends erwähnt.

Es ist eine bittere Ironie, dass Atommächte, die alle Verträge, die die Atomgefahr eindämmen, gekündigt oder haben auslaufen lassen nun im Namen des „Kampfs gegen die Atomgefahr“ (des Irans) Krieg führen, und die Welt sieht zu oder applaudiert sogar.

FAKT 2: Gefahr der Weiterverbreitung von Atomwaffen

Am 5. Februar 2026, also vor einem halben Jahr, ist der sogenannte New-START-Vertrag zwischen den USA und Russland zur Begrenzung strategischer Atomwaffen ausgelaufen. New START hatte für beide Seiten die Anzahl von Atomsprengköpfen auf 1.550 und die Zahl der Trägersysteme auf 800 begrenzt. Damit ist auch das letzte Abkommen zur Eindämmung von Atomwaffen Vergangenheit. Die Gefahr eines neuen Wettrüstens steigt, und vor allem das Risiko der Weiterverbreitung der Bombe.

Die USA sind beispielsweise gerade dabei, mit Saudi-Arabien einen Atomvertrag abzuschließen, der es dem Land erlauben würde, Atomkraftwerke zu bauen – aber ohne jeden Kontrollmechanismus, ob das Land nicht auch eine Atombombe entwickeln wird. Und die Saudis haben bereits angekündigt, sie würden die Bombe sofort bauen, falls der Iran eine entwickelt… Ein Spiel mit dem Feuer!

FAKT 3: Scheitern der Konferenz zum Atomwaffen-Sperrvertrag

Im Mai dieses Jahres hat sich nochmals die Doppelmoral der meisten Staaten gezeigt. Anlass war die UN-Überprüfungskonferenz zum Atomwaffensperrvertrag. Das ist der Vertrag, der die Weiterverbreitung von Atomwaffen verhindern soll. Dort wurde der russische Angriff auf die Ukraine gebrandmarkt und der Iran wurde wegen angeblicher Verstöße gegenüber den Atominspektoren kritisiert. Doch niemand hat den kriminellen Krieg der USA und Israels gegen den Iran oder den Überfall auf Venezuela kritisiert. Insgesamt ist die Konferenz gescheitert. Die Staaten konnten sich auf keine gemeinsame Erklärung einigen. Und was vielleicht am meisten beunruhigt: Die Atomwaffenstaaten treiben vertragswidrig die atomare Aufrüstung und die Modernisierung ihrer Arsenale voran. Wie das neue Jahrbuch des Friedensforschungsinstituts SIPRI zeigt, steigt die Anzahl der militärisch genutzten Sprengköpfe und die Zahl der ständig einsatzbereiten Atomwaffen. Außerdem entwickeln die Atomwaffenstaaten – ebenfalls vertragswidrig – neue Modelle, um Nicht-Atomwaffenstaaten an Atomwaffen zu beteiligen, z.B. Deutschland an den Atomwaffen Frankreichs.

FAKT 4: Atomwaffen in Aviano

Und wir in Kärnten haben noch einen besonderen Grund, gegen Atomwaffen zu protestieren. In Aviano, nur 70 km Luftlinie von der Kärntner Grenze, sind auf dem US-amerikanischen Luftwaffenstützpunkt offenbar Atomwaffen gelagert. In einem Kriegs- oder Konfliktfall wäre die Nähe zu dieser Militärbasis auch für uns eine Bedrohung. Seit längerem kämpfen unsere italienischen Friedens-Freundinnen und -Freunde dagegen an, und sie haben kürzlich beim Gericht in Pordenone eine Anzeige bezüglich der Rechtswidrigkeit der Atomwaffen eingebracht. In einer Aussendung vom 25. Juli schreiben sie mit pathetischen Worten: „Das letztendlich anzustrebende Ziel ist die Entfernung der US-Atomsprengköpfe vom Stützpunkt Aviano. Ihre Anwesenheit stellt einen offenen Verstoß gegen unsere innerstaatliche und internationale Rechtsordnung dar, der angesichts der teuflischen Kriegswinde, die von der Ukraine bis nach Palästina wehen, die Existenz von Millionen von Menschen unmittelbar gefährdet.“

