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Mehr Sicherheit ohne Waffen!

Zum 50. Todestag von Professor Hans Thirring

Von Werner Wintersteiner

Am 22. März 2026 jährt sich der Todestag des renommierten Physikprofessors und engagierten Friedensaktivisten Hans Thirring zum 50. Mal – Anlass genug, um sich seines Werks zu erinnern und vergessene Traditionen von Friedensdenken und Friedensstrategien für heute fruchtbar zu machen.

Wer war Hans Thirring?

Hans Thirring (Aufnahme von Georg Fayer, 1927, gemeinfrei)

Der Wiener Universitätsprofessor Hans Thirring (1888-1976) war eine anerkannte Koryphäe auf dem Gebiet der Theoretischen Physik, der u.a. einen wichtigen Beitrag zur allgemeinen Relativitätstheorie geleistet hat und mit Albert Einstein befreundet war. Er betätigte sich aber auch als Erfinder und engagierte sich bald schon politisch. Militarismus und Krieg betrachtete er seit seiner Jugend als „Schandfleck der Zivilisation“. Bereits in den 1930er Jahren friedenspolitisch aktiv, begann er, der Physiker, sich mit Psychologie und Politik zu beschäftigen. In der NS-Zeit wegen seiner antifaschistischen Haltung und der Beschäftigung mit der „jüdischen“ Relativitätstheorie in den Zwangsruhestand versetzt, verfasste er sein philosophisches Hauptwerk, Homo Sapiens, in dem er den Weg „vom Nationalismus zum Weltbürgertum“ zeichnete. Als er 1946 seine Tätigkeit an der Universität Wien wieder aufnehmen durfte, publizierte er als erster Wissenschaftler weltweit ein Werk über Die Geschichte der Atombombe, das bald als Standardwerk angesehen wurde und in dem er bereits den Bau der Wasserstoffbombe voraussah. Seither engagierte er sich mit all seinen Kräften für Abrüstung und Frieden. Mit seinem Buch Atomkrieg und Weltpolitik (1948) profilierte er sich als Friedensaktivist, der es geschickt verstand, im Kalten Krieg von keiner Seite vereinnahmt zu werden. Er gehörte dem Vorstand der 1946 gegründeten Liga für Menschenrechte an, war Berater des Präsidiums der Österreichischen Friedensgesellschaft (ÖFG), in deren Rahmen er 1947 auch seinen Konkrete[n] Vorschlag zur geistigen Abrüstung (Thirring) publizierte. Eine Zeitlang war er auch Mitglied des Österreichischen Friedensrats. Als einziger deutschsprachiger Wissenschaftler wurde er zur ersten Pugwash-Konferenz 1957 nach Kanada eingeladen. Er wurde zum Mitbegründer der gleichnamigen Vereinigung von Naturwissenschaftler*innen, die vor den Gefahren der atomaren Aufrüstung warnten. Zweimal brachte er die Pugwash-Konferenzen nach Österreich und sorgte damit für die Verbreitung der Friedensidee – jenseits der beiden ideologischen Lager im Kalten Krieg. Auf diese Weise bereitete er auch den Boden für die aktive Neutralitätspolitik Bruno Kreiskys, der Thirrings Pugwash-Initiative tatkräftig unterstützte. Diese von Thirring mitbegründete Bewegung ist bis heute sehr aktiv und hat kürzlich auch ein Statement abgegeben, in dem der Angriff der Atommächte USA und Israel auf den Iran mit deutlichen Worten als völkerrechtswidrig verurteilt wird.

