5 Jahre Herrschaft der Taliban in Afghanistan
Ein Bündnis zivilgesellschaftlicher Organisationen lud am vergangenen Dienstag (11.8.) zu einer Bestandsaufnahme und zu einem Ausblick auf die Folgen für die Menschen in Afghanistan und die internationale Gemeinschaft.
Von Dolf Andel
Seit August 2021 herrscht in Afghanistan eine islamistische Theokratie – das von den Taliban geführte Regime diktiert das private und öffentliche Leben nach seiner extremen Auslegung der Scharia. Neben der Unterdrückung jeder politischen Opposition, wie man sie auch aus anderen totalitären Systemen kennt, ist die umfassende und brutale Unterdrückung und Entrechtung von Frauen inklusive drakonischer Gewaltmaßnahmen bei geringsten Regelverstößen ein herausstechendes Merkmal der Taliban-Herrschaft.
Die Machtübernahme der Taliban 2021 war für das OIIP – das Österreichische Institut für Internationale Politik – Anlass für eine Bestandsaufnahme, was das für die Menschen in Afghanistan und die internationale Gemeinschaft bedeutet.
Manizha Bakhtari (aus Kanada zugeschaltet), die von den Taliban nicht autorisierte Botschafterin Afghanistans in Österreich, machte deutlich, dass es nicht nur um Verstöße gegen Menschenrechte im Allgemeinen geht, sondern um eine gezielte Gender-Apartheid gegenüber Frauen vom Mädchenalter an, die ihnen schulische Ausbildung, jede Rolle in der Öffentlichkeit und jedes Recht verweigert. Doch nicht nur die Frauen sind die Leidtragenden – die dramatische Versorgungslage wurde bislang nur durch internationale humanitäre Hilfe gelindert. Die Gewaltherrschaft des Regimes hat unabhängige Gerichte und Medien ausgeschaltet, die Wirtschaft in den Abgrund geführt und das Land international weitgehend isoliert. Darüber hinaus ist dieses Regime nicht nur ein destabilisierender Faktor in der Region mit zahlreichen Konflikten mit den Nachbarländern, sondern ein globales Sicherheitsrisiko, von dem Europa in besonderem Maße betroffen ist.
Lukas Gahleitner-Gertz, Sprecher der Asylkoordination und Experte für Asylrecht, legte eine aufschlussreiche Bilanz zu den Asylverfahren in Österreich. In den offiziellen Berichten der Regierung wird die Situation vor Ort realistisch beschrieben, die Lage ist also bekannt. Damit in Einklang steht auch die hohe Anerkennungsquote von 85 % der Asylverfahren. Andererseits fokussiert sich die Politik trotz bekannter Menschenrechtsverletzungen in Afghanistan auf das Thema „Rückführungen“ – bislang betraf das sieben Personen von ca. 55.000 Geflüchteten!
Die Dramatik der Lage wird in unserer Öffentlichkeit zuweilen mit dem Hinweis relativiert, die Afghanen hätten sich dieses Regime ja selbst geschaffen.
Masomah Regl, Gründerin des afghanischen Kulturvereins FIVESTONES, korrigierte dies mit dem Hinweis, dass ca. 20 Bewegungen in Afghanistan bekannt seien, die zivilen und teilweise auch bewaffneten Widerstand leisten, humanitäre Hilfe organisieren, Schulen auch für Mädchen im Untergrund führen – und die auf die internationale Solidarität angewiesen sind.
Aber gerade die EU – und hier wieder Deutschland und Österreich als Vorreiter – agiert irritierend kontraproduktiv. Mit dem Fokus der populistischen Politik auf die Migrationsfrage – in Deutschland leben ca. 300.000 Geflüchtete aus Afghanistan, in Österreich ca. 55.000 – werden mit dem bislang international weitgehend isolierten Regime offizielle Verhandlungen unter dem beschönigenden Titel „technische Gespräche“ zum Thema Rückführungen aufgenommen, Vertreter der Taliban nach Brüssel eingeladen und damit diplomatisch de facto aufgewertet.
Wolfgang Petritsch sieht dafür keine plausiblen Begründungen – es gibt in Kabul ein Büro der EU-Delegation für Afghanistan. Technische Gespräche zu rechtlich zulässigen Rückführungen könnten ohne Aufwertung dieses Regimes dort geführt werden – ein Regime, das laut Petritsch ganz bewusst zentrale Punkte der internationalen Abkommen zur Normalisierung der Lage torpediert, etwa die Aufnahme von Gesprächen mit Vertretern jener Gruppierungen und Ethnien im Lande, die in der Regierung nicht vertreten sind.
Und was können wir hier in Österreich zu einer gedeihlicheren Entwicklung in Afghanistan beitragen? Drei zentrale Punkte wurden dazu angesprochen:
Die Ebene der Politik in Österreich ist in besonderem Maße gefordert, die aktuellen Möglichkeiten des Sitzes im Sicherheitsrat der Vereinten Nationen und auf EU-Ebene zu nutzen. Das Anliegen der afghanischen Regierung nach größerer Anerkennung muss an die Einhaltung der geschlossenen Vereinbarungen gebunden werden – insbesondere an die Beendigung der Gender-Apartheid und an die Aufnahme des inneren Dialogprozesses im Lande selbst.
Gleichzeitig ist die zivilgesellschaftliche Ebene gefordert – etwa bei der Unterstützung der Organisationen, die humanitäre Hilfe leisten, ohne die eine weitere Eskalation der bereits jetzt für Millionen Menschen herrschenden existenziellen Not mit allen Folgewirkungen zu befürchten wäre. Oder in der Unterstützung jener, die ein gutes Zusammenleben mit den Geflüchteten bei uns befördern.
Und schließlich gilt es, dem innenpolitisch motivierten Narrativ der Flüchtlingskrise inklusive Scheindebatten rund um Rückführungen realistische Berichte über die Lage in Afghanistan entgegenzustellen. Wo die Regierungs-PR die völlig unbedeutenden Abschiebungsbemühungen (7 von 55.000!) hochspielt und damit ein völlig verzerrtes Bild der afghanischen Diaspora verbreitet, haben die Medien eine umso wichtigere Aufgabe: Aufzuklären über die Lage in Afghanistan und über die Menschen hier bei uns, denen Asylstatus zuerkannt wurde. Und zu berichten über die vielen von ihnen, die bereits jetzt wichtige Leistungen für unsere Gesellschaft erbringen. Und über jene, die noch viel mehr einbringen könnten – würde man sie nicht marginalisieren und diffamieren.
Es würde dann unserer Gesellschaft leichter fallen, nicht nur das Leid, sondern auch das Potential der Geflüchteten anzuerkennen und mehr Verständnis für die komplexe Lage in dieser Region zu entwickeln.
Alle Bilder: © Dolf Andel, 2026-08-11