Ein Menetekel menschlicher Barbarei

Die Atombombe ist eines der extremsten Produkte menschlicher Barbarei: Dass sie überhaupt ersonnen wurde. Dass sie auch gebaut wurde. Dass sie eingesetzt wurde. Dass sie, trotz ihrer verheerenden ersten Wirkung, noch ein zweites Mal eingesetzt wurde. Dass es für diese beiden Abwürfe auf die Städte Hiroshima und Nagasaki niemals eine offizielle Entschuldigung, nicht einmal ein Bedauern, gab. Dass seither unzählige weitere und modernere Atomwaffen gebaut wurden. Dass heute alle Abkommen zur Begrenzung dieser mörderischen Waffen gekündigt worden oder ausgelaufen sind. All das macht Hiroshima und Nagasaki zugleich auch zu einem Symbol der menschlichen Barbarei.

Es ist aber eine Barbarei, die nicht einfach die Folge einer bösartigen menschlichen Natur ist, sondern deren Quellen konkret benannt werden können: Die Atombombe ist das Produkt einer westlichen, hoch technologisierten Gesellschaft, die auf Kapitalismus und der Maximierung des Profits beruht; die sich neokolonial über die Welt ausbreitet: die eine Kultur der Gewalt entwickelt hat und pflegt, derer sie sich selbst oft nicht bewusst ist; die ihre imperiale Lebensweise (auf Kosten der anderen) als eine selbstverständliche Voraussetzung guten Lebens betrachtet; einer patriarchalen Gesellschaft, die auf uralte schädliche Verhaltensweisen aufbaut; und vor allem einer habgierigen Gesellschaft, die meint, die Gattung Mensch aus der Natur vollkommen herausgelöst zu haben, um ihr die absolute und ungeteilte Herrschaft über alle anderen Lebewesen und die unbelebte Natur auf ewige Zeiten zu überantworten. Diese organisierte, moderne, technisch hochstehende, aber moralisch bankrotte Barbarei ist es, die uns inzwischen mehrfach der Gefahr der Selbstvernichtung aussetzt.

Aus der Logik der Bombe aussteigen

Warum gibt es keinen einhelligen Aufschrei gegen diese so gefährlichen Entwicklungen? Und gegen diejenigen, die diese Entwicklungen vorantreiben?

Immer noch wird jeder Aufschrei erstickt. Immer noch wird alles mit einer großen Decke zugedeckt. Diese Decke wird Sicherheit genannt. Um unsere Sicherheit zu gewährleisten, müssen wir aufrüsten, um unsere Sicherheit zu gewährleisten, müssen wir auch die atomare Aufrüstung weitertreiben. Kurz: Um Sicherheit vor Kriegen zu haben, müssen wir Krieg vorbereiten – so lautet die paradoxe Schlussfolgerung.

Was dabei unter den Tisch gekehrt wird:

Die Sicherheitslogik ist eine Rüstungslogik. Sie rechtfertigt jede Aufrüstung.

Die Rüstungslogik ist eine Kriegslogik. Sie rechtfertigt letztlich die Atomlogik.

Die Atomlogik aber ist eine Logik der Vernichtung und der Selbstvernichtung.

Wie lange werden wir Gefangene dieser Logiken bleiben? Wie lange werden wir die Zustände hinnehmen, wie sie sind? Wie lange werden wir akzeptieren, dass wir ins Verderben driften?

Bloß weil etwas passiert (aber es passiert ja nicht von selbst) und bloß weil niemand darüber spricht (aber die, die darüber sprechen wollen, dringen nicht zur Öffentlichkeit durch oder werden sogar daran gehindert), und bloß, weil wir uns schon daran gewöhnt haben (aber daran dürfen wir uns niemals gewöhnen), ist das alles noch lange nicht normal!

