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Der letzte Schritt

Schweden galt jahrzehntelang als sozialdemokratisches Vorzeigeland. Nirgendwo – von der Bundeshauptstadt Wien einmal abgesehen – hielten sich die Sozialdemokraten so lange ununterbrochen an der Macht, und ihr Konzept des „Volksheims“ galt sowohl Willy Brandt als auch Bruno Kreisky als Vorbild für ihre Vorstellungen von einem Wohlfahrtsstaat. Doch der Glanz von einst ist längst verblasst.

Von Andreas Pittler

Dabei war es ursprünglich umgekehrt gewesen. Die erwachende Arbeiterbewegung Schwedens nahm sich an der deutschen Sozialdemokratie ein Beispiel, und das allererste Parteiprogramm, dass sich die schwedische Arbeiterpartei unter Hjalmar Branting gab, würde heute von Plagiatsjägern als schlicht vom Erfurter Programm der SPD 1891 abgeschrieben bewertet werden. Tatsächlich erlebte die SAP einen ähnlich schwindelerregenden Aufstieg wie die SPD und war 1914 stärkste Kraft im Reichstag.

Ihre moralische Integrität konnten sich die schwedischen Roten nicht zuletzt auch deshalb bewahren, weil sie – anders als die Sozialdemokraten in den kriegführenden Ländern – keinen Kriegskrediten zustimmen mussten, da Schweden 1914 seit nahezu 200 Jahren neutral war. Branting konnte sich sogar als Vermittler profilieren, fand doch just in Stockholm 1917 eine Friedenskonferenz statt, die quasi das sozialdemokratische Gegenstück zu den kommunistischen Bemühungen in Zimmerwald und Kienthal darstellte.

Dass aber auch in Schweden eine radikale Stimmung in der Arbeiterschaft bemerkbar war, zeigte sich an der Sympathie proletarischer Schichten für die Revolution in Russland. Tatsächlich spaltete sich die Linke in Schweden schon 1917 von der SAP ab und erzielte bei den Reichstagswahlen im September jenen Jahres auf Anhieb über acht Prozent der Stimmen, während die SAP mit knapp 29 Prozent immer noch stärkste Kraft im Parlament blieb. Nach dem Ende des Weltkriegs avancierte Branting zum schwedischen Regierungschef, und er sowie sein Nachfolger Per Albin Hansson (nach dem eine der größten Wiener Gemeindebausiedlungen benannt ist) legten den Grundstein zu einer Dominanz, welche die SAP bis 1976 ununterbrochen an der Macht halten sollte.

Dies war einerseits dem schwedischen Wohlfahrtsmodell geschuldet, von dem viele Arbeiter*Innen in mannigfacher Form profitierten. Der kommunale Wohnbau wurde von der SAP massiv forciert und sorgte dafür, dass streckenweise bis zu drei Viertel aller Wohnungen dem geschützten Bereich staatlich subventionierter Mietpreise unterlagen. Soziale Ausgestaltung der Arbeitsverhältnisse inkludierte auch eine kostengünstige Partizipation am öffentlichen Leben, wobei sich die SAP am „roten Wien“ ein Beispiel nahm. Zahlreiche Organisationen – von den Arbeiterfischern und -sängern über eigene Reisebüros und sozialdemokratischen Feriensiedlungen bis hin zu Fortbildungseinrichtungen wie den schwedischen Volkshochschulen – sorgten dafür, dass die schwedische Arbeiterschaft sich als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft sehen und ein dementsprechendes Selbstbewusstsein entwickeln konnte.

Dafür nahm man auch hin, dass die Regierung Hansson zwischen 1940 und 1945 einen politisch eher fragwürdigen Kurs steue…

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