Der Thirring-Plan

In seiner Zeit als SPÖ-Mitglied des Bundesrats (seit 1957) entwickelte Hans Thirring 1963 das Memorandum Mehr Sicherheit ohne Waffen, den sogenannten »Thirring-Plan« zur einseitigen Abrüstung Österreichs. Dieser sah parallel zur Auflösung des Bundesheeres Verträge mit allen Nachbarstaaten vor, die offiziell erklären würden, keinerlei territoriale Ansprüche gegenüber der Republik zu haben. Als Gesten ihres guten Willens würden diese Staaten ihre Streitkräfte von den Grenzen zurückziehen. Österreich würde von der UNO als Modell eines abgerüsteten Staates und als „Testobjekt der Möglichkeit friedlicher Koexistenz“ anerkannt. Unbewaffnete UNO-Soldaten würden Österreichs Grenzen überwachen. Damit sollte das neutrale Österreich in einer Zeit von Spannungen durch einseitige nationale Abrüstung einen Anstoß für weltweite Abrüstung und Ächtung der Kriege geben. Erklärtes Ziel war es, eine globale Abrüstungsdynamik in Gang zu setzen. Mit diesem Vorschlag zu einer weltweit beachteten Vorleistung in Sachen Abrüstung, einer explizit friedenspolitischen Intervention, hat der Wissenschaftler ein Tabu gebrochen, eine Debatte angestoßen und eine Denkmöglichkeit eröffnet. Es war sozusagen eine „Schubumkehr“ des Diskurses: Sicherheit nicht mehr durch permanente Drohgebärden, durch Abschreckung und weitere Aufrüstung, sondern eben Mehr Sicherheit ohne Waffen. Thirring, und das ist vielleicht sein größtes Verdienst, hat damit die „tödliche Utopie der Sicherheit“ (Erhard Eppler), eben die Abschreckungsdoktrin, nicht nur als gefährliche Illusion entlarvt, sondern auch Alternativen aufgezeigt.

Für seine Annahmen gab es durchaus gute Gründe. Zu Beginn der 1960er Jahre wurden, trotz (oder gerade wegen) der Kubakrise, immer wieder Versuche der Deeskalation im Kalten Krieg unternommen. 1962 verständigten sich die Großmächte auf die multilaterale Genfer Abrüstungskonferenz, die unter Schirmherrschaft der UNO stattfand und zunächst 17 Staaten umfasste. Die Notwendigkeit und Dringlichkeit einer allgemeinen und vollständigen Abrüstung wurde von einer zunehmenden Anzahl führender Politiker*innen anerkannt. Das internationale Klima war günstig für Abrüstungsvorschläge. Doch die Verhandlungen gerieten bald ins Stocken. Zu groß war das gegenseitige Misstrauen der Supermächte.

Hans Thirrings friedensdiplomatischer Vorschlag hat als Antwort auf diese Pattsituation eine kreative Variante der damals (zumindest in einschlägigen Kreisen) häufig diskutierten einseitigen Abrüstung vorgeschlagen. Erst in diesem Kontext ist die Bedeutung seines Plans wohl erst voll erfassbar.

Thirring im Kontext der Vorschläge für einseitiger Abrüstung als Friedensstrategie

Zu Beginn der 1960er Jahre entwickelte der amerikanische Sozialpsychologie Charles Osgood das Konzept der Graduated reciprocation in tension reduction (GRIT) strategies. Sie basieren auf dem Konzept der Gegenseitigkeit und sollen zwei Parteien in einer Pattsituation helfen, wieder erfolgversprechende Verhandlungen zu führen. Dabei ist eine Partei bereit, einseitige Vorleistungen bei der Abrüstung zu bringen, die der Gegenseite deutlich signalisieren, dass ihre Bedrohung sinkt, ohne deswegen die abrüstende Partei völlig zu entwaffnen. Es wird nun auch von der Gegenpartei ein Schritt in dieselbe Richtung erwartet, aber ohne solch einen Schritt direkt zu verlangen. So soll eine Abrüstungsdynamik in Gang gesetzt werden.

Osgoods Konzept war für Erich Fromm der Anstoß, sich ebenso der Idee einer einseitigen Abrüstung zu widmen. In seinem Aufsatz Gründe für eine einseitige Abrüstung (1960) verwies er – sehr aktuell – auf die Irrationalität des Versuchs, die eigene Sicherheit durch Vernichtungsdrohungen und Abschreckungsstrategien zu erwirken. Fromm vertrat demgegenüber die Logik einer konsequenten Friedenspolitik, um die Spirale der atomaren Hochrüstung zu stoppen. Denn er war davon überzeugt, „dass die Risiken eines weiteren Wettrüstens weit größer sind als die durchaus ernst zu nehmenden Risiken einer einseitigen Abrüstung.“ Ganz im Sinne Thirrings ist auch sein Argument, dass bereits der Vorschlag, unabhängig von seiner Realisierbarkeit, dazu beitragen kann, „die Denkbarrieren zu durchbrechen, die uns jetzt daran hindern, aus dem Teufelskreis von Drohung und Gegendrohung herauszukommen.“ Und auf jeden Fall, so Fromm, ist einseitige Abrüstung „ein Akt des Mutes und des Widerstandes – nicht der Feigheit und Unterwerfung.“