Wir müssen uns dagegen wehren, dass die Kriegsrüstung als alternativlos hingestellt wird. Wir müssen der Lüge entgegentreten, die uns diese Gefährdung als eine notwendige Maßnahme der Sicherheit verkauft. Es ist so, wie Papst Leo XIV. kürzlich gesagt hat:

„Man darf eine Aufrüstung, die Spannungen und Unsicherheit vergrößert, Investitionen in Bildung und Gesundheit schmälert, das Vertrauen in die Diplomatie widerlegt und Eliten bereichert, denen das Gemeinwohl gleichgültig ist, nicht Verteidigung nennen.“

Trotz alledem: Das Symbol der Hoffnung

Glücklicherweise gibt es Widerstand gegen diese Logik und gegen diese Politik, wenn er auch noch zu leise und zu schwach ist. So finden auf der ganzen Welt dieser Tage Gedenkveranstaltungen, Mahnwachen, Demonstrationen zur Erinnerung an die Atombombenabwürfe 1945 und gegen den heutigen Rüstungswahn, gegen die Kriegslogik und gegen den Krieg statt.

Und auch dieser kleine Kaki-Baum hier ist so ein Zeichen des Widerstands.

Er erzählt eine Geschichte: eine Geschichte voll Zerstörung und Verzweiflung, aber auch eine Geschichte von Widerstand und Hoffnung. Obwohl schwer getroffen, hat ein Kaki-Baum in Nagasaki wie durch ein Wunder den Atombombenabwurf im Jahre 1945 überlebt. Mit viel Mühe gelang es, den Baum wieder dazu zu bringen, Früchte zu tragen. Aus den Sämlingen dieser Früchte wurden neue Setzlinge gezogen und diese Abkömmlinge des Originalbaums wurden als Friedenssymbole auf der ganzen Welt verbreitet. Unser Baum ist ein originaler Abkömmling des Baumes aus Nagasaki.

Die weltweite Friedensbewegung gegen Krieg und Atomwaffen hat damit ein weiteres gemeinsames Bindeglied, eine weitere gemeinsame Ausdrucksform geschaffen.

Vor drei Jahren haben wir hier in Villach den ersten Kaki Baum in Österreich gepflanzt. Wir wollten damit ein starkes und permanentes Zeichen setzen – ein Zeichen des Friedens, der Hoffnung auf eine friedliche Zukunft, gegen Kriege und Gewalt und gegen Atombomben. Bei der Pflanzung war er noch so klein! Seht nur, wie er gewachsen ist! Es ist ein Baum, der – um mit Ingeborg Bachmann zu sprechen – „Tausend und ein Morgen“ verspricht!

Inzwischen gibt es nicht nur einen, sondern vier Kaki-aus-Nagasaki-Bäume in Österreich – in Wien, in Graz und seit 1. August auch in Bad Radkersburg, ebenso wie in unserer Umgebung in den Nachbarländern, z.B. in Nova Gorica in Slowenien oder in Triest in Italien.

Wir sind nicht allein

Es ist auch ganz wichtig, dass uns bewusst wird, dass wir nicht alleine stehen. Es gibt so viele Beispiele, die zeigen, dass die überwiegende Mehrheit der Menschheit das Verbot und die Vernichtung aller Atomwaffen möchte!

  • Beginnen wir mit dem Atomwaffenverbotsvertrag. Genau vor 10 Jahren, 2016, hat die UNO den ersten diesbezüglichen Beschluss gefasst. Der Vertrag, mit starker Unterstützung durch die österreichische Diplomatie zustande gekommen, ist 2021 in Kraft getreten. Bislang haben 99 Staaten, das ist mehr als die Hälfte aller Staaten der Welt, den Vertrag ratifiziert oder unterzeichnet, und 40 weitere gelten als Unterstützer.
  • Dann die Staaten, die auf ihre Atomwaffen freiwillig verzichtet haben: Südafrika, das im Zuge der Überwindung der Apartheid auch sein ganzes Atomwaffenprogramm aufgegeben hat. Ferner: die Ukraine, Belarus und Kasachstan, auf deren Territorium nach Auflösung der Sowjetunion Atomwaffen stationiert waren. Im Rahmen des Budapester Memorandums von 1994 gaben alle drei Länder ihre Waffen an Russland ab und traten dem Vertrag zur Nicht-Weiterverbreitung als Nicht-Kernwaffenstaaten bei.
  • Und schließlich: Es gibt eine beeindruckende Reihe von Atomwaffenfreien Zonen, die beinahe den gesamten globalen Süden umfassen:
    • Der Vertrag von Tlatelolco (1967), mit dem eine Lateinamerikanische Atomwaffenfreie Zone etabliert wurde.
    • Der Vertrag von Rarotonga (1985) für eine Atomwaffenfreie Zone im Südpazifik.
    • Der Vertrag von Bangkok (1995) für ein atomwaffenfreies Südostasien.
    • Der Vertrag von Pelindaba von 1996, der eine Afrikanische Atomwaffenfreie Zone eingeleitet hat, die 47 der 53 afrikanischen Staaten umfasst.
    • Sowie der Vertrag von Semipalatinsk von 2006 für Zentralasien.

Es gilt nun, aus dieser natürlichen Ablehnung der Atomwaffen, aus der verständlichen Abscheu vor Krieg, aus der gesunden Skepsis gegenüber einer sündteuren Aufrüstung, aus dem Wunsch nach einer intakten Umwelt, eine breite soziale Bewegung zu schaffen, die eine grundlegende Veränderung ermöglicht.

Wo sollen wir Hoffnung schöpfen für diese immense Aufgabe? Nicht zuletzt bei den Dichterinnen und Dichtern, die über den Horizont hinausschauen und deren Blick in die Zukunft gerichtet ist.

Ich schließe daher mit einem Gedicht von Ingeborg Bachmann, jener Dichterin, die wie kaum eine andere der Gewalt in allen ihren Formen, vor allem der männlichen Gewalt, nachgespürt hat und die dennoch nicht dabei stehen geblieben ist. Ihr Blick auf eine Symbiose aus Natur und Menschengesellschaft hat tatsächlich etwas Visionäres, zum Beispiel im Gedicht Freies Geleit. Es ist ein Gedicht, in dem sie sich in poetischer Form, aber doch eindeutig, gegen den Wahnsinn der Atomrüstung ausspricht und der menschlichen Hybris die bescheidene und glückvolle Einordnung in die Natur entgegenhält:

Mit schlaftrunkenen Vögeln
und winddurchschossenen Bäumen
steht der Tag auf, und das Meer
leert einen schäumenden Becher auf ihn:

Die Flüsse wallen ans große Wasser,
und das Land legt Liebesversprechen
der reinen Luft in den Mund
mit frischen Blumen.

Die Erde will keinen Rauchpilz tragen,
kein Geschöpf ausspeien vorm Himmel,
mit Regen und Zornesblitzen abschaffen
die unerhörten Stimmen des Verderbens.

Mit uns will sie die bunten Brüder
und grauen Schwestern erwachen sehn,
den König Fisch, die Hoheit Nachtigall
und den Feuerfürsten Salamander.

Für uns pflanzt sie Korallen ins Meer.
Wäldern befiehlt sie, Ruhe zu halten,
dem Marmor, die schöne Ader zu schwellen,
noch einmal dem Tau, über die Asche zu gehn.

Die Erde will ein freies Geleit ins All
jeden Tag aus der Nacht haben,
daß noch tausend und ein Morgen wird
von der alten Schönheit jungen Gnaden.

Wir, die wir uns hier versammelt haben, wir, die wir den Kaki-Baum als unser Symbol der Hoffnung für dauerhaften Frieden erkoren haben – wir setzen heute gemeinsam ein Zeichen, dass wir für „tausend und ein Morgen“ kämpfen!


aus: Rede von Werner Wintersteiner zum Hiroshima und Nagasaki-Gedenktag, Villach, 7. August 2026

Werner Wintersteiner ist Universitätsprofessor i.R. der Universität Klagenfurt und Gründer des Zentrums für Friedensforschung und Friedensbildung; Deutschdidaktiker und Friedenspädagoge. Neuestes Buch: Mehr Sicherheit ohne Waffen. Zur Aktualität von Hans Thirrings Friedensplan (Promedia 2025). Website: wernerwintersteiner.at


Titelbild: Weltuntergang vs. Hoffnung (Unsere Zeitung / KI-generiert mit Nano Banana Pro)

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