In dieser Tradition schlug nun Thirring ebenfalls einseitige Abrüstung vor – allerdings erwartete er diesen Schritt zuerst einmal nicht von einer in die Konfrontation verwickelten Großmacht, sondern zunächst von einem schwach gerüsteten neutralen Kleinstaat, für den das Risiko zweifelsohne geringer ist. In diesem Licht versteht man wohl am besten, dass Thirrings Idee sich keineswegs als eine Strategie speziell für Österreich verstand, sondern als plausible österreichische Strategie für die Welt.

Thirring und die verschüttete Tradition gewaltfreier Verteidigung

Ernst Schwarcz: „Mehr Sicherheit ohne Waffen II“ (1976)

Thirrings Plan hat sich zwar in der österreichischen Politik nicht durchgesetzt, aber er hat in vielfacher Hinsicht auf andere gewirkt und deren Aktivitäten bestärkt und gefördert. (siehe Wintersteiner 2025, v.a. S. 55ff.) Dabei hat Hans Thirring ganz auf Friedensdiplomatie und das moralische Gewicht einer zur Schau gestellten militärischen Wehrlosigkeit gesetzt. Doch bald schon haben Pazifist*innen seine Idee aufgegriffen und sie um den gewaltlosen Widerstand ergänzt. Der österreichische Friedensaktivist und Verleger Ernst Schwarcz hat 1976 ein Buch Mehr Sicherheit ohne Waffen II. Die Verteidigung Österreichs durch gewaltlosen Widerstand veröffentlicht. Der Titel nahm ganz gezielt auf Thirring Bezug, und dieser hat auch noch, knapp vor seinem Tod im Frühjahr 1976, das Vorwort verfasst. Ernst Schwarcz, Ehrenvorsitzender des österreichischen Zweigs des Internationalen Versöhnungsbunds, referierte den Thirring-Plan von 1963, um dann als aktuellstes Beispiel auf den gewaltfreien Widerstand der Tschechoslowakei gegen die Invasion des Warschauer Pakts 1968 einzugehen. Er argumentierte, dass dieser Widerstand „bei einer kritischen Analyse sehr wohl als Beispiel für eine Modifizierung dieses Plans im Sinne einer Ergänzung durch gewaltlose Verteidigungsmethoden dienen kann“ (S. 10) Dem folgten eine Untersuchung der Stärken und Schwächen des tschechoslowakischen Widerstands und die Darstellung erfolgreicher Beispiele für gewaltfreie Methoden. Den Hauptteil aber machte der genau argumentierte Vorschlag aus, die österreichische Landesverteidigung auf nicht-militärische Art zu organisieren. Dabei ging Schwarcz realistischerweise davon aus, dass ein Ersetzen des Militärs durch unbewaffnete Kräfte nicht durchsetzbar wäre, und er plädierte daher für ein Nebeneinander beider Verteidigungsformen. Es ist nicht nur historisch interessant, sondern sei unseren heutigen Politiker*innen und Militärs ins Stammbuch geschrieben, dass es damals in Österreich ein offenes Ohr für diesen Vorschlag gab. Schwarcz zitierte General Spannocchi und den (ehemaligen) Verteidigungsminister Prader wie auch den Politikwissenschaftler Anton Pelinka, die sich alle für ein Sowohl-als-auch aussprachen. Es war eine Zeit, in der Politik und Militär noch von keiner Rüstungshysterie erfasst waren und man Schlagworte wie „Kriegstüchtigkeit“ wohl entrüstet zurückgewiesen hätte.

So kommt Schwarcz schließlich zu dem Schluss:

„Nicht zuletzt angesichts der geradezu unvorstellbaren Vernichtungskapazitäten des heutigen Militärapparats, besonders der Großmächte, gibt es für einen ‚österreichischen Verteidigungsfall‘ keine vernünftigere Alternative als die gewaltlose Verteidigung. Denn nur mit dieser Verteidigungsform kann das Ausmaß der Zerstörung und kann die Zahl der Opfer so niedrig wie möglich gehalten werden, ohne dass der angreifenden Macht die Möglichkeit geboten wird, ihr politisches Ziel zu erreichen.“ (S. 64)

Das sind Sätze, die heute so gültig wie damals sind, wenn nicht sogar noch zutreffender – angesichts der gigantischen Weiterentwicklung der Waffenarsenale.

Das Vermächtnis von Hans Thirring

Es ist eine Tragik, dass all diese Erkenntnisse heute, wo wir sie dringend bräuchten, ignoriert werden oder auch weitgehend vergessen sind. Möge der 50. Todestag Thirrings ein Anlass sein, seine Ideen und sein Wirken, wie auch das der mit ihm verbündeten Zeitgenossen, wieder neu zu studieren, und daraus Einsichten zu schöpfen, die uns in der heutigen Zeit der Überrüstung, des Ignorierens von Völkerrecht und internationaler Vereinbarungen, der Zeit des künstlich erzeugten „Dauer-Verfolgungswahns?“ (Ernst Schwarcz) sehr nützlich sein können. In diesem Sinne soll abschließend Hans Thirring nochmals selbst zu Wort kommen – mit Aussagen, die angesichts des unfassbaren Krieges der USA und Israels gegen den Iran schaurig aktuell klingen:

„Die schlimmsten unter den vermeidbaren Übeln sind im gegenwärtigen Zustand der Menschheit die Kriege. Es ist absolut falsch, die Kriege als die unvermeidbaren Folgen eines biologisch notwendigen Kampfes ums Dasein aufzufassen. Wenn man von den Befreiungskriegen absieht, hat es sich vielmehr bei den großen militärischen Auseinandersetzungen des Mittelalters und der Neuzeit entweder um gewissenlose Verbrechen machthungriger Despoten gehandelt oder um Streite um eingebildete Werte und um Ideale, die späteren Generationen sehr bald vollkommen gleichgültig und uninteressant erscheinen müssen. Das gilt für die Religionskriege genau so wie für jene ideologischen Kriege, die zu Ehren des Götzen unserer Zeit, der Nation, geführt werden. Die faschistischen Diktatoren haben ihren Völkern, die sie in den Weltkrieg hetzten, eingeredet, daß sie zur Verteidigung der heiligen Belange der Nation und zur Erkämpfung ihres Lebensraumes zu den Waffen greifen müssen — in Wirklichkeit hat es sich aber um eine überdimensionale und ins Verbrechen entartete Donquixoterie romantisch veranlagter Psychopathen gehandelt.“ (Hans Thirring 1947)


Wintersteiner, Werner (Hg.): „Mehr Sicherheit ohne Waffen“. Zur Aktualität von Hans Thirrings Friedensplan, Promedia 2025

Zitierte Literatur:

Erich Fromm (1960): Gründe für eine einseitige Abrüstung (The Case for Unilateral Disarmament). Als E-Book herausgegeben und kommentiert von Rainer Funk.

Ernst Schwarcz (1976): Mehr Sicherheit ohne Waffen II. Die Verteidigung Österreichs durch gewaltlosen Widerstand. Wien: Sensen-Verlag.

Hans Thirring (1947): Anti-Nietzsche. Anti-Spengler. Gesammelte Aufsätze und Reden zur demokratischen Erziehung. Wien: Verlag der Ringbuchhandlung A. Sexl.

Werner Wintersteiner (Hg.) (2025): Mehr Sicherheit ohne Waffen. Der Thirring-Plan und seine aktuelle Bedeutung. Wien: Promedia Verlag.


Titelbild: Unsere Zeitung (Collage erstellt mit genspark.ai)
Andere Bilder: Werner Wintersteiner